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Wikipedia : Die Ad-Hoc-Nicht-Konferenz in Schwerin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom 30. Oktober bis 1. November treffen sich im Schloss der Landeshauptstadt Wikipedianer, um zu diskutieren. Themen stehen noch nicht fest – absichtlich

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erstellt am 21.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Man stelle sich vor, man geht auf einen Kongress und keiner weiß, worum es eigentlich geht. Was für regelmäßige Tagungsgänger nach purem Chaos klingen mag, ist beim Wikimedia-Barcamp in Schwerin gewollt, ja geradezu erwünscht. Am letzten Oktoberwochenende findet dort – wo gewöhnlich der Landtag Politik macht – nämlich eine Ad-hoc-Nicht-Konferenz statt und jeder ist eingeladen mitzumachen. Aber von vorne.

Wer in letzter Zeit auf der Internetseite Wikipedia unterwegs war, wird darüber schon gestolpert sein. Ein großes Banner mit der Aufschrift „Vom 30. Oktober bis 1. November findet im Landtag Schwerin ein Wikimedia-Barcamp statt“ ziert die Seite. Wer nähere Informationen haben will, sucht vergeblich. Doch das Chaos hat System.

Wikipedia ist ein freies Online-Lexikon, bei dem jeder Nutzer Beiträge nicht nur lesen, sondern auch bearbeiten, vervollständigen oder löschen kann. Einerseits entsteht so ein riesiger Informationspool, der ständig erweitert wird. Andererseits besteht die Gefahr, dass Nutzer wissentlich oder unwissentlich Fakten verfälschen. Daher ist es auch ein ungeschriebenes Gesetz, dass Journalisten die Plattform als Quelle tunlichst vermeiden sollen. Warum bezieht sich dieser Artikel dennoch auf Wikipedia? Das Barcamp in Schwerin wird eben von der deutschsprachigen Wikipedia-Gemeinde organisiert.

Ein Barcamp ist eine Unkonferenz – eine Tagung mit unterschiedlichen Lehrgängen, „nur dass deren Inhalte und Abläufe von den Teilnehmern selbst bestimmt und entwickelt werden“, steht auf Wikipedia. Die Konferenz richtet sich bewusst gegen eine traditionelle Organisationsform. Es gibt keine zuvor festgelegten Themen und keine Trennung zwischen dem Publikum und den Vortragenden.

Die Idee geht – wieder laut Wikipedia – auf Tim O’Reilly im Jahr 2003 zurück. Der Software-Entwickler empfand bei Konferenzen die Kaffeepause produktiver als die Vorträge an sich. Daher erklärte er die Unterbrechungen als die eigentliche Konferenz und rief die erste Ad-Hoc-Nicht-Konferenz ins Leben.

Jonas Rogowski aus Rostock ist ein Wikipedianer. So nennen sich die aktiven Nutzer des Online-Lexions. Seit Jahren engagiert er sich für Wikipedia. Das heißt, er schreibt kleine Beiträge – meistens über Bands – steuert Fotos bei und korrigiert andere Artikel. „Begonnen hat das alles, weil ich gerne fotografiere. Ich wollte die Bilder irgendwie nutzbar machen“, erzählt der 25-Jährige. „Sonst landen die doch nur in der Schublade.“

Als Jonas über – wie sollte es anders sein – Wikipedia von dem Barcamp im Schweriner Schloss erfuhr, wollte er sofort dabei sein. Dabei weiß er nicht, was ihn genau erwartet. Nur ein paar Themenideen wurden auf der Seite bisher vorgeschlagen. Beispielsweise soll darüber diskutiert werden, wie man Daten über alle Leuchttürme in der Welt sammeln und auf Wikipedia veröffentlichen könnte. Ein anderes Thema wäre, wie Amateur-Segler auf dem Meer Daten über die Wassertiefe für die Plattform „Open SeaMap“ sammeln könnten. Teilnehmer können Einblicke in unbekannte Bereiche der Wikipedia- und Wikimedia-Projekte bekommen. Außerdem sind Fototouren geplant, um Schwerin und die Umgebung im Bild festzuhalten. Dabei können Hobby- und Profi-Fotografen lernen, wie sie Wikipedia mit frei lizenzierten Fotos aufwerten. Wann genau? Auch das entscheidet sich erst während der Konferenz.

„Das Schöne ist, jeder kann mitmachen“, meint Jonas. „So kommen Menschen zusammen, die sich sonst wahrscheinlich nicht treffen würden.“ So vielfältig wie die Teilnehmer seien dann auch die Ideen und die Themen. An diese Schwarmintelligenz glaubt auch Ralf Roletschek. Er ist Mitorganisator des Schweriner Barcamps.

„Es ist uns wichtig, Kontakt nach außen zu haben. Zum Beispiel auch zu Schulen“, meint Roletschek. „Wir sind keine graue Masse. Im Gegenteil. Was wir tun, soll für alle sein.“ Seit 2003 bezeichnet sich Roletschek als Wikipedianer. „Ich bin seit 4417 Tagen dabei, habe 75 355 Bearbeitungen beigetragen. Das sind 21 pro Tag“, zählt Roletschek auf. Mehr als 20 000 Bilder auf Wikipedia sind von ihm. Er hofft auf eine rege Beteiligung bei dem Projekt: „Man kann nie sagen, wie viele kommen. Vielleicht 50 oder 150?“

Eine Konferenz ohne konkreten Plan hat es im Schweriner Schloss bisher wohl noch nicht gegeben. Dennoch war der Landtag sofort bereit, die Gäste in dem historischen Gebäude zu empfangen, erzählt Armin Tebben. „Wir sind seit einiger Zeit mit den Mitgliedern von Wikipedia gut im Gespräch“, meint der Direktor des Landtags. 2013 kamen bereits Wikipedianer ins Schloss, um alle Abgeordneten zu fotografieren. Das Landesparlament sei sehr interessiert daran, Wikipedia als Kanal für die Außendarstellung Mecklenburg-Vorpommerns zu nutzen. Schon jetzt hätte der Wikipedia-Auftritt von Schwerin beispielsweise mehr Klicks als die Seite der Landeshauptstadt.

„Wikipedia ist ein Phänomen. Es ist unglaublich wertvoll, was da an freiem Wissen zusammen getragen wird“, meint Tebben. „Gemessen daran, dass es sich um ein freies Projekt handelt, bin ich erstaunt, wie hoch professionalisiert die Mitglieder sind.“ Doch auch die Risiken hätten sie weiterhin im Blick: „Uns ist klar, dass Wikipedia jeder nutzen kann. Wir sind gespannt, wo die Reise hingeht.“ Beim Barcamp selbst wird Tebben nicht dabei sein. Obwohl er selbst Wikipedianer ist, wie er gesteht.

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