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Unbekannter mobbt Politiker : Dichterkrieg von Wittenburg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Unbekannter mobbt mit Spottgedichten die Bürgermeisterin und andere Stadtpolitiker. Staatsanwaltschaft ermittelt

von
erstellt am 02.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Denk ich an Wittenburg in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht? In der 6300 Einwohner zählenden Kleinstadt im Westen des Landkreises Ludwigslust-Parchim treibt ein unbekannter Dichter seit Monaten sein Unwesen. Fast 30 Gedichte hat er schon zusammengereimt und damit nicht nur die komplette Stadtspitze um Bürgermeisterin Margret Seemann (SPD) gegen sich aufgebracht. Inzwischen ist auch die Stadt in Aufruhr.

Die Reime werden in Briefkästen verteilt oder heimlich auf Gehwegen verstreut. Große Satire sind die Gedichte wirklich nicht. Die flachen Verse sind inhaltlich deutlich unterhalb der Gürtellinie angesiedelt. In dem Reim „Die Falschfahrerin“, heißt es über die Bürgermeisterin beispielsweise: „Ne blonde Frau mit Rinderwahn / fuhr neulich auf der Autobahn. / Durch ihre Magersucht schon dumm, / befuhr sie diese falsch herum.“

Frau Seemann selbst wehrt sich. Sie sieht die Gedichte nicht mehr durch das Recht der freien Meinungsäußerung gedeckt. „Denn dieses Recht ist mit den massiven Beleidigungen, Verleumdungen und Diffamierungen in nahezu allen uns vorliegenden 29 Beleidigungstexten weit überschritten.“

Die Nerven liegen blank. Grund dafür ist auch die Vermutung, dass es sich bei den Reimen nicht um dumme Scherze, sondern um die Fortsetzung von Kommunalpolitik mit anderen Mitteln handelt. „Es fällt schon auf, dass Mitglieder aller Fraktionen, aber kein Mitglied der CDU-Fraktion in den Gedichten beschimpft wird“, bestätigen auch die Fraktionschefs von Die Linke und Körchower Wählergemeinschaft, Stefan Schwarz und Bruno Hersel. Zudem würden Sachverhalte in den Gedichten thematisiert, die nur Stadtvertreter wissen können. Frau Seemann will sich zu ihrem Verdacht offiziell nicht äußern.

Das Schema in den Gedichten ist immer ähnlich. Stadtpolitiker werden als psychisch krank, charakterlos und moralisch verwerflich beschimpft. In einem anderen Gedicht schreibt der Unbekannte über Frau Seemann: „Die Grete, das ist allen klar, / für die Gemeinheit ’ne Gefahr. / Paranoid und magersüchtig, / das ist nun wirklich nicht mehr witzig.“

Ist es tatsächlich nicht. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hat ein Strafverfahren eingeleitet. „Wir nehmen die Sache sehr ernst“, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek gegenüber unserer Zeitung. Der Straftatbestand der Beleidigung und Verleumdung sei in mehreren Textpassagen erfüllt, hieß es.

Eines hat der Verfasser allerdings erreicht: Kommunalpolitik und Verwaltung sind in Wittenburg in Teilen paralysiert. Seit Juni vergangenen Jahres beschäftigt sich die Stadtvertretung fast regelmäßig mit den Gedichten – das letzte Mal auf ihrer Sitzung am Mittwoch dieser Woche.

Die Verwaltung hat zudem eine 37 Seiten umfassende schriftliche Analyse der Verse angefertigt. Penibel heißt es da zum Blatt mit dem Gedicht „Falschfahrerin“: „Brief war im Hausbriefkasten. Brief war adressiert an Frau O., wurde geöffnet von Frau K. ...“

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