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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 06:24 Uhr

Zwei Beispiele : Die Altersarmut wohnt nebenan

vom

svz.de von
erstellt am 02.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Ein Leben lang  gearbeitet und doch an seinem Ende kaum genug zum Leben: Jeder fünfte Rentner im Nordosten ist arm oder von Armut bedroht, hat also netto  im Monat  weniger  als 958 Euro zur  Verfügung. Wie man dennoch leben kann, weil man weiterleben muss, zeigen zwei Beispiele, die Karin Koslik  aufgeschrieben hat.

Kohlrabi  statt  Blumen

<p>Gerda Gräber muss nach 40 Arbeitsjahren im Alter jeden Cent  umdrehen.  </p>

Gerda Gräber muss nach 40 Arbeitsjahren im Alter jeden Cent  umdrehen. 

Foto: K. Koslik
 

Das Leben hat es oft nicht gut gemeint mit Gerda Gräber: Bevor sie zehn Jahre alt war, hatte sie schon ihren Vater in Stalingrad und ihre ostpreußische Heimat verloren. Die harten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg voller Hunger und Entbehrungen hat sie bis heute nicht vergessen.

40 Jahre lang hat die Perlebergerin gearbeitet, erst als Kinderpflegerin, später im Büro. Dann machte die Gesundheit nicht mehr mit, Gerda Gräber musste noch kurz vor dem regulären Ruhestand eine Invalidenrente beantragen.

Zwei Kinder haben ihr Mann und sie großgezogen – schon seit 61 Jahren sind beide verheiratet. Den gemeinsamen Lebensabend wollten sie genießen, „wir wollten immer noch tanzen gehen bei der Awo, wenn wir alt sind“, erzählt die Seniorin.

Doch wieder meinte es das Schicksal nicht gut. Vor sieben Jahren wurde bei Gerda Gräbers Mann die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) gestellt – dahinter verbirgt sich eine heimtückische degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der die Muskeln – unter Umständen auch die zum Sprechen, Schlucken und Atmen benötigten – den Dienst versagen. „Seit fünf Jahren kann mein Mann schon nicht mehr sprechen, essen kann er nur noch Flüssiges. Und inzwischen liegt er steif wie ein Brett im Bett“, erzählt Gerda Gräber, die dabei die Tränen kaum noch zurückhalten kann. „Aber geistig ist er noch voll da, er bekommt das alles mit“, versucht sie, den Schrecken in Worte zu fassen.

Weil sich der Zustand des heute 84-Jährigen immer weiter verschlechterte, zog das Ehepaar vor einigen Jahren in eine behindertengerechte Wohnung im Stadtzentrum von Perleberg. Doch inzwischen wohnt Gerda Gräber allein dort: Ihr Mann muss seit dem letzten Sommer in einem Heim betreut werden. „Auch wenn ständig Leute vom Pflegedienst hier waren – nachts und morgens bis um halb zehn war ich mit ihm alleine, irgendwann hab ich das nicht mehr geschafft“, erklärt sie.

Die gesamte Rente ihres Mannes geht nun – neben dem Geld, das er von der Pflegeversicherung bekommt – für die Heimkosten drauf. Gerda Gräber steht für die Miete und ihren eigenen Lebensunterhalt nur ihre Rente zur Verfügung – und die fällt, obwohl sie in ihrem Leben knapp 40 Jahre lang gearbeitet hat, nicht üppig aus: 757,88 Euro bekommt die Perlebergerin im Monat. Den größten Teil davon, 476,50 Euro, muss sie für die Miete gleich wieder ausgeben – eine behindertengerechte Wohnung ist nun mal teurer als „normaler“ Wohnraum. Dass Gerda Gräber in ihrem Alter dennoch nicht mehr umziehen mag, ist verständlich – zumal es auch um ihre Gesundheit nicht besonders gut bestellt ist: „Der Rücken und die Füße machen oft einfach nicht mehr mit“, erzählt die Seniorin. Außerhalb der Wohnung fährt sie deshalb mit einem E-Rollator. Die Wanne in ihrem Badezimmer hat sie noch nie benutzt, weil sie nicht hinein- bzw. herauskommen würde. Zum Glück gibt es daneben auch eine ebenerdige Dusche.

Seit Anfang dieses Jahres bekommt Gerda Gräber immerhin 62 Euro Wohngeld. „Ehrlich gesagt hatte ich mir aber mehr erhofft, ich hatte gelesen, dass es bis 520 Euro Wohngeld im Monat geben kann…“, gesteht die Seniorin. Energie, Telefon, Zeitung, pro Monat wenigstens 50 Euro an Medikamentenkosten für ihren Mann – unter dem Strich blieben ihr im Monat nicht mehr als 180 Euro zum Leben. Und davon muss sie sich unter anderem noch die 240 Euro absparen, die sie als chronisch Kranke zu Beginn jeden Jahres für Medikamentenzuzahlungen an die AOK überweisen muss.

Den Enkeln hätten sie, wenn nötig, noch finanziell unter die Arme greifen können, erzählt Gerda Gräber. Für die mittlerweile vier Urenkel sind Geschenke aber nicht mehr drin, bedauert die stolze Oma, die das ganze Wohnzimmer mit Fotos der Kleinen dekoriert hat. Am allermeisten aber spart sie an sich selbst: „Früher bin ich jeden Freitag zum Frisör gegangen zum Waschen und Legen. Jetzt geh’ ich höchstens noch alle sechs Wochen zum Schneiden.“ Auf der Terrasse zieht sie in Kübeln Tomaten, auf dem Beet davor hat sie die Blumen durch Kohlrabis ersetzt. „Blumen kann man nicht essen“, hätte sie ihrer Tochter gesagt, als die nach einem Grund dafür fragte. Und wenn es Gerda Gräber ganz schlecht geht, sagt sie: „So lange werde ich ja nicht mehr haben.“

Neuanfang mit fast nichts

Rosemarie Paukstadt muss auf einem geliehenen Reisebett schlafen.
Rosemarie Paukstadt muss auf einem geliehenen Reisebett schlafen. Foto: K. Koslik
 

Mit 70 Jahren hat Rosemarie Paukstadt noch einmal einen Neuanfang gewagt: Nach 46 Jahren Ehe trennte sie sich von ihrem Mann. Er sei nicht im körperlichen Sinne gewalttätig gewesen, erzählt die ursprünglich aus dem Brandenburgischen stammende Rentnerin, seelisch aber habe er ihr über viele Jahre hinweg sehr wehgetan. Letztes Jahr zu Weihnachten habe sie es nicht mehr ausgehalten, sei nach Luckenwalde ins nächst gelegene Frauenhaus geflohen – doch dort fehlte es an Platz. Eine langjährige Freundin aus Schwerin bot schließlich Hilfe an: Sie wollte Rosemarie Paukstadt dabei unterstützen, in ihrer Heimatstadt eine Wohnung zu finden. Das war allerdings leichter gesagt als getan: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, auch in der Landeshauptstadt. Dazu kam, dass sowohl das Sozialamt im alten Kreis als auch das in der künftigen Heimatstadt sich alle Zeit der Welt ließen, Rosemarie Paukstadts Anträge auf Zuschüsse für den Umzug sowie für eine Erstausstattung zu bearbeiten.

Erst Ende April konnte sie ihr eigenes Reich beziehen: 45,08 Quadratmeter im vierten Stock eines Plattenbaus. „Ich kann endlich die Tür hinter mir zuschließen. Und ich habe vom Balkon einen herrlichen Blick“, schwärmt die Neu-Schwerinerin. Doch dann verschleiern wieder Tränen ihre Augen. Denn in der Wohnung fehlt es noch an so vielem. Aus dem winzigen Häuschen südlich von Berlin hatte sie nur wenig mitgenommen – die Couch und einen wackligen Sessel, einen Schrank, einige Regale, die Waschmaschine, die ihr Mann sowieso nicht bedienen konnte. Doch Bett, Kleiderschrank, Badezimmermöbel und vor allem Küchenmobiliar sind für Rosemarie Paukstadt von ihrer kleinen Rente unbezahlbar – und fehlen deshalb zum Teil bis heute. Ersparnisse hatte das Paar nicht mehr; beide hatten sich nach der Wende selbstständig gemacht, mussten aber schon vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Rosemarie Paukstadts Freundin Ulrike Tzschieter, die selbst nur eine Erwerbsminderungsrente bezieht, lieh ihr das Geld für einen Kühlschrank, nachdem die auf dem Balkon gelagerten Lebensmittel zu verderben drohten. Auch mit einem einfachen Reisebett und einigen Kleinmöbeln konnte Familie Tzschieter aushelfen. Fenstervorhänge schneiderte sich Rosemarie Paukstadt aus gebrauchten Bettbezügen. Und ein weiterer selbst genähter Vorhang versteckt, dass unter der Küchenspüle Schränke und Herd fehlen. Lediglich ein elektrischer Ein-Platten-Kocher gehört zur spartanischen Ausstattung.

Das wird auch noch lange so bleiben, denn Rosemarie Paukstadt stehen im Monat nur 805 Euro zur Verfügung. 262,70 Euro davon sind Grundsicherung – bis vor kurzem waren es noch knapp 14 Euro mehr, doch die Rentenerhöhung zum 1. Juli wurde sofort gegengerechnet. Die staatliche Unterstützung hätte höher ausfallen können, wenn Rosemarie Paukstadt eine billigere Wohnung gefunden hätte: 405 Euro Warm-Miete seien unangemessen, hatte ihr das Sozialamt mitgeteilt. Auch die Kaution stellte das Amt aus diesem Grund nicht – bis September nächsten Jahres stottert Rosemarie Paukstadt sie in 50-Euro-Raten beim Vermieter ab. Und „natürlich“ gab es auch kein Geld für den Umzug und die Erstausstattung. Lediglich ein neues Bett gestanden die Sozialamtsmitarbeiterinnen ihr nach einem unangemeldeten Hausbesuch zu – ansonsten hätte sie doch alles…

Der für das Bett bewilligte Betrag belief sich dann auf 80 Euro, selbst bei der Möbelbörse hätte Rosemarie Paukstadt mehr als das Doppelte hinblättern müssen – „für ein Bett, dessen Matratze aussah, als wenn darauf jemand gestorben wäre“, erzählt sie.

Immerhin sei ihr wegen ihrer 100-prozentigen Schwerbehinderung ein Mehrbedarf von 15 Prozent bei der Grundsicherung zugebilligt worden. Dass sie allerdings trotz Befreiung durch die Krankenkasse immer noch Medikamentenzuzahlungen leisten müsse und zudem ein nicht verschreibungsfähiges Medikament gegen eine Augenerkrankung braucht, das im Monat 40 Euro kostet, erkennt das Amt nicht an. „Ich hab die Wahl, nicht blind zu werden oder nicht zu essen“, erzählt die Seniorin tapfer. Aber irgendwie komme sie schon zurecht.

„Schwerin macht glücklich“ steht auf einem Beutel, den die Stadtverwaltung Rosemarie Paukstadt als Neu-Bürgerin überreicht hat. Und trotz aller Widrigkeiten sagt sie: „Das stimmt.“

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