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Blau statt Braun : Dicker Denkzettel aus Vorpommern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bislang galt Vorpommern als eine Hochburg der NPD, doch nun ist die Alternative für Deutschland der Hoffnungsträger für frustrierte Wähler

svz.de von
erstellt am 06.Sep.2016 | 05:00 Uhr

Der Mann im Jeep auf dem Supermarkt-Parkplatz ist am Sonntag nicht wählen gegangen. Er kommt aus Sachsen-Anhalt und macht Urlaub auf der Insel Usedom. Für die Landtagswahl interessiert er sich trotzdem. Im Radio hat er vom starken Auftritt der Alternative für Deutschland gehört - rund 21 Prozent haben die Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern geholt. „Eine reine Frustwahl. Die Leute haben die Schnauze voll und fühlen sich vernachlässigt“, sagt der Urlauber im Geländewagen.

Und wenn man einen genauen Blick auf die Verteilung der Stimmen in den Wahlkreisen von Vorpommern wirft, dann müssen die Menschen in dieser Region besonders frustriert sein. Die AfD räumte bei der Landtagswahl am Sonntag vor allem im östlichen Landesteil ab. In den Wahlkreisen dort erhielten die Rechtspopulisten fast durchweg mehr als die 20,8 Prozent, die sie landesweit bekamen. Sie holte ihre drei Direktmandate in einer Region, die bis dahin eine uneinnehmbar scheinende Bastion der CDU war. Landesweit verlor die CDU nach Schätzungen von Infratest dimap 22 000 Wähler an die AfD - mehr als alle anderen Parteien. Vor allem aber konnte die AfD rund 55 000 frühere Nichtwähler mobilisieren.

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Ihr bestes Ergebnis verzeichnete die Partei im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald III. Dazu gehört der östliche Teil des Landkreises Vorpommern-Greifswald mit der Stadt Wolgast und der Ferieninsel Usedom. Fast jeder Dritte dort gab der AfD seine Stimme. „Ich bin auch Protestwähler“, sagt ein Rentner, der mit seinem Kumpel in einer Wolgaster Bushaltestelle sitzt und in die Sonne blinzelt. Es sei viel versprochen wurde, aber dann ist doch nichts passiert“, schimpft er. Genau erklären, was denn in seiner Stadt versprochen und nicht umgesetzt wurde, kann er nicht. „Hier rührt sich einfach nichts“, schiebt er noch einmal nach. Und da steckt bei aller Polemik tatsächlich auch ein Körnchen Wahrheit drin.

Im touristisch geprägten Vorpommern ist die Arbeitslosigkeit außerhalb der Saison deutlich höher als im Landesdurchschnitt, die Wirtschaft kommt seit Jahren nicht recht voran. Im Tourismus werden unterdurchschnittliche Löhne gezahlt, so dass die Einkommen in der Region niedrig sind. Junge wandern in größere Städte ab.

Für Wolgasts Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) ist klar: „Das Wahlergebnis ist ein lauter und deutlicher Hilfeschrei der Wählerinnen und Wähler.“ Zu sagen, die AfD-Wähler seien alle vom rechten Rand, sei Unsinn. Es sei auch nicht nur die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). So, wie die große Koalition in Schwerin in den vergangenen zehn Jahren den Landesteil Vorpommern betrachtet habe, könne es nicht weitergehen, sagt Weigler. Die Parteien sollten den Denkzettel begreifen. In jüngster Zeit haben die Schließung des Amtsgerichtes Wolgast im Zuge einer landesweiten Gerichtsreform und die Schließung zweier Stationen des örtlichen Krankenhauses für Unmut gesorgt.

Zuvor hatte schon die Kreisreform 2011 mit der Schaffung von territorial sehr großen Landkreisen scharfe Kritik hervorgerufen. Der Vorwurf: Politik und Verwaltung zögen sich aus ländlichen Regionen zurück. „Die Wolgaster haben für das Krankenhaus gekämpft und sind dafür auf die Straße gegangen. Doch das war alles für die Katz “, erzählt eine junge Frau auf dem Supermarkt-Parkplatz. Die Leute seien natürlich sauer auf die Politiker in Schwerin. In genau diese Lücke sprang am Sonntag die AfD mit ihrer Polemik gegen die etablierten Parteien wie SPD und CDU.

Die zweite Karte, die die AfD-Populisten ausspielten: Ängste und Missgunst gegenüber Flüchtlingen schüren. Man muss nur wenige Sätze mit unzufriedenen Menschen in der Region wechseln, bis die Flüchtlinge als Blitzableiter herhalten müssen. „Frau Merkel beschäftigt sich mehr mit Asylfragen, als mit dem eigenen Volk“, findet der Rentner an der Bushaltestelle. Und dann geht es los: Die Flüchtlinge in Wolgast hätten neue Fahrräder bekommen. „Und wir müssen um jeden Euro betteln.“ Das Motto scheint „Wir gegen die“ zu lauten. An der neu in den Landtag eingezogenen AfD gefällt dem Rentner besonders gut, dass sie in der Flüchtlingsfrage „klare Kante zeigt.“ Die Partei müsse sich nun aber erst einmal im Landtag etablieren.

Der Urlauber aus Sachsen hat von den Kompetenzen der Rechtspopulisten eine ganz andere Meinung. „Die haben doch überhaupt kein Konzept.“ Das werde man auch in MV schnell merken. Einen Tag nach der Wahl sind die Rechtspopulisten für viele ihrer Wähler in Vorpommern aber erst einmal die Hoffnungsträger.

>> Alles rund um die Landtagswahl finden Sie in unserem Dossier.
 

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