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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 04:49 Uhr

Streitbar : Dicke Menschen – dicke Gewinne

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zuerst macht uns die Ernährungsindustrie den Mund wässrig, dann lockt die Pharmaindustrie mit Schlankmachern, analysiert Heinz Kurtzbach.

Die Sonne bringt es an den Tag. Sommer für Sommer, wenn sich die Germanen, die Briten, die Holländer – die Mitteleuropäer eben – in den schönsten Wochen des Jahres an südlichen Gestaden tummeln: Du bist zu fett, Mensch! Das hat Ursachen.

Alles hat eine Ursache. In diesem Falle sind es mehrere, aber eine davon war in der südlichen Badebucht gut zu beobachten: Der moderne Mensch, ob jung oder älter, bewegt sich nicht mehr, als nötig. Das Kalorien fressende Schwimmen wird zum schonenden Planschen minimiert und schweißtreibende Ballspiele gerne durch stundenlanges Geklimpere auf dem digitalen Begleiter ersetzt. Und für den kleinen Hunger zwischendurch gibt es dann einen amerikanischen Fleischklops in einem pappigen Brötchen mit ner Cola. Das Ergebnis ist für Jedermann und Jedefrau sichtbar: um die Hüften. Man möchte ihnen zurufen: „Mann, seid ihr dick, Mann. Die Badebucht ist schön. Ihr nicht!“ Aber das Taktgefühl verschließt den Mund. Das alles ist die visuelle Bestätigung wissenschaftlicher Untersuchungen, die längst allgemein bekannt sind, ohne dass diese Erkenntnisse irgendwelche relevanten Auswirkungen auf das Alltagsverhalten der Menschen bewirkt hätte – jedenfalls nicht in messbaren Größenordnungen. Eher das Gegenteil ist der Fall; die Zahl der XXL-Typen wächst von Jahr zu Jahr und nähert sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen der 700-Millionen-Marke. Und in den hochentwickelten Ländern hat die Fettleibigkeit nach Ansicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sogar schon Formen einer „Epidemie“ angenommen.

Es ist eine Epidemie, die nicht irgendwie von irgendwoher über die Menschheit gekommen ist, wie ein schicksalhaftes Naturereignis. Nein, diese Epidemie ist, sozusagen, hausgemacht: Zivilisatorisches Fehlverhalten. Bei näherem Hinschauen sind es vier Grundübel, die wir uns antun:

1. Man bewegt sich zu wenig. Forschungen haben ergeben, dass der Mensch zu Beginn der Evolution auf der Suche nach Nahrung täglich etwa 20 Kilometer unterwegs war und dabei Kalorien verbrannte, über die er keineswegs üppig verfügte; heute läuft jeder von uns statistisch gesehen gerade mal 750 Meter am Tag, und einige davon zum meist gut gefüllten Kühlschrank.

2. Die tägliche Nahrung – überwiegend industriell gefertigt und im Überfluss zu jeder Zeit verfügbar – ist für Otto Normalesser eine große Unbekannte; man kauft Lebensmittel im Supermarkt, ohne deren Inhaltsstoffe zu kennen. Oft enthalten sie mehr Kalorien, als man denkt. Man nimmt also, vielleicht sogar unwissentlich, ständig mehr zu sich, als man für den täglichen Bedarf benötigt. Der Körper freilich reagiert wie zu Zeiten, als Schmalhans noch Küchenmeister war: Er bunkert Kalorien für schlechte Zeiten; der Mensch wird dick. Also: weil es uns zu gut geht, geht es uns schlecht.

3. Die Zahl derer, die nicht kochen können oder wollen, wird immer größer. Mit Kohlehydraten übermäßig gesättigtes Fast-Food gehört in einem Drittel der Haushalte, vor allem in jüngeren Familien, zur täglichen Nahrung – auch die Heerscharen von Fernsehköchen, die das Publikum regelmäßig mit ihren raffinierten Kreationen behelligen, die freilich kaum jemand nachkochen kann, haben in Deutschland keinen Sturm auf die heimischen Herde ausgelöst. Kochen? Keine Zeit! Meint man. Dass laut einer Studie Männer und Frauen im Durchschnitt 136 Minuten am Tag im Internet surfen (und dabei salzige oder süße Chips tütenweise verputzen), sei nur am Rade vermerkt. Natürlich könnte man in dieser Zeit einen prima Salat zubereiten, oder einen feinen Gemüseauflauf. Salat und Aufläufe haben allerdings keine Chance im Wettbewerb mit dem Internet.

4. Die Hektik der modernen Arbeitswelt verursacht permanenten Stress, hindert an der regelmäßigen Nahrungsaufnahme oder zwingt zu schnellem Kantinenessen, dessen Qualität unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten von Fall zu Fall höchst unterschiedlich beurteilt wird, und verurteilt uns zum großen Teil zur Bewegungslosigkeit am Schreibtisch und vor dem Computer.

Fazit: Wir futtern uns fett und krank, und der in vielen Fällen zusätzlich noch in bedenklichen Mengen verkonsumierte Alkohol ist dann das kleine Restrisiko, das uns den Rest gibt und aussehen lässt, wie wir aussehen. Übergewicht ist aber nicht nur ein ästhetisches Problem; ob der Bikini aus dem letzten Jahr noch passt oder nicht, ist ziemlich belanglos – ein Problem allenfalls für seine Trägerin. Zu hohes Gewicht ist aber ursächlich für Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck, und ist damit weit mehr als ein individuelles Problem – es ist längst ein gesamtgesellschaftliches, das schon im Kindesalter beginnt zu wachsen. Bis zu 20 Prozent der lieben Kleinen leiden nach Ansicht von Schul- und Kinderärzten unter Übergewicht, hängen beim Schulsport wie ein nasser Sack an der Reckstange und kommen beim 100-Meter-Lauf nicht ins Ziel. Bei sieben bis acht Prozent von ihnen kann man schon von Adipositas sprechen. Nicht selten wird der Diabetis-Typ II, den man früher auch „Altersdiabetis“ nannte, bei 12-Jährigen diagnostiziert. Und fette Kinder werden in der Regel fette Erwachsene, deren Lebenserwartung bald unter der ihrer Eltern oder Großeltern liegen und wird im Übrigen abhängig ist von regelmäßiger ärztlicher Betreuung. Das ist alles andere als eine Petitesse und auch keine ganz billige Angelegenheit. Die Kosten, die allein in Deutschlande durch ernährungsabhängige Erkrankungen entstehen, belaufen sich nach Berechnungen von Krankenkassen auf jährlich mindestens 50 Milliarden Euro.

Der Mensch weiß natürlich, was er da mit sich anstellt und sinnt von Zeit zu Zeit auf Abhilfe. Dabei wird er natürlich nicht allein gelassen. Ganze Industrien buhlen um Gunst und Geld der Dicken mit dem Versprechen, ihnen wieder zur Traumfigur zu verhelfen. Das ist eine Win-Win-Situation der besonderen Art: Erst frisst man sich mit industriell gefertigten Lebensmitteln den dicken Bauch an, dann versucht man ihn mit industriell gefertigten Pülverchen und Pillen wieder los zu werden.

Schlau ist das nur aus Sicht der entsprechenden Industrie, die ihre Zukunftsstrategien längst darauf ausgerichtet haben, dass sich ihnen mit der weltweit wachsenden Zahl an Adipösen ein neuer Milliardenmarkt erschließt. Ein Analyst der amerikanischen Rating-Agentur Standard and Poors (S&P) stellte „Focus“-Online zufolge trocken fest: „Die Gewichtsprobleme werden auch die Umsätze der Pharma-Industrie weiter anschwellen lassen.“ Dicke Menschen – dicke Gewinne.

Dabei geht es nicht nur um Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck und zur Senkung des Cholesterinspiegels im Blut, es wird mit einem schier unübersichtlichen Angebot an Schlankheitsmitteln vielmehr direkt auf den Hüft- und sonstigen Speck gezielt. Jede Pillenküche, die auf sich hält, hat ein oder mehrere Abnehmpillen oder Pulver im Angebot, der Werbung für diese Produkte kann kaum jemand entgehen, und der wirtschaftliche Erfolg ist entsprechend: Allein in der Zeitspanne von 2006 bis 2010 hat sich der Umsatz mit Schlankheitspillen in den USA, in Europa und Japan von 600 Millionen Dollar auf über zwei Milliarden erhöht. Beim Erfolg sind Experten eher skeptisch. „In den meisten Fällen bieten die Pillen nicht, was sie versprechen“, sagt Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BFARM). Das Institut hat schon zahlreiche Wunderpillen aus dem Verkehr gezogen und verboten, aber „der Handel mit diesen Produkten im Internet boomt trotzdem“, so Steffen. Schlankmacherpillen, die Ärzte und Krankenkassen zum Teil den sogenannten „Lifestyle“ – Produkten zurechnen, bei denen es sich eher um „Arznei für Gesunde“ handelt, seien oft mit unkalkulierbaren Risiken verbunden, brächten aber allenfalls kurzfristige Erfolge: „Die Gewichtsabnahme ist nicht von Dauer“, so der Berliner Pharma-Experte Wolfgang Becker-Brüser.

Die Folge: Der Patient muss die Pille regelmäßig einnehmen, sonst wird er wieder dick. Ein pharmazeutisch produzierter Jo-Jo-Effrekt, wie er nach allerlei Diäten auch auftritt, aber eine nie versiegende Einnahmequelle. Freilich eine Einnahme, die alleine der Verbraucher aufzubringen hat: Jene Schlankmacher, die zum „Lifestyle“-Sortiment gehören, genauso wie die Potenzpille „Viagra“, werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Individuelles Wohlbefinden – und dazu zählt die Traumfigur – soll auch individuell finanziert werden.

Deshalb sei allen, die gerne alles essen, sich nicht mit Schlankmachern vollstopfen und trotzdem bella Figura machen wollen, eine Diät angeraten, die gar nicht weh tut und nicht teuer, aber überaus erfolgreich ist: FDH. Friss die Hälfte.

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