Schweriner Tafel : „Die Aussagen sind falsch“

Angelika Warmuth/dpa
Angelika Warmuth/dpa

Tafel-Chef weist AfD-Gerüchte über angebliche chaotische Zustände bei der Essenausgabe zurück

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22. Juni 2017, 05:00 Uhr

Bei der Essenausgabe der Schweriner Tafel geht es ungerecht zu, behauptet jedenfalls die Schweriner AfD-Stadtvertreterin Petra Federau. Die Ex-Frontfrau der Rechtspopulisten in MV will bei der Tafel im Stadtteil Lankow einen massenhaften Ansturm von Ausländern beobachtet haben, unter dem Einheimischen zu leiden hätten. „Unsere deutschen, größtenteils älteren Hilfsbedürftigen haben überhaupt keine Chance gegen die vermutlich arabischen Zuwanderer“, berichtete Federau in einem Facebook-Beitrag, der auch auf einem rechtsradikalen Internet-Blog veröffentlicht wurde.

Als vermeintlicher Beweis muss ein Foto herhalten, dass anmutet als hätte sie, die früher Araberhengste züchten wollte, hinter einem Gebüsch auf der Lauer gelegen. In den Vordergrund des Fotos ragen Grünpflanzen. Dahinter ist eine Menschenschlange zu erkennen, darunter auch einige Frauen mit Kopftüchern. Rückschlüsse auf chaotische Zustände oder eine Bevorzugung von Flüchtlingen lässt die Aufnahme allerdings nicht zu.

Federau nutzt das mäßig scharfe Foto dennoch, um wieder einmal Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. „Dass nun aber die illegalen Einwanderer nun unseren Hilfsbedürftigen auch noch diese kläglichen Lebensmittelspenden streitig machen, ist eine SCHANDE!“, gibt sie sich empört. Als Kronzeugin kommt anonym noch eine angebliche Tafelbesucherin zu Wort. Sie behauptet, geflüchtete Menschen würden bei den Essensausgaben der Tafeln vor den Deutschen bevorzugt. Angeblich schubsen und kratzen sie auch, um schneller an die Reihe zu kommen.

Der Leiter der Tafel in Schwerin, Peter Grosch, kennt die Vorwürfe der AfD-Frau und auch die Aufnahmen von der Essenausgabe. „Die hat sie halb versteckt von der gegenüberliegenden Straßenseite mit ihrem Smartphone gemacht“, erinnert er sich. Federau bediene Klischees, die gar nicht da seien. „Die Aussagen sind falsch“, stellt Grosch klar. Zu der Essenausgabe im Schweriner Stadtteil Lankow kämen im Schnitt rund 100 Hilfsbedürftige. Etwa 20 bis 30 Prozent davon seien Flüchtlinge. „Von einem massenhaften Ansturm kann also keine Rede sein“, sagt Grosch. Das beim Schlangestehen auch mal geschubst oder leicht gerempelt werde, könne vorkommen. „Aber das gibt es wohl in jeder Wartereihe und auch unter Deutschen“, stellt er klar. Eine Vorzugesbehandlung gebe es aber nicht. Nationalität, Alter, Religion oder Geschlecht würden bei der Essensvergabe der Tafel keine Rolle spielen. Wer den sogenannten Hartz-IV-Schein vorzeigt, werde versorgt. Jeder Tafelbesucher muss eine Nummer ziehen. Über die Reihenfolge in der Warteschlange entscheide ein Los – also der Zufall. Laut Grosch sind auch genügend Grundnahrungsmittel wie Brot vorhanden. „Wir sind aber auch kein Supermarkt“, betont der Tafel-Chef. „Es kann passieren, dass der Letzte in der Schlange eben keine Bananen mehr bekommt.“ Mal gebe es Fleisch und manchmal eben nicht. Je nachdem, was die Supermärkte abgeben.

An AfD-Frau Federau ärgert Grosch am meisten, dass sie auf dem Rücken Hilfsbedürftiger eine Neiddebatte anzettele. „Statt zu fotografieren, kann sie gerne bei uns mithelfen. Oder noch besser: Etwas spenden“, sagt Grosch.

Die Tafel in Schwerin versorgt alleine an ihren vier Ausgabestellen pro Woche rund 3000 Erwachsene mit Lebensmitteln. Finanziert wird die Tafel nahezu ausschließlich über Spenden - rund 160 000 Euro werden dieses Jahr für die Kühl-Fahrzeuge und Raummieten benötigt.

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