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Flucht nach Mecklenburg : „Die Bestien haben uns gefunden“

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Aus der Onlineredaktion

Ursela Maertin ist vor mehr als 70 Jahren aus ihrer Heimat geflüchtet. Ihre Geschichte hat sie aufgeschrieben – eine Zeit, die unvergessen bleibt

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erstellt am 25.Sep.2016 | 08:00 Uhr

„Wenn ich Ihnen von meinen grausamen Erlebnissen bei der Befreiung 1945 erzähle, werden Sie froh sein, dass Sie zu dieser Zeit nicht leben mussten.“ 2010 hat Ursela Maertin diese Zeilen an Bundeskanzlerin Angela Merkel verfasst. „Ich habe allen hochrangigen Politikern geschrieben. Frau Merkel hat nie geantwortet. Jetzt fällt mir das Schreiben schwer.“ Die 90-Jährige trägt an ihrer linken Hand eine Bandage, das Gehen ist umständlich und zum Lesen braucht sie eine Brille. Nimmt sie sie ab, verschwimmen die Buchstaben, alles wird unscharf. Glasklar bleiben nur die Erinnerungen in ihrem Kopf, vor allem die von vor mehr als 70 Jahren. Sie schließt die Augen beim Erzählen. Manchmal massiert sie ihre Schläfen, stützt die Stirn mit ihrem Arm. Manchmal schaut sie gedankenverloren aus dem Fenster, den Tränen ganz nah.

Ursela Maertin ist eine Geflüchtete, eine Vertriebene. 1944 ließ sie ihre Kindheit in Ostpreußen zurück, getrieben vom Peitschenhieb des Krieges. Sie wuchs in einem kleinen Fischerdorf am Kurischen Haff auf. Ihre Eltern pflegten einen Bauernhof. „Ich liebte die Pferde. Ich war glücklich.“ – Bis 1942. „Mein Bruder und mein Vater wurden einberufen, sollten an der Front kämpfen. Wer verweigerte, unterschrieb sein Todesurteil“, erzählt Maertin . „Wir haben Hitler nie gewählt. Wir wussten, er würde Unheil bringen.“ Drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag zeigte ihr der Tod zum ersten Mal sein hässliches Gesicht. „Wir erhielten die Nachricht, dass mein Bruder gefallen war. Er war gerade erst 20. Mutter und Großmutter haben nur geweint. Sie wussten ja nicht, dass das traurigste Kapitel unseres Lebens erst beginnen sollte.“ Weil die deutsche Wehrmacht Bomben am Haff versteckte, musste die Familie 1944 umsiedeln. „Bevor die Russen kamen, sollten die Bomben gesprengt werden. Mein Heimatdorf flog in die Luft“, erzählt Maertin. „Wir konnten uns mit zwei Pferdewagen davonstehlen.“ Auf einem Gut im samländischen Pobethen fanden sie Unterschlupf. „Meine Oma litt an einer Lungenentzündung. Es gab weder Ärzte noch Medikamente. Wir mussten zusehen wie sie stirbt“ – Bilder, die nie verblassen werden, ein Albtraum ohne Erwachen. „Es war grausam, einfach schrecklich.“ Maertins Stimme senkt sich, verstummt. Die 90-Jährige setzt erneut an: „Die Zukunft darf die eigene Geschichte nicht vergessen. Deshalb habe ich aufgeschrieben, was ich erlebt habe.“ Obwohl Jahrzehnte zwischen dem Damals und Heute liegen, würde es immer noch weh tun, jede Erinnerung sei ein Stich ins Herz. „Nachdem Großmutter verstorben war, versuchten wir von Pillau aus über die Ostsee zu fliehen. Aber es kamen kaum noch Schiffe an. Meine Schwester und ich gingen jeden Tag voller Hoffnung zum Hafen.“ Die Stadt, die heute als Baltijsk bekannt ist, sei ein Auffangbecken für Vertriebene gewesen. „Alle haben auf Schiffe gewartet.“ Eines Tages hätten russische Kampfjets das Gebiet überflogen. „Sie haben die Menschen reihenweise abgeschossen.“ Ursela Maertin erinnert sich an eine junge Frau und ihren Säugling: „Das Baby schrie im Kinderwagen, seine Mutter lag in ihrer eigenen Blutlache daneben. Wir konnten das Kind doch nicht mitnehmen.“ Noch heute fragt sich die 90-Jährige, was aus dem Jungen geworden ist. Noch heute fragt sie sich, wie Menschen dazu in der Lage sind, andere kaltblütig zu ermorden. „Es kam ein Schiff an und obwohl es schon voll war, schleusten uns die Matrosen mit an Bord. Sie gaben uns Rettungswesten, sagten, wir sollten ins Wasser springen, wenn wir angegriffen werden. Das Wasser hatte minus zehn Grad.“ Die Überfahrt verlief ohne Probleme. „Wir kamen in einem Camp in Danzig an. Aber dort wollten wir nicht bleiben. Es hieß, dass ein Passagierschiff alle Verwundeten und möglichst viele Flüchtlinge nach Swinemünde bringen wollte.“ Ursela Maertin und ihre Familie bekamen keinen Platz auf dem Dampfer, stattdessen fuhren sie mit einem Autozug nach Stettin. Sie krochen unter die kaputten Fahrzeuge, nur eine Plane schützte sie vor den eisigen Temperaturen. „Wir waren halb erfroren, aber froh, denn am nächsten Tag hörten wir von einem Angriff auf das Passagierschiff. Was hatten wir nur für ein Glück.“ An das Flüchtlingslager in Swinemünde kann sich Maertin noch sehr gut erinnern: „In den Wänden schlummerten Wanzen, wir bekamen Läuse, aber es war warm und wir hatten etwas zu essen. Wir wollten länger bleiben, wurden aber nach wenigen Tagen wieder weggeschickt.“ Glück im Unglück, denn am 12. März 1945 wurde die Stadt durch die 8. US-Luftflotte zum großen Teil zerstört. 2000 Menschen starben. „Wir wurden zu einem Bauernhof geschickt. Die Bäuerin war die unfreundlichste Person, die ich je kennengelernt habe. Ich wollte nicht bei ihr arbeiten und suchte mir einen Job bei der Post in Neukloster.“ Die Arbeit sei in Ordnung gewesen.

Doch dann kamen russischen Soldaten in die mecklenburgische Kleinstadt. „Wir hätten vorher wegmüssen. Doch es war zu spät. Wir versteckten uns in Besenschränken, aber die Bestien haben uns gefunden.“ Bei dem Gedanken an die Ankunft der deutschen Gegner bekommt Maertin Gänsehaut. Nur mit Mühe kann sie ein Weinen unterdrücken. „Sie haben uns vergewaltigt, eine nach der anderen. Sie haben gestunken, uns geschlagen, uns angespuckt. Sie waren die großen Sieger und sie nahmen sich alles, was sie wollten: Alkohol und Frauen.“

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges suchte Ursela Maertin ihren Vater und fand ihn auf einem Gut in Boizenburg. „Wir hatten kaum geglaubt, dass er noch lebt. Aber er war es wirklich. Er war da.“ Nie wieder wurde die Familie richtig glücklich. „Mein Vater starb 1963 bei einem Bootsunglück. Ich glaube, er ist über Bord gegangen, weil er das Leben nicht ertragen hat. Meine Mutter starb drei Jahre später an Krebs. Ich pflegte sie bis zum Schluss.“ Zu dieser Zeit lebte Maertin bereits in Rostock. Sie arbeitete als Sekretärin in der Stadtverwaltung, heiratete einen Seefahrer, bekam zwei Söhne. „Mein Mann starb vor zwei Jahren. Er hatte Demenz. Das Leben war nicht immer einfach.“ Am meisten stört Ursela Maertin, dass ihre Familie alles verloren und nie eine Entschädigung bekommen habe. Lange habe sie für Gerechtigkeit gekämpft, nun ist sie müde. Sie war in Therapie, um das Erlebte verkraften zu können. Es liegt aufgeschrieben und gut weggeheftet in einem Schrank bei ihr zuhause. „Ich hoffe, dass die Geschichte nie vergessen wird. Ich habe dazu beigetragen. Das ist alles.“

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