Wehrdienst : Die Armee der Freiwilligen

Kim Löwe (M.) am Tag ihrer Vereidigung. Heute ist sie Soldatin auf Zeit.
Kim Löwe (M.) am Tag ihrer Vereidigung. Heute ist sie Soldatin auf Zeit.

Interesse am Wehrdienst auch nach Aussetzen der Wehrpflicht groß: Immer mehr Frauen verpflichten sich

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29. August 2015, 06:30 Uhr

„Eigentlich wollte ich Leistungssportlerin werden“, erklärt Kim Löwe. Aufgrund einer Verletzung konnte dieser Traum nicht wahr werden. Nun lebt die 19-Jährige einen anderen – in Flecktarn. Sie ist derzeit in der Laufbahn eines Mannschaftssoldaten im Dienstgrad Hauptgefreite beim Panzergrenadierbattalion 401 in Hagenow. Und will noch mindestens bis zum Feldwebel aufsteigen.

Wie sie haben sich seit dem Aussetzen der Wehrpflicht zahlreiche junge Leute zum Wehrdienst gemeldet. Freiwillig. Der Bundestag hatte 2011 mit großer Mehrheit die Aussetzung der bisherigen Wehrpflicht beschlossen. Dem Zustrom an Rekruten tat dieser Einschnitt in den langjährig sicheren Truppennachschub allerdings keinen Abbruch, wie Ulrich Hagedorn, Oberstleutnant und Zuständiger für die Karriereberatung in MV, erklärt. Keine Angst mehr vor leeren Kasernenhöfen.

Im Jahr 2013 habe es allein in Mecklenburg-Vorpommern 400 Bewerber zum Freiwilligen Wehrdienst gegeben, von denen 130 tatsächlich eingeplant wurden. 2014 waren es 450 Bewerber, von denen 240 geeignet waren. „Und Stand 24. August hatten wir 2015 bereits 350 Bewerber und 250 Einplanungen. Die Tendenz ist also steigend.“ Auffällig : Auch immer mehr Frauen entscheiden sich für den Freiwilligen Wehrdienst (FWD) und eine Karriere bei der Bundeswehr – wie Kim Löwe. Machten Frauen 2012 nur 6 Prozent der Freiwillig Wehrdienstleistenden aus, waren es 2014 bereits doppelt so viele. Auch in diesem Jahr setzt sich – mit derzeit 13 Prozent Frauenanteil – der Trend fort.

Einen Grund dafür sieht Ralf Heberer, Oberstleutnant der Reserve und stellvertretender Leiter der Informationsarbeit des Landeskommandos MV, im wachsenden Abbau der Vorurteile gegenüber dem Arbeitgeber Bundeswehr. „Wir sind längst keine reine Männerdomäne mehr. Frauen finden sich in allen Facetten wieder – egal ob im Panzer, im Büro oder auf Führungsebene.“

Auch die 19-jährige Kim kann dem nur beipflichten: „Frauen müssen den gleichen körperlichen Anforderungen genügen wie Männer und werden gleichwertig behandelt“ Sie hat sich bereits nach ihrem Realschulabschluss – mit 17 Jahren – für die Bundeswehr entschieden. Auch, wenn ihre Eltern zunächst nicht erfreut waren, wie sie zugibt. „Von außen sieht man nur die Soldaten, die kämpfen, dabei bietet die Bundeswehr vielfältigere berufliche Möglichkeiten.“

Den Freiwilligen Wehrdienst können Interessierte 7 bis 23 Monate lang absolvieren, bevor sie sich beispielsweise als Soldaten auf Zeit verpflichten. „Der Großteil der Freiwillig Wehrdienstleistenden bleibt zunächst für 14 bis 15 Monate“, erklärt Ulrich Hagedorn. Die Abbrecherquote sei eher gering. „75 Prozent der Soldaten brechen nicht vorzeitig ab“, sagt er. Außerdem wurden seit Mitte 2011 von den 39  000 Freiwillig Wehrdienstleistenden zirka 5200 als Soldaten auf Zeit in den Dienst übernommen.

Dabei müsse jeder, nachdem er die Grundausbildung beendet hat, sein feierliches Gelöbnis ablegen und sich zum Dienst an der Waffe bereit erklären. „Da aber inzwischen alle Rekruten freiwillig zu uns kommen, haben wir auch mit der Kriegsdienstverweigerung kaum noch etwas zu tun“, bilanziert Ralf Heberer. „Wer sich heute für die Bundeswehr entscheidet weiß, worauf er sich einlässt“, ist er sich sicher. „Von den etwa 183 000 Soldaten der Bundeswehr an sich – mit zivilen Kräften wären es sogar 277 000 – befinden sich derzeit 4700 in 17 verschiedenen Einsätzen“, erklärt er. Nur ein Bruchteil also.

Auch für die Hauptgefreite Kim Löwe wäre ein Einsatz kein Problem – obwohl sie meist am Schreibtisch arbeitet. „Denn in der Grundausbildung habe ich nur ,grün’ gelernt. Zunächst soll jeder, der zur Bundeswehr geht, zum Soldaten werden.“ Erst danach würden die berufsspezifischen Ausbildungen erfolgen. Die 19-Jährige wäre also für einen eventuellen Einsatz gewappnet. Damit müssen FWDler in der Regel aber nicht rechnen. Frühestens ab einer Verpflichtung über 12 Monate.

Die Bundeswehr bietet ihren Bewerbern als Arbeitgeber viele Vorteile. Die von Anfang an hohe Besoldung – für Mecklenburger Verhältnisse – ist neben der freien Heilvorsorge und gestellter Kleidung nur einer der vielen Anreize. „Da die jungen Leute nicht mehr zu uns kommen müssen, stehen wir nun im Wettbewerb mit allen anderen Arbeitgebern“, erklärt Ulrich Hagedorn.

Der Freiwillige Wehrdienst sei eine gute Möglichkeit für Interessierte, unverbindlich in diesen vielfältigen Berufszweig hinein zu schnuppern. „Und für den FWD gilt auch keine Altergsgrenze von 25 Jahren“, sagt Ralf Heberer. „Erst kürzlich hat eine 52-Jährige ihre Ausbildung zur Panzerfahrerin abgeschlossen. Sie muss nur damit rechnen, dass ihre Vorgesetzten unter Umständen jünger sind als sie“, sagt er und schmunzelt.

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