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Senioren drehen Filme : Die älteste Filmcrew in MV

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rentner haben keine Ahnung von Technik? Die Gruppe „Rastlos“ aus Neubrandenburg beweist mit ihren Filmen das Gegenteil

svz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 11:45 Uhr

Einige Senioren fahren gerne Rad, andere stricken und wieder andere genießen die Gartenarbeit. Und dann gibt es da noch zwölf Neubrandenburger. Sie gewinnen einen Filmpreis nach dem anderen, schreiben Drehbücher und fangen mit ihren Kameras das Leben in Mecklenburg-Vorpommern ein.

„Wir nennen unsere Gruppe ‚Rastlos‘, denn wir sind ständig unterwegs“, erzählt Walter Papentin. Mit 65 Jahren ist er der Jüngste im Bunde. Der Älteste ist 81. „Wer rastet der rostet“, fügt Gerhard Busch hinzu. Alle lachen. Seit 1997 gibt es die Seniorengruppe. 66 Filme hat sie in den zurückliegenden Jahren produziert, über die Menschen und die Umgebung ihrer Heimat. „Mit unseren Filmen wird unsere schöne Gegend bekannt gemacht“, meint Barbara Hübner.

Siegfried Franke legt eine DVD ein. Von wegen Senioren und Technik, das geht nicht. Auf dem Bildschirm flimmern Bilder von Neubrandenburg auf. Dazwischen immer wieder Buchstaben. „R“, „A“, „S“, ... „Rastlos“. „Das haben wir alles selbst gemacht“, erklärt Franke. Papentin nickt: „Die Filme kann man übrigens auch alle auf unserer Website sehen.“ Baronin von Kimsky läuft durch das Bild, Graf Tilly, Fritz Reuter. Natürlich nicht im Original. Der Film handelt von den Stadtführern Neubrandenburgs. Dann, bei den Aufnahmen an der Straße muss Franke etwas lauter drehen. Der Fernseher fängt an zu schnarren. „Der Ton ist unsere größte Schwachstelle“, gibt Franke zu.

Der Rentner kann sich noch gut daran erinnern, wie vor 19 Jahren alles begann. „Nach einem Aufruf des Seniorenbüros trafen sich 20 ältere Männer in der Medienwerkstatt der Volkshochschule von Neubrandenburg. Sie alle hatten Interesse am Filmen, aber keinerlei Erfahrung.“ Das erste Projekt war dennoch sehr ehrgeizig: Es sollte um das Altern in Neubrandenburg gehen. „Die haben auf Deubel komm raus gefilmt. Doch schneiden konnte niemand“, erzählt Franke. Das Resultat: Über ein Kilometer Filmmaterial – geschnitten wurde damals noch analog – und kein Konzept. Sprich: die erste Bewährungsprobe der Gruppe. Ein Großteil ging. Der harte Kern blieb. Der Film wurde dennoch fertig. Und dessen Debüt ein erster Erfolg. „Die Premiere im Kino Latücht war uns Motivation genug, weiterzumachen“, sagt Franke.

Die Gruppe besuchte Lehrgänge, beschäftigte sich immer mehr mit der Technik und dem Thema Filmrecht. „Die Technik fordert uns immer wieder heraus. Wir müssen uns immer wieder neu orientieren. Aber bisher haben wir das immer hinbekommen“, sagt Franke. Inzwischen haben einige der Senioren ihr eigens Schnittbüro zu Hause. Kein Wunder also, dass schon bald die ersten Anfragen von Unternehmen und Organisationen kamen. Die Senioren waren von so viel Interesse überwältigt. Außerdem gab es so etwas Geld für die Technik. „Doch wir standen mächtig unter Druck. So viele Auftragsfilme mussten wir machen“, erinnert sich Walter Papentin. Für das Eigentliche blieb keine Zeit mehr: Die Freude am Filmen. „Wir mussten Druck rausnehmen. Wir wollten wieder Spaß haben am Filmen“, meint Papentin.

Inzwischen produziert „Rastlos“ hauptsächlich nur noch eigene Herzensfilme. Zum Beispeil André Dahlke, der von einer schweren Alkoholsucht wieder zurück ins Leben gefunden hat. Oder übers Tanzen im Rollstuhl, das Älterwerden in Neubrandenburg oder einfach über besondere Orte in ihrer Gegend, wie den Tollensesee.

Die Zeit und Mühe, die die Senioren in ihre Filme stecken, zahlt sich aus. Inzwischen hat „Rastlos“ acht Filmpreise gewonnen, unter anderem beim Landesfilmfest von Mecklenburg-Vorpommern. Regelmäßig präsentieren die Senioren ihre Filme in Neubrandenburg der Öffentlichkeit. Aber auch im Internet kann man die Filme sehen.

Und sind die Ideen bald erschöpft? „Nein, wir haben ständig neue Ideen“, meint Franke. „Wir würden uns sehr freuen, wenn wir mehr Mitglieder gewinnen können“, sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: „Es müssen auch keine Rentner sein.“

> Hier geht's zur Website von „Rastlos"

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