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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 20:53 Uhr

Die blauen Äpfel von Auschwitz

vom

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erstellt am 27.Jan.2011 | 06:20 Uhr

Neustrelitz | Ein Ritter und ein Bogenschütze. Ein Feind, den der Ritter mit dem Schwert bedroht. Ein buntes Kinderbild. Noch eines, gleich darunter: ein Huhn auf farbigem Grund, ein Raubtier, Fuchs oder Krokodil mit riesigem weit aufgesperrten Rachen, auf dem Weg in den Hühnerstall.

Dann kam das Raubtier. Nur Max hat überlebt.

Die bunten Bilder hat Max gemalt, in seinem Zuhause, dem Hühnerstall. Mutter und Vater Heppner wohnten auch dort, versteckt von Menschen in Südholland von September 1942 bis Ende 1944. Dann kam das Raubtier. Nur Max hat überlebt wie einige tausend andere Mädchen und Jungen auch in Verstecken und in den Lagern. 1,5 Millionen jüdische Kinder nicht. So hoch schätzt die israelische Forschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ihren Anteil an den insgesamt während der Shoa, dem Holocaust, ermordeten sechs Millionen Juden.

Das Schicksal der Kinder, ihre Geschichte und ihre Geschichten sind jetzt zu sehen in einer Ausstellung, die Yad Vashem gemeinsam mit dem österreichischen Freundeskreis der Gedenkstätte konzipiert hat. Die Tafeln mit den Bildern, den Fotografien und Texten hat das Landestheater Neustrelitz in seine Räume geholt, gestern Abend, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, war Eröffnung. Zu sehen ist "No Childs PLay - Kein Kinderspiel. Kinder im Holocaust" dort noch bis zum 7. Februar. Vom 14. Februar an wird die Ausstellung dann im Landratsamt in Waren gezeigt, möglicherweise wird sie auch noch in Neubrandenburg und Güstrow aufgebaut, sagt der leitende Dramaturg des Landestheaters, Matthias Wolf, der die Exposition betreut.

Er und seine Mitarbeiter bieten auch Führungen an, mehrere Anmeldungen von Schulklassen liegen schon vor. Dabei geht die Ausstellung einen sehr schwierigen Weg - schon ab der dritten Klasse soll sie Mädchen und Jungen gezeigt werden. "Das Konzept dabei ist, dass wir vom Kleinen zum Großen gehen, den Einzelnen und die Familien in den Vordergrund stellen. Die Individualisierung soll die Empathie schulen." Gezeigt werden soll, sagt Wolf, was es heißt, ständig verfolgt zu werden oder im Versteck zu leben. Ein Konzept, das auch bei Erwachsenen funktionieren kann, die es gewohnt sind, die Shoa von ihrem Ende und den unbegreiflichen, abstrakt scheinenden Zahlen her zu denken.

Integriert in die Ausstellung ist auch eine CD, auf der Überlebende aus dem Warschauer Ghetto und der Kinderbaracke im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau berichten.

"Die Kinder aus der Baracke duften einmal in der Woche einen Rundgang machen, auf dessen Weg auch ein kahler Apfelbaum lag, den sie zeichnen sollten. Auf einem der Bilder sind Äpfel zu sehen - große blaue Äpfel", sagt Wolf, ohne erklären zu müssen, dass das Kind in Auschwitz die Frucht noch nie gesehen hatte. In den Ghettos versuchten jüdische Kinder unterdessen auch mit dem Verkauf selbst gebastelter Spielzeuge ihre verhungernden Familien vor dem Tod zu retten. Eines dieser Spielzeuge ist die aus Metallresten gebaute Puppe von Pauline Hirsch Klauber aus dem Ghetto Theresienstadt, zu sehen auf einer der Tafeln.

"Die letzte Zeugin einer furchtbaren Kindheit"

Auch Eva Modval-Hei mowitz aus dem transsilvanischen St. György und verschleppt in die Lager Tolmc und Kistarusa, hatte eine solche Puppe. Sie hatte sie noch 1945 und die Puppe Gerta war ihre Begleiterin nach Israel.

Heute ist sie im Besitz von Yad Vashem, übergeben von Eva Modval-Heimowitz gemeinsam mit einem Abschiedsbrief an Gerta. "Liebe Gerta", steht auf der Tafel der Ausstellung, "du wirst die letzte Zeugin einer furchtbaren Kindheit sein... Die einzige Gedenkstätte, die ich für meinen Vater, meinen Großvater und meine Großmutter habe, ist Yad Vashem."

Die Ausstellung im Landestheater steht in einer Stadt, die Neonazis schon öfter in die Schlagzeilen gebracht haben. Unter anderem mit der öffentlichen Forderung nach der Todesstrafe für Kinderschänder.

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