Die Alten kommen

Hat seine Lebensplanung umgeworfen: Werner Skoeries  hat auch mit knapp 60 einen neuen Job gefunden. Reinhard Klawitter
Hat seine Lebensplanung umgeworfen: Werner Skoeries hat auch mit knapp 60 einen neuen Job gefunden. Reinhard Klawitter

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13. Mai 2013, 09:37 Uhr

Schwerin | Damit hatte Werner Skoeries nicht mehr gerechnet: Im Alter in einem neuen Job in einer ganz anderen Branche noch einmal neu anfangen, "meine Lebensplanung sah anders aus", erzählt der 61-Jährige. Jahrzehnte hatte der Schweriner beim Telekommunikationsriesen Deutsche Telekom gearbeitet - zuletzt als Teamchef von 100 Mitarbeitern im Servicecenter. Doch mit dem Verkauf des Call-Centers an die Bertelsmann-Tochter Arvato war Schluss - mit 57 Jahren in die Arbeitslosigkeit.

Aus nach 40 Jahren: Die Übergabe des Servicecenters an den neuen Eigner - Skoeries letzte Aufgabe. Aber dann: "Von einem Tag auf den anderen nur noch zu Hause sein, das fällt schwer", meint der Telekommunikationsfachmann. "Dann rufen immer weniger der ehemaligen Kollegen an, da passiert nicht mehr viel." Zu wenig für den Schweriner: Ehrenamt im Vorstand des Schweriner Theater-Vereins, Arbeit im Kunstverein, Zusatzjob als Interviewer für den Mikrozensus - "das reicht mir nicht", sagt Skoeries. Neue Jobs für 60-Jährige sind in MV aber noch immer Mangelware.

Jeder dritte Arbeitslose älter als 50

Etwas "ganz anderes" wollte er machen. In seiner alten Branche erneut Fuß zu fassen erschien ihm "unmöglich". Für Skoeries blieb nur der Ausblick, mit 62 in Rente gehen zu können. Mit einem von der EU geförderten Trainingsprogramm bei der Agentur der Wirtschaft gelang ihm dennoch der Neueinstieg. Fünf Monate Spanisch-Sprachkurs, Praktikum auf Mallorca und in Deutschland, Bewerbertraining, Profilsuche - ein Kurs für junge und alte Jobsuchende, um sie für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. "Das hat meine ganze Lebensplanung umgeworfen", erklärt Skoeries. Aus dem Praktikum im Immobilienbüro Oliver Nuß ist für Skoeries inzwischen ein fester Job mit unbefristetem Arbeitsvertrag geworden - als Immobilienfachmann in seinem einstigen Praktikumsbetrieb Nuß. "Ein Glücksfall", meint der Schweriner - für viele seiner Alterskollegen nicht.

Mehr als andere sind derzeit Ältere in Mecklenburg-Vorpommern von Arbeitslosigkeit betroffen - angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels kaum nachvollziehbar, dass viele Firmenchefs das Potenzial älterer Arbeitnehmer noch nicht erkennen, meint Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Landesagentur für Arbeit. So waren Ende März mit insgesamt 40 624 Frauen und Männern ohne Job mehr als 36 Prozent aller Arbeitslosen in MV älter als 50 Jahre, jeder fünfte Erwerbslose älter als 55. Fast 15 Prozent aller 55- bis 65-Jährigen zivilen Erwerbspersonen waren im März ohne Job - der höchste Anteil im Vergleich der Altersgruppen.

Erfahrene sind bei der Jobsuche gegenüber Jüngeren noch immer klar im Nachteil: Die Unternehmen suchten den optimalsten Mitarbeiter, erklärt Hans-Günter Trepte, Arbeitsmarktexperte der Vereinigung der Unternehmensverbände MV. Da werde oft dem cleveren 40-Jährigen Vorrang vor dem gleichqualifizierten 56-Jährigen eingeräumt - "auch weil sie länger im Betrieb sein können", meint Trepte. Zwar greifen die ersten Unternehmen auch wieder auf Ältere zurück. Die größten Chancen hätten aber zunächst junge, gerade frisch qualifizierte Mitarbeiter, dann die Berufserfahrenen und erst dann die Älteren.

Personalchefs pflegen Vorbehalte gegen Ältere

Ende März waren in Mecklenburg-Vorpommern 5,3 Prozent mehr über 55-Jährige auf Jobsuche als ein Jahr davor gemeldet - während die Gesamtzahl der Arbeitslosen im gleichen Zeitraum um 1,2 Prozent sank. Mit drastischen Folgen: Inzwischen steigt auch das Risiko, im Alter in Hartz IV abzurutschen. So waren im November vergangenen Jahres bundesweit 730 788 Hartz-IV-Empfänger im Alter zwischen 55 und 65 - rund 8000 mehr als ein Jahr zuvor.

Die Vorbehalte halten sich: Zwar arbeiten in Betrieben und Behörden immer mehr Ältere. So hat die Zahl der über 60-Jährigen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten deutlich zugenommen - von September 2011 bis September 2012 um 20,3 Prozent auf 30 571, ermittelte die Landesarbeitsagentur. Aber nur, weil "auch die gesamte Bevölkerung älter wird", meint Agenturchefin Haupt-Koopmann. Arbeitgeber tun sich noch immer schwer, auch Älteren eine neue Chance auf dem Jobmarkt zu geben. "Es ist nicht zu erkennen, dass sich das Einstellungsverhalten verändert hat", kritisiert die Agenturchefin. Es gebe noch immer "mentale Hürden". In den Personalbüros müsse man sich aber von den Vorurteilen verabschieden, über 50-Jährige seien weniger flexibel und lernfähig, öfter krank und hätten längere Ausfallzeiten, meint Haupt-Koopmann. Im Gegenteil: Ältere seien im Schnitt gut qualifiziert. Arbeitgeber seien gut beraten, stärker als bisher auf die Erfahrung Älterer zurückzugreifen: "Jüngere sind schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzung", sagt Haupt-Koopmann. Und außerdem: Chefs, die Vorbehalte gegen Ältere hätten, seien oft selbst in einem Alter, in dem sie von sich selbst auch nicht sagen würden, dass sie weniger flexibel und lernfähig seien. Haupt-Koopmann: Man könne nicht ständig "vom lebenslangen Lernen sprechen und dann Ressourcen einfach liegen lassen".

Agentur hilft, geringes Risiko für Arbeitgeber

Die Hilfsangebote sind groß: Kein Arbeitgeber müsse bei der Erprobung und Einstellung älterer Arbeitsloser "Unbekanntes einkaufen", erklärt Haupt-Koopmann. Vielmehr könne mithilfe der Arbeitsagentur Schritt für Schritt Beschäftigung entwickelt werden - mit Lohnkostenzuschüssen, befristeten Jobs, Qualifizierungslehrgängen: "Das Risiko ist für Arbeitgeber gering."

Trotz allem, Arbeitsmarktexperte Trepte ist sich sicher: "Die Chancen steigen." Skoeries’ Chef hat sie erkannt. Die Motivation, der Wille zu arbeiten sei bei Skoeries vom ersten Tag an spürbar gewesen, meint Chef Oliver Nuß. "Da merkt man die Lebenserfahrung", die bei der Betreuung der Kunden von Vorteil sei. Ältere könnten mit mancher Situation klarer umgehen.

Werner Skoeries will von vorzeitigem Ruhestand vorerst nichts mehr wissen. Arbeit bis zur Rente: "Den Schritt habe ich noch nicht bereut", meint der Schweriner. Wohnungen verwalten, neue Mietverträge schließen, Mieter betreuen: "Mit jedem Monat bekomme ich mehr Sicherheit."

Für Skoeries sind nicht nur die Arbeitgeber gefordert, sondern die Älteren auch. Man "muss sich schon selbst bewegen". 20 Jahre sei er Chef gewesen, jetzt sage ihm sein Chef, wo es langgeht: "Das ist eine große Umstellung." Für Skoeries hat sie sich gelohnt.

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