Diskussion über Schul-DVD "Zeitreisen2" : Die DDR und das Positive

Keine Scheu mehr vor Debatte: Gymnasiasten diskutieren über die  neue DVD. urei
Keine Scheu mehr vor Debatte: Gymnasiasten diskutieren über die neue DVD. urei

"Treffen sich zwei Hunde auf einer Oderbrücke zwischen der DDR und Polen..." - Mit einem Witz versucht Bildungsminister Tesch, die Stimmung aufzuhellen. Etwa 40 Abiturienten diskutierten über die Schul-DVD "Zeitreisen2"

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05. November 2010, 12:00 Uhr

Schwerin | Aber zurück zum Witz: Treffen sich zwei Hunde auf einer Oderbrücke zwischen der DDR und Polen. Sagt der Hund aus der DDR: "Was willst du denn hier?" Der polnische Hund: "Mich endlich mal wieder satt essen. Aber was, um Gotteswillen, willst du in Polen?" Antwort des DDR-Hundes: "Endlich mal wieder bellen."

So wie das Licht, das angegangen ist, nachdem ein Kurzfilm aus der Serie "Zeitreise", die das Nordmagazin jeden Sonntag zeigt, die Geschichte von Stefan Metzler und Rene Kretschmann erzählt hat. Es ist eine Geschichte aus der DDR und es ist eine von getrennten Familien, von Heimen und schließlich vom Jugendwerkhof Olgashof" zwischen Schwerin und Wismar, in dem beide schließlich gelandet sind - ohne eigene Schuld. Die Umerziehung zum "neuen Menschen" ist das Thema und zum Teil auch die brutalen Methoden von Schlägen über Arrest bis zur Ruhigstellung mit Medikamenten. Ein zweiter Film zeigt die Geschichte einer jungen Kanutin aus Neubrandenburg, die Weltmeisterin wurde. Ein Kontakt mit Kanadiern bedeutet ihr sofortiges sportliches Aus. Das Glückwunschtelegramm Erich Honeckers zum WM-Sieg trifft ein, als sie schon suspendiert ist. Insgesamt elf Filme vereint die DVD, die nun im Unterricht verwandt werden kann.

Die Schüler aus Bergen, aus Dömitz und Schwerin sind die ersten, die die DVD und das Begleitbuch in den Händen halten. Mit ihrer Meinung hinterm Berg halten sie nicht 20 Jahre nach der Wende. "Was man meistens hört, ist, dass sie in der DDR was für die Familien getan haben", meint der junge Mann gleich zu Beginn. Das, was der Film über die Jugendwerkhöfe erzähle, habe er noch nicht gewusst - "schockierend", nennt es nicht nur er. Und fügt hinzu: "Dass es eine Diktatur war, weiß ich aber." Da scheinen sich alle einig, Fragen zur DVD aber gibt es schon. "Meine Oma hat in der DDR studiert und die Ausbildung war top", sagt Stefanie Möller aus Bergen. "Und ich glaube, die haben das auch so gewollt, denn die wollten ja gut ausgebildete Leute", hält die blonde junge Frau Reimund Roost entgegen. Der Lehrer aus Dömitz hat gerade von der DDR als totalitärem System gesprochen: "Das Positive da war von den Machthabern ja nicht gewollt. Beispielsweise haben sie nicht den Zusammenhalt gewollt." Das Thema Unrechtsstaat auch hier - bei jungen Menschen, die die DDR nicht mehr kennengelernt haben. Minister Tesch bringt sich ein und findet Formulierungen, die wohl wenig polarisieren: "Es war nicht alles Unrecht, aber das Unrecht des Staates hat zahllose Menschen täglich beeinflusst". Mehrmals zuvor war die Frage von Schülern aufgetaucht, ob denn auf der DVD nicht auch etwas Gutes zu sehen sei - bisher habe man nur die schlechten Seiten gesehen. Auch ein Lehrer stellt die Frage, ob Medien nicht mit Betroffenheit suggestiv Meinungen bilden. Das Wort manipulieren will er sich offenbar sparen. Und eine Kollegin wünscht sich, "dass wir ein Geschichtsbild vermitteln können, mit dem sich alle arrangieren können". Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, steht indes für die Direktorin des Funkhauses, Elke Haferburg, fest: "Das ist Fakt und das wird dargestellt." Allerdings sei die DVD lediglich ein Ausschnitt aus der gesamten Serie "Zeitreise" des Nordmagazins. Dort würden eben auch Geschichten darüber erzählt, dass es auch Spaß, Liebe und unbelasteten Alltag gab.

Es ist dann die Geschichte, die Schulleiter Klaus Niemann erzählt, die das totalitäre System DDR auf den Punkt bringt. Schwierig sei es als Handwerkersohn für ihn gewesen, zum Studium zugelassen zu werden. Und richtig empört war er, als er seine Beurteilung in den Händen hielt: "Ich hätte ein gestörtes Verhältnis zu meinen Eltern, hat die Lehrerin geschrieben. Wie kam die dazu? Was nimmt die sich raus?" Erst später habe sich herausgestellt, dass der Eintrag ihm sein Studium ermöglicht habe - die Lehrerin hatte die Funktionsweisen des Systems für ihn genutzt.

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