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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 00:15 Uhr

Die AfD im Netz : Dichtung und Wahrheit

vom
Aus der Onlineredaktion

Zuspitzen, dramatisieren, schüren? Über die Alternative für Deutschland auf Facebook

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Er deutet ein Lächeln an. Sein Blick durchdringt den Betrachter. Die Gesichtszüge eines Gewinners. Von jemandem, der den Finger in die Wunde legt, im Auftrag und zum Wohle der Bürger. Neben ihm steht ein Zitat: „Wer seinen Asylstatus nutzt, um hier die Bürger abzuzocken, muss abgeschoben werden.“ Gesagt hat das Dr. Matthias Manthei, Mitglied der AfD-Landtagsfraktion. 76 Fälle von Sozialbetrug durch Asylbewerber mit mehreren Identitäten habe es im letzten Jahr in Mecklenburg-Vorpommern gegeben, das vermeldet die Landes-AfD auf ihrer Facebook-Seite. Sie bezieht sich auf eine Antwort der Landesregierung, Man-thei hatte eine Kleine Anfrage gestellt. Für den Eintrag bekommt die AfD 428 Likes, dazu eine aufgebrachte Gemeinschaft. Einer schreibt unter den Beitrag, dass Flüchtlinge mit 5000 Euro netto im Monat nach Hause gingen. So die Dichtung.

Und das ist die Wahrheit: Es gab 76 Fälle wegen Verdachts des Sozialbetrugs durch Mehrfachregistrierung. Auf 8.000 Asylbewerber, die im letzten Jahr in MV gemeldet waren. Eine Quote von unter einem Prozent. 60 Fälle wurden an andere Bundesländer abgegeben, zehn eingestellt und fünf sind noch nicht abgeschlossen. Es gab eine Verurteilung. Dem Steuerzahler entstand hier ein Schaden von 3.501,58 Euro. 2016 ermittelte das Jobcenter im Land insgesamt in 8.739 Fällen wegen Verdacht des Leistungsmissbrauchs. Bei ungefähr 52.000 Hartz-4-Empfängern. Die Quote? Liegt bei 16 Prozent.

21.370 Menschen gefällt der Facebook-Auftritt der Landes-AfD. Keine andere Partei hat eine größere Anhängerschaft. CDU, SPD und die Linke, die Parteien im Landtag, zählen zusammen 7015 Gefällt-mir-Angaben – und halten sich in den sozialen Netzwerken im Gegensatz zur Alternative vornehm zurück. „Ein besonderes Geheimnis haben wir nicht“, erklärt AfD-Landessprecher Lars Löwe. Die Partei sei auf Facebook sehr aktiv, weil ihre Positionen in den Medien nicht so verbreitet würden. „Wir treffen einen Nerv.“

Dabei sei der Erfolg aber vielmehr Teil der Parteigeschichte, erläutert Martin Fuchs, Hamburger Politikberater und Digitalexperte. Als die Partei noch in der Kinderschuhen steckte, fand die AfD kaum Gehör, behaftet mit dem Image eines Schmuddelkindes, so sagt Fuchs, sah sie für sich im sozialen Netzwerk Facebook die perfekte Plattform. Zu Beginn nicht nur, um die eigenen Positionen zu verbreiten. Ziel sei vor allem das Treffen mit potenziellen Wählern gewesen, die Kontaktaufnahme mit anderen Verbänden, selbst Öffentlichkeitsarbeit: Die Infrastruktur der AfD entstand auch im Netz.

Weiteres Beispiel: Das Bild reicht vom Bauch bis knapp über die Knie. Zu erkennen ist eine Frau, sie trägt eine eng anliegende, schwarze Hose mit einer gelben Schlaufe, die am Bund entlang führt, bis sie in der linken Tasche verschwindet. Eine Hose, die vor Vergewaltigungen schützen soll. Die AfD MV schreibt dazu, sie wolle ihre „Facebookfreundinnen und Eltern“ informieren, „über die Zustände in Deutschland“. 199 Leuten gefällt das. 81 teilen den Beitrag. Eine Nutzerin kommentiert, wegen der „Fickilanten“ müssten sich die Frauen eine solche Hose anziehen, ihnen bliebe nur der Protest – zum Beispiel mit Waffen. So die Dichtung.

Und das ist die Wahrheit: Eine Reporterin des Online-Portals „Der Westen“ hatte die Hose getestet, die Frauen vor Vergewaltigungen schützen soll. Der Artikel ist ein kurzer Erfahrungsbericht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik notierte für das Jahr 2015 in Mecklenburg-Vorpommern 62 Fälle, in denen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung ermittelt wurde. Das waren 0,88 Prozent der deutschlandweit gemeldeten Sexualdelikte. 55 Tatverdächtige waren Deutsche, drei nicht. Der Verdacht ist in mehreren Fällen möglich. Die Ausländerquote im Land beträgt vier Prozent. Ausländer sind nicht auffälliger als die Einheimischen. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2016 bewegten sich die Zahlen laut Bundeskriminalamt weiter „auf konstant niedrigem Niveau“. Lars Löwe erklärt dazu: Der Beitrag sei eine Zuspitzung und damit ein legitimes Mittel der Politik. In diesem Fall will die AfD auf die sich verschlechternde Sicherheitslage hinweisen. „Ohne Grund“, sagt er, „gibt es so eine Hose nicht.“

Die AfD in MV erreicht über Facebook pro Beitrag 20.000 Menschen. Das sagt Löwe. Social-Media-Experte Fuchs hingegen geht von bis zu 100.000 Menschen aus, je nachdem, wie kontrovers das Thema ist. Das wäre eine digitale Stadt von der Größe Schwerins, die über Zustände lesen könne, die nicht existieren. Die Beispiele zeigen es. Für ihre Art von Werbung muss die AfD keinen Euro ausgeben. Sie nutzt eine Plattform, auf der sie nur schwer verlieren kann. Denn: Was auf Facebook Aufmerksamkeit erzeugt, ist Trumpf. Der Facebook-Algorithmus erkennt einen oft geteilten oder kommentierten Beitrag als etwas, das viele Menschen interessieren müsste – völlig unerheblich, ob der Inhalt wahr oder falsch ist. Der Algorithmus spült es auf die Nutzer-Seiten. Ein paar Klicks der AfD und aktive Unterstützer reichen aus, um einen Schneeballeffekt auszulösen.

Eine andere Möglichkeit sind die Social Bots: Programme, die sich im Netz als Menschen ausgeben. Auch sie teilen Beiträge, auch sie drücken „Gefällt mir“ – allerdings nur zu den Themen, die ihnen vorgegeben wurden. Die Meinung der Leser soll beeinflusst werden, ohne dabei aber eine Identität preiszugeben. Jede Partei kann so schier unsichtbar auf Stimmenfang gehen. Das zu beweisen, ist nämlich kaum möglich.

Die Welt der Margret Seeger
Margret Seeger hatte viele Freunde. Über 1000. Nun ist sie nicht mehr da. Aus dem Nichts. Gelöscht. Dabei war sie immer so aktiv: Manchmal hielt es sie mitten in der Nacht nicht mehr im Bett, zu groß die Lust nach einer Veränderung in der Politik. Wie von Geisterhand zog es sie zum Facebook-Auftritt der AfD MV. Sie drückte „Gefällt mir“. Sie teilte Beiträge der Fraktion, Belangloses von Leif-Erik Holm oder Dr. Matthias Manthei. Sie brachte die Standpunkte der AfD in die Welt, präsentierte sie ihren vielen Freunden auf Facebook. 50, auch mal 100 Beiträge pro Tag. Dabei bewahrte sie stets die Contenance. Sie schrieb kaum etwas. Eigentlich nichts. Schweigen war ihr Gold. Sie interessierte nicht, ob die Posts der Wahrheit entsprachen. Möglichst schnell möglichst viele Beiträge verbreiten – das liebte sie. Ende des letzten Jahres versprach die Bundes-AfD, auf Social Bots zu verzichten. Auf unsere Fragen hat Margret Seeger nicht reagiert. Sie hat sie nicht einmal gelesen. Aber das kann sie wahrscheinlich  gar nicht.Wahrscheinlich ist sie ein Roboter.

Tumultartige Szenen. Ein Hörsaal voller aufgebrachter Studenten, dazwischen TV-Kameras, Journalisten mit Diktiergeräten. In Magdeburg hatte die AfD-Hochschulgruppe „Campus Alternative“ geladen zu einem Treffen mit André Poggenburg, dem Landeschef der AfD in Sachsen-Anhalt. 400 Studenten versuchen das zu verhindern. Es kommt zu Rangeleien. Ein junger Mann wirft einen Böller in Richtung Poggenburg. Die Lage beruhigt sich, als die Polizei eintrifft. Die AfD MV setzt einen Bericht der „Magdeburger Volksstimme“ zum Vorkommnis auf ihre Facebook-Seite. Sie schreibt, dass genau das Deutschland im Jahre 2017 wäre. Und: Diese Gewalt gegen Andersdenkende sei nur noch mit 1933 vergleichbar. 376 drücken „Gefällt mir“. 173 teilen den Beitrag. Linke Meinungsfaschisten seien das gewesen, kommentiert jemand. So die Dichtung.

Und das ist die Wahrheit: 1933. Das Jahr, in dem Adolf Hitler an die Macht kam. Ein Menetekel für den dunkelsten Abschnitt der deutschen Geschichte. Millionen Menschen wurden ermordet, weil sie anders glaubten, anders aussahen, opponierten. Die AfD aus MV stellt sich auf Facebook neben die Opfer Hitlers.

Im Netz verkörpert die AfD die außerparlamentarische Opposition. Sie ruft zum digitalen Kampf auf: Wir hier unten gegen die da oben. Als wäre sie nicht Teil des Systems, obwohl sie im Schweriner Schloss längst mitgestaltet. Die Alternative nutzt den Platz, den ihr die anderen Parteien durch ihre Inaktivität im Internet lassen. Sie verdreht. Sie dramatisiert. Sie schürt Angst, vielleicht sogar Hass. Oder, wie es die AfD bezeichnet: Sie spitzt zu. AfD-Landessprecher Lars Löwe sagt, privat würde er auf Facebook lange Texte kaum lesen. Kurz und knackig sei ihm lieber.

Die Wahrheit aber braucht Raum.

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