Die Automaten-Knacker

<strong>Böse verschätzt</strong>: In Malliß legen Automaten-Knacker im Mai eine ganze Bankfiliale samt Einkaufszentrum in Schutt und Asche.<fotos>Archiv</fotos>
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Böse verschätzt: In Malliß legen Automaten-Knacker im Mai eine ganze Bankfiliale samt Einkaufszentrum in Schutt und Asche.Archiv

Malliß, Wittenberge, Schwaan, Pritzwalk – und gestern Ventschow und Gresse:

Serie von Attacken auf Geldautomaten im Nordosten reißt nicht ab. Eine Chronik der Zerstörungswut.

svz.de von
15. Juli 2010, 08:47 Uhr

Crivitz/Schwerin | Am Anfang steht immer ein donnernder Knall. Am Ende liegen Einkaufszentren in Trümmern, gähnen zerborstene Fenster aus Bankfilialen, sind Geldautomaten rußgeschwärzt...
Eine Serie spektakulärer Sprengstoffanschläge auf Geldautomaten hält die Ermittler in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in Atem. Der letzte Schlag, fast ein Doppelschlag: Gestern Nacht ließen die Täter einen Automaten in Ventschow (Nordwestmecklenburg) in die Luft fliegen, in Gresse (Ludwigslust) wurden sie kurz zuvor offenbar gestört. Der Knall blieb aus.
Die Methode, mit einem Gasgemisch das Ziel der Begierde gewaltsam zu öffnen, ist nicht neu. Bundesweit gibt es Fälle. Schon 2005 überfielen „Panzerknacker“ kleinere Banken oder Sparkassen im Norden – bis sie im mecklenburgischen Malliß auf frischer Tat gefasst wurden.
Doch die Serie geht weiter. Stralsund, Kavelstorf, Pritzwalk, Schwaan, Wittenberge, Ventschow... Etwa ein Dutzend explosive Fälle wurden innerhalb der vergangenen zwölf Monate in Mecklenburg-Vorpommern und im Norden Brandenburgs registriert. Handelt es sich wirklich um eine Serie? Sucht die Polizei eine Bande? Das will Antje Wollenberg, Sprecherin des Landeskriminalamtes, mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht verraten. Es werde aber länderübergreifend ermittelt. „Wir arbeiten mit aller Energie und aller Macht daran, die Täter aufzuspüren“, sagte sie gestern.
Die Spur der Zerstörung ist bereits lang.

Ein Überblick

Zeit: 19. Juli 2009
Ort: Stralsund
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

War es wirklich der Beginn einer Serie? Zumindest steht jetzt zufällig der Jahrestag der Tat in Stralsund an. In einem Einkaufszentrum der Hansestadt sprengen die Täter einen Geldautomaten in die Luft und verschwinden mit einer nicht näher bezifferten Menge Geld.

18. November 2009
Ort: Bestensee
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

Wieder wird ein Einkaufszentrum zum Tatort. In Bestensee (Dahme-Spreewald) führt ein Gasgemisch zur völligen Zerstörung eines Geldautomaten. Das Einkaufszentrum bebt und wird beschädigt. Ein Statiker gibt später Entwarnung. Von den Tätern fehlt erneut jede Spur. Auffällig: Bereits ein Jahr zuvor hatte es zwei ähnliche Fälle im Landkreis gegeben.

Zeit: 26. Februar 2010
Ort: Wittenberge
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

Das Tatwerkzeug in Wittenberge ist kein Sprengstoff, sondern ein Radlader. Schnell und professionell rammen die Täter durch das Sicherheitsglas und reißen den Sparkassenautomaten mit einem Stahlseil ins Freie. Den Radlader zünden sie an, die Sprinkleranlage setzt Teile des Supermarktes unter Wasser. Zurück bleibt ein Bild der Verwüstung. Offenbar haben die Täter den Tag sorgfältig gewählt: Pünktlich zu den Wochenendeinkäufen ist der Automat gut bestückt. Von den Dieben, dem Automaten und dem Geld – angeblich einer höheren fünfstelligen Summe – fehlt jede Spur.

Zeit: 2. März 2010
Ort: Schwarzenbek
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

Die bewährte Methode, wenn auch knapp hinter der Landesgrenze. In einer Postfiliale in Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) leiten Täter ein Gas-Luftgemisch in den Bankautomaten und lassen ihn explodieren. Der Automat ist hin, das Gebäude beschädigt, die Diebe sind weg – wenn auch wenig zufrieden: Das Geld wurde durch die Sicherheitspatrone unbrauchbar rot gefärbt.

Zeit: 19. März 2010
Ort: Rostock
Beute: keine
Täter: flüchtig

Ein Zusammenhang mit den anderen Fällen scheint unwahrscheinlich, aber vielleicht dient der Anschlag zur Aufwärmung für Größeres. In Rostock kommt Sprengstoff zum Einsatz, um einen Fahrkartenautomaten an einer S-Bahn-Haltestelle zu knacken. Der Automat wird beschädigt, gibt aber die Geldkassette nicht frei. Pech für die Täter.

Zeit: 1. April 2010
Ort: Pritzwalk
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

Ein klassisches Déjà-vu für die Brandenburger Polizei. Wie knapp vier Wochen zuvor in Wittenberge blicken die Beamten diesmal in einem Supermarkt in Pritzwalk in gähnende Leere, wo sich zuvor noch ein Geldautomat befand. Weils so schön lief, haben die Panzerknacker diesmal wieder einen Radlader eingesetzt. Rein in den Supermarkt, raus mit dem Bankautomaten, ab damit aufs Fluchtfahrzeug und den Radlader angezündet, um Spuren zu verwischen. Die Flucht gelingt und die Polizei muss einräumen, in beiden Fällen bisher keine nennenswerte Spur zu haben. Einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen bestätigt die Polizei offiziell nicht. Schließlich würden bundesweit nach dieser Methode Überfälle begangen. Die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern werden in die Ermittlungen involviert.

Zeit: 16. April 2010
Ort: Putlitz
Beute: keine
Täter: flüchtig

Der dumpfe Knall gegen 2.30 Uhr weckt die Nachbarn, bringt die Diebe aber nicht ans Ziel. Der Geldautomat im Vorraum der Putlitzer Sparkasse hält der versuchten Sprengung stand. Das Gebäude wird beschädigt, der Automat ist im Eimer, aber die verhinderten Bankräuber müssen ohne Geld abhauen. Es ist nach Dezember 2007 der zweite Anschlag auf die Sparkassenfiliale in Putlitz per Sprengsatz. Bürgermeister Bernd Dannemann hat prompt eine Erklärung für die wiederholten Attacken parat: die gute Verkehrsanbindung seiner Stadt. Er hoffe nur, dass auch Investoren aus der Wirtschaft diese verkehrsgünstige Lage irgendwann entdecken...

Zeit: 23. April 2010
Ort: Schwaan
Beute: unbekannt
Täter: flüchtig

Die „Sprengmeister“ schlagen im Kreis Bad Doberan zu. Nachts gegen 2.30 Uhr jagen zwei Männer im Vorraum einer Bankfiliale den Geldautomaten in die Luft und räumen diesen aus. Die Explosion lässt die Anwohner aufschrecken, doch die Räuber sind längst über alle Berge. Mit wie viel Geld, bleibt geheim. Ein ähnlicher Versuch im April in Lalendorf (Kreis Güstrow) misslingt den Tätern aber.

Zeit: 3. Mai 2010
Ort: Kavelstorf
Beute: keine
Täter: flüchtig


Die Bande – sollte es sich um eine handeln – braucht offenbar Geld. Nach Lalendorf und Schwaan zieht sie nur wenige Tage später mit ihren explosiven Utensilien ins benachbarte Kavelstorf weiter. In der Filiale der Volks- und Raiffeisenbank legen die Diebe nachts los wie echte Profis. Sie hebeln die Tür der Bank auf und setzen die Überwachungsanlage durch Sprühfarbe außer Gefecht. Dann leiten sie das Gasgemisch in den Geldautomaten...
Die Explosion reißt den Automaten aus der Wand, sämtliche Scheiben des Foyers bersten. Der Alarm wird ausgelöst. Aus Profis werden Angsthasen: Die überraschten Täter fliehen ohne Geldkassette. Zurück bleiben nur noch ein riesiges Loch in der Wand und verrußte Metallteile. Der Schaden: 45 000 Euro.

Zeit: 25. Mai 2010
Ort: Malliß
Beute: keine
Täter: flüchtig

Wie sehr man sich als Panzerknacker beim Hantieren mit explosiven Dingen verschätzen kann, wird aber erst in Malliß (Landkreis Ludwigslust) deutlich. Statt nur die Eingangstür zu öffnen, jagen die Räuber die ganze Volksbankfiliale in die Luft. Und Teile der Ladenzeile gleich mit. Das Dumme: Geld gab es keins. Wie ein höhnisches Symbol des Widerstands ragt der Panzerschrank aus den Trümmern – ebenso intakt wie die Kassetten im Geldautomaten.
Interessant: Auslöser der missglückten Sprengung ist ein Sauerstoff-Azetylen-Gasgemisch. Und auf einem Parkplatz neben der Bank brennt beim Eintreffen der Polizei ein gestohlener Radlader.
Die Täter sind trotz bundesweiter Berichterstattung und Fahndungsaufruf in der MDR-Sendung „Kripo live“ verschollen. Doch Malliß bleibt ein unsicheres Pflaster für Bankräuber. Hier wurde bereits 2005 die „Panzerknackerbande“ bei dem Versuch gestellt, einen Geldautomaten zu sprengen. Mitglieder wurden in Schwerin und Lübeck verurteilt. Sie fallen als aktuelle Täter also aus.

Zeit: 12. Juli 2010
Ort: Woltersdorf
Beute: keine
Täter: flüchtig

Hier waren wohl Anfänger am Werk, auf jeden Fall aber keine Sprengstofftüftler. In Woltersdorf (Potsdam-Mittelmark) mühten sich die Täter vergeblich dabei ab, einen Geldautomaten aus der Außenwand eines Einkaufsmarktes zu stemmen. Das Gerät war deutlich zäher als sie. Wieder eine Flucht ohne Beute. Nur das Material trug leichte Schäden davon.

Zeit: 15. Juli 2010
Ort: Gresse
Beute: keine
Täter: flüchtig

Keine Pause für potenzielle Bankräuber. In der Nacht zu gestern machten sich zwei Täter an einem Geldautomaten in Gresse (Kreis Ludwigslust) zu schaffen. Wollten sie den Automaten mit einem Draht manipulieren oder Gas einleiten? Das war gestern unklar. Die Täter hinterließen einen Schaden von 20000 Euro und flüchteten – direkt weiter nach Ventschow?

Zeit: 15. Juli 2010
Ort: Ventschow
Beute: bis zu 100000 Euro
Täter: flüchtig

Denn dort traten die Sprengmeister nur wenige Stunden danach auf den Plan (siehe unten). Sie besprühten eine Überwachungskamera, zerstörten den frisch aufgefüllten Bankautomaten und flüchteten mit möglicherweise bis zu 100000 Euro Beute. Die Polizei bestätigte nur, dass einige Geldscheine am Tatort zurückblieben.

Ventschow ist der vorläufig letzte Akt der langen Automaten-Knacker-Serie. Offen bleibt die Frage: Wo knallt es beim nächsten Mal?

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