"Die beste Entscheidung meines Lebens"

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05. Juni 2012, 09:56 Uhr

Rostock | Gottmannsförde in Mecklenburg-Vorpommern, Potsdam in Brandenburg, Merzing im Saarland, Gießen in Hessen - immer wieder entschließen sich Mütter zum Äußersten, dazu, ihr Neugeborenes umzubringen oder unversorgt sich selbst zu überlassen. Längst nicht immer erfährt man, was dem vorausging, in welcher Notsituation sich die Frauen befanden.

Auch bei Antje* aus Rostock ist es noch nicht allzulange her, dass sie sich in einer scheinbar aussichtslosen Situation beinahe gegen das Kind entschieden hätte, das sie erwartete. Heute sagt sie erleichtert: "Wenn ich morgens aufwache und meine Tochter neben mir liegen sehe, wenn sie sich bewegt und mich anlächelt, dann weiß ich, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war, sie zu bekommen." Versonnen streichelt Antje* über das Köpfchen der Kleinen. "Dabei stand ich bis zum letzten möglichen Tag beim Arzt auf der Terminliste für den Schwangerschaftsabbruch…"

Wer die Rostockerin mit ihrem Baby sieht, mag das kaum glauben. Wer ihre Lebensgeschichte hört, versteht es eher: "Ich hatte einen gut dotierten Job, war jahrelang in Führungspositionen tätig. Alles, was ich haben wollte, konnte ich bekommen." Fürs Herz gab es einen Freund in Berlin - bis die Fernbeziehung daran zerbrach, dass die Mittdreißigerin mehr wollte: Nähe, eine Familie, Kinder.

Auch die Gesundheit machte der jungen Frau plötzlich einen Strich durch die Rechnung. Unterleibsbeschwerden. Krebsverdacht. Nach der Operation dann eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Der Tumor war nicht bösartig. Die schlechte gab man ihr sogar schriftlich: Sie würde niemals mehr Kinder bekommen können.

"Für mich war diese Krankheit eine Zäsur", erinnert sich Antje. Sie wechselte den Job, nahm eine schlechter bezahlte, aber ruhigere Arbeit an. "Geld ist seitdem nachrangig für mich, was zählt, sind Gesundheit und Leben." Auch ein Partner sollte zu diesem neuen Leben gehören. Doch der Mann, in den die Rostockerin sich verliebte, setzte in seinem Leben andere Prioritäten als sie: "Für ihn war alles käuflich."

Als Antje sich von ihm trennte, wusste sie noch nicht, dass sie schwanger war. Nach dem Befund beim Gynäkologen - "toll, wir können Ihnen gratulieren" - fiel sie in ein tiefes Loch. "Alles Geplante war plötzlich nicht mehr wahr. Mein ganzes neues Leben stand auf der Kippe. Ich hatte keine Rücklagen mehr, weil ich meine Aus- und Weiterbildung selbst bezahlt hatte. Und ich war in meinem neuen Job noch in der Probezeit. Für mich war klar, dass man mich nicht weiterbeschäftigen würde, wenn ich meine Schwangerschaft publik machen würde. Aber wie sollte ich ohne Arbeit und ohne Einkommen ein Kind großziehen?"

Dazu kam "schlimmer Druck", den ihr Ex-Partner auf sie ausübte. Er leugnete, der Vater zu sein - "das hat mich wahnsinnig gekränkt, denn ich war ihm treu".

Da die Schwangerschaft erst relativ spät festgestellt wurde, blieb der jungen Frau nur noch wenige Zeit, um sich für einen eventuellen Abbruch zu entscheiden. Die Gedanken fuhren Achterbahn: Sollte sie, oder sollte sie nicht?

"Es war Zufall, dass ich an der Beratungsstelle der Rostocker Stadtmission in der Stampfmüllerstraße vorbeikam" , erinnert sich Antje. "Vor einem Schwangerschaftsabbruch hätte ich ja sowieso zur Konfliktberatung gemusst, also bin ich reingegangen."

"Es ist ganz klar nicht unser Auftrag, Frauen in einer Notsituation, die sich bei uns beraten lassen, zu beeinflussen", betont Beraterin Miriam Scharnweber. Aber sie würde spüren, wie es den Frauen geht und ob es Türen gibt, die aufgestoßen werden können.

Viele Frauen würden im Beratungsgespräch große Nöte offenbaren - auch finanzielle. Doch selten seien wirtschaftliche Zwänge der einzige, ausschlaggebende Grund, wenn eine Frau über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenkt. "Ganz häufig steht an erster Stelle die Sorge um die Arbeit. Viele Frauen haben nur befristete Verträge, oder sie sind noch in der Ausbildung. "

Andere Frauen kämen in die Beratungsstelle, weil der Vater das Kind, das sie erwarten, ablehnt. "Das ist für diese Frauen doppelt belastend. Nicht nur, dass sie sich der Aufgabe stellen müssen, ihr Kind allein aufzuziehen. Sie fühlen sich oft auch zutiefst gekränkt, wenn ein Mann die Partnerschaft leugnet - und ihnen damit unterstellt, zu lügen und zu betrügen."

In der Beratungsstelle können die Frauen sich all das von der Seele reden - so oft sie wollen, betont Miriam Schwarnweber, und wenn sie es möchten auch anonym. Vor allem aber: "Niemand muss sich bei uns rechtfertigen, für das, was er tut oder denkt."

Wenn es um ganz praktische Hilfen geht, ginge es allerdings nicht ganz ohne Angaben zur Person. "Wir helfen Frauen dabei, Sozialleistungen oder auch Zuschüsse zu beantragen, die es ihnen leichter machen, ein Kind zu bekommen und zu erziehen." Bis zu sieben unterschiedliche Ämter und Behörden müssten dabei angelaufen werden "da sind wir als Berater froh, wenn wir auf dem Laufenden sind". Es sei kein Wunder, wenn viele Schwangere und junge Mütter auf Geld verzichteten, das ihnen zusteht, weil sie davon einfach nichts wüssten.

Viele Frauen kommen auch dann noch in die Stampfmüllerstraße, wenn ihre Kinder längst auf der Welt sind. "Unsere Tür ist für sie immer offen - genauso wie für die Frauen, die sich zum Abbruch der Schwangerschaft entschlossen haben. Sie brauchen anschließend oft erst recht Beistand."

Auch Anja schaut noch heute regelmäßig mit Ihrem Töchterchen in der Beratungsstelle vorbei. Denn ohne Miriam Schwarnweber wäre die Kleine heute möglicherweise gar nicht auf der Welt. Die Beraterin hörte sich seinerzeit nicht nur an, welche Sorgen die junge Frau nicht mehr schlafen ließen. Sie machte ihr auch Mut, sich den Dingen zu stellen, die bis zu diesem Moment unlösbar zu sein schienen.

"Ich habe zum Beispiel meiner Arbeitgeberin reinen Wein eingeschenkt, was die Schwangerschaft betraf - und sie hat mich trotzdem in eine feste Beschäftigung übernommen." Ehrlichkeit sei nun mal die wichtigste Basis für ein einvernehmliches Zusammenarbeiten, habe sie gesagt. Auch den Wunsch der werdenden Mutter, nach der Elternzeit nur verkürzt zu arbeiten, habe die Chefin akzeptiert - sicher auch, weil sie selbst Kinder hat.

Die engsten Freundinnen leisteten schließlich den letzten Rest an Überzeugungsarbeit: Der Termin zum Schwangerschaftsabbruch blieb ungenutzt.

Doch das Grübeln hörte auch danach nicht auf. Nicht zuletzt, weil sich die Schwangerschaft kompliziert gestaltete. Die Rostockerin musste viel liegen, kam mehrmals ins Krankenhaus. Die meisten Frauen haben in solcher Situation einen Partner, der ihnen beisteht - doch vom Vater des Kindes erntete sie weiter nur Vorwürfe. Und Ablehnung. "Er gab keine Auskunft über Vorerkrankungen, die dem Kind gefährlich werden könnten. Und auch mit Fragen wie der, ob ich eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen sollte, ließ er mich allein."

Sie würde viel darüber nachdenken, wie wohl andere Frauen mit vergleichbaren Situationen umgehen würden, sagt Antje heute. "Was machen 16-/17-Jährige oder auch Ältere, die noch nicht mal mit der Ausbildung fertig sind? Wie gehen andere Frauen damit um, dass ihre Männer das ungeborene Kind ablehnen? Und was machen diejenigen, in deren Nähe es keine Beratungsstelle gibt?"

Werdende Mütter in Notsituationen hätten es nicht leicht, meint die Rostockerin. Zu bürokratisch sei das Antragsverfahren auf mögliche Hilfen, zu versplittert das Angebot, als dass eine einzelne Frau sich selbst einen Überblick verschaffen könnte. "Ohne eine Beraterin wie Frau Scharnweber wäre selbst ich aufgeschmissen - dabei weiß ich mich eigentlich zu behaupten, das ist von meinem früheren Beruf übrig geblieben." Ohne die Beraterin der Stadtmission hätte sie beispielsweise keinen Zuschuss für die Baby-Erstausstattung bekommen.

Für andere bürokratische Hürden hätten aber auch die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle keine n Rat. "Schon eine Woche nach der Geburt meiner Tochter habe ich mich auf die Suche nach einem Kita-Platz gemacht - aber das sieht gar nicht gut aus." In mehreren Einrichtungen würde sie zwar auf der Warteliste stehen - aber natürlich nicht allein. "Und so wie ich warten garantiert auch andere Eltern in mehreren Kitas auf einen Platz - was für ein Irrsinn. Gäbe es eine zentrale Vermittlung, könnte viel mehr Familien geholfen werden", ist die junge Mutter überzeugt.

Vom Jugendamt hat sie sich dabei helfen lassen, ihre Ansprüche gegenüber dem Vater ihrer Tochter durchzusetzen. "Sieben oder acht Termine hat er einfach verstreichen lassen, aber schließlich haben wir uns doch außergerichtlich geeinigt." Das sei ihr wichtig, denn er bleibe nun mal der Vater ihrer Tochter -"wenn er sie kennenlernen möchte, steht ihm unsere Tür immer offen."

* Name von der Redaktion geändert

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