Schüsse in Lutheran : „Die Beamten haben mein Leben zerstört“

Freude bei David Albrecht (M.) über seinen Freispruch, hier mit Partnerin Claudia Ridder (l.) und Vater Wolfgang Albrecht (r.).
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Freude bei David Albrecht (M.) über seinen Freispruch, hier mit Partnerin Claudia Ridder (l.) und Vater Wolfgang Albrecht (r.).

Ein Mann wird von einem Polizisten angeschossen und angeklagt. Richter übt scharfe Kritik am Vorgehen der Polizei

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06. Februar 2018, 20:55 Uhr

Der Freispruch wird die Wunden nicht heilen. David Albrecht (29) wird sein Leben lang ein künstliches Auge tragen müssen und vermutlich schwerbehindert bleiben. Der Richterspruch lindert auch nicht die Schmerzen, die der junge Mann immer noch hat. Aber Richter Siegmar zeigt mit einfühlsamen Worten Anteilnahme am Schicksal des jungen Mannes. „Wir sprechen ihnen unser Mitgefühl aus“, sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Nach dem tragischen und folgenreichen Polizeieinsatz von Lutheran im Februar 2016 hat das Schöffengericht in Ludwigslust den jungen Mann heute vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung und des Widerstands gegen Vollzugsbeamte freigesprochen. Wie von der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft gefordert. David Albrecht nimmt den Freispruch nahezu regungslos zur Kenntnis. Erst als der schlanke junge Mann im weißen Hemd von seiner Partnerin im Gerichtssaal umarmt wird, huscht kurz ein Lächeln über sein Gesicht. Mit dem Urteil endet für Albrecht die quälend lange Zeit von zwei Jahren, „in denen ich vom Opfer zum Täter gemacht wurde.“ Erleichtert und froh sei er über den Freispruch. „Aber nicht glücklich. Die Beamten haben mein Leben zerstört“, sagt der 29-Jährige. Mit einem Einsatz, den Richter Hackbarth „in Vorbereitung und Durchführung als absolut desolat und unprofessionell“ bezeichnet hat.

Der Ludwigsluster Amtsrichter hatte seit dem 23. Januar eine schwierige Aufgabe zu meistern. „Ich war betroffen von der Tragik des Falles“, sagte er. Vor ihm saß ein Mann, der bei einem auf spektakuläre Weise missglückten Polizeieinsatz durch eine Polizeikugel sein rechtes Auge verlor. Er hatte sich von einem Bekannten – der gesuchten Hamburger Rotlichtgröße Nico S. – einen schwarzen Geländewagen „Dodge Ram“ ausgeliehen. Als er am 12. Februar vor zwei Jahren an einem Fleischerladen in Lutheran bei Lübz anhielt, weil sein Beifahrer Sauerfleisch kaufen wollte, keilten fünf Wagen eines Mobilen Einsatzkommandos (MEK) der Hamburger Polizei den Pickup ein. Vermummte Beamte sprangen mit gezogenen Waffen heraus. Der junge Mann beschleunigte seinen Wagen und verletzte dabei einen Polizisten leicht am Knie. Kurz darauf fiel ein Schuss. Ein Beamter hatte seinen Kollegen in Lebensgefahr gewähnt und gezielt geschossen – nach Angaben der Staatsanwaltschaft auf die Arme von Albrecht und in legitimer Nothilfe, da ein Schuss in die Reifen den Pickup nicht gestoppt hätte. Das Projektil traf aber nicht den Arm, sondern den Kopf des jungen Mannes. Sieben Tage lag er im künstlichen Koma.

Ein halbes Jahr nach dem Zwischenfall erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen das Schussopfer. Die Ermittlungsbehörde warf ihm in der Anklageschrift vor, er habe beim Zugriff der Beamten Vollgas gegeben, um zu fliehen. Dabei verletzte er den Beamten leicht. Albrecht und sein Verteidiger hatten dagegen immer wieder betont, dass die MEK-Beamten nicht als Polizisten zu erkennen gewesen waren. Der 29-Jährige hatte an einen Überfall geglaubt. „Dann wurde es auch schon hell in meinem Kopf“. Mit diesen Worten hatte er seine Erinnerungen an den nur wenige Sekunden dauernden Zugriff der Beamten beschrieben. Auch Kunden im Fleischerladen wähnten Kriminelle am Werk und waren in Panik geraten.

„Die Beamten haben durch ihr Auftreten ein ganzes Dorf in Angst und Schrecken versetzt“, betont Verteidiger Benjamin Richert in seinem Plädoyer. Staatsdiener wie Polizisten hätten auch eine Fürsorgepflicht und müssten sich zu erkennen geben, wenn sie in die Grundrechte von Bürgern eingriffen. Das Mobile Einsatzkommnado habe dagegen völlig fahrlässig gehandelt. Unbeteiligte in Tatortnähe seien aus Angst über einen Acker geflüchtet. Eine Frau alarmierte sogar den Notruf der Polizei.

Die acht MEK-Beamten hatten dagegen vor Gericht beteuert, sie hätten laut „Polizei! Nicht bewegen“ gerufen. Ein Gutachter bezweifelte, dass die Rufe im Pickup zu hören waren. Zudem trug nur ein MEK-Beamter eine Sturmhaube mit der Aufschrift „Polizei“ auf Kinnhöhe. Kein einziges Blaulicht blinkte in der Dämmerung. Der Angeklagte habe die in Zivilkleidung und mit schwarzen Sturmhauben vermummten Elitepolizisten als solche gar nicht erkennen können, erklärt Hackbarth bei der Verlesung des Urteils.

Der Richter sparte nicht mit Kritik am Vorgehen der Polizei. „Das geht so nicht“, stellt Hackbarth klar. Die Beamten hätten sich doch kurz vor dem Einsatz ein Blaulicht aufs Armaturenbrett ihrer Zivilfahrzeuge stellen können, um sie als Polizeiautos kenntlich zu machen. Auch habe keiner der Beamten eine Weste mit der Aufschrift „Polizei“ getragen. Es sei schlichtweg nicht nachvollziehbar, warum es in einem stark reglementierten Land wie Deutschland keine konkrete Verordnung zur Kennzeichnung der Beamten bei solchen Einsätzen gebe, bemängelt der Richter.

Doch auch bei der Vorbereitung des Einsatzes wurde nach Einschätzung des Richters schlampig gearbeitet. So wurde die eigentliche Zielperson, Nico S., mit einem sechs Jahre alten „nicht nachgearbeiteten“ Foto gesucht. Offenbar hatten die Beamten auch eine gute Gelegenheit für eine sichere Identifizierung ausgelassen. Nämlich als David Albrecht mit seinem Begleiter vor einem Baumarkt Materialien in den Geländewagen lud. „Da hätte man ein Foto machen können und es zum Abgleich elektronisch nach Hamburg übermitteln können“, kritisiert Richter Hackbarth. Kollegen, die den Gesuchten kennen, hätten dann feststellen können, dass es sich bei Albrecht nicht um die gesuchte Zielperson handele. Dies sei aber nicht geschehen.

Zur Vorgeschichte der tragischen Ereignisse vom 12. Februar gehört auch, das zwei Tage zuvor der erste Festnahmeversuch scheiterte. Das Landeskriminalamt (LKA) Hamburg bat die Kollegen in Schwerin, in Plau einzugreifen, wo Nico S. aufwuchs und eine kleine Firma betreibt. Ermittler hatten seinen Pickup entdeckt. Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) setzte auf einem Nachbargrundstück drei Bauarbeiter fest. Die Personenbeschreibung von Nico S. habe auf einen der Bauarbeiter gepasst, rechtfertigte das Schweriner LKA den robusten Einsatz. Nach der Panne wurden die Hamburger Beamten selbst aktiv. „Nach dem Motto, jetzt zeigen wir denen wie es geht “, glaubt Verteidiger Richert. Doch die Elitepolizisten von der Elbe können es nicht besser. „Das war ein fataler Fehleinsatz „bei dem ein Menschenleben ruiniert wurde“, so der Verteidiger.

Die Erinnerungen an Lutheran verfolgen David Albrecht noch immer: „Der Puls geht sofort hoch, wenn ich einen Polizisten sehe.“ Er hat eine Zivilklage beim Landgericht Schwerin eingereicht. Seinen Beruf als Maler und Lackierer kann er nicht mehr ausüben. Der 29-Jährige fordert rund
90 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz vom Land Hamburg. „Ich hoffe dass unser Urteil eine Hilfe in diesem Zivilprozess ist“, sagt Richter Siegmar Hackbarth.

Udo Roll/Andreas Frost

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