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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 17:51 Uhr

Telemedizin : Diagnose per Bildschirm

vom
Aus der Onlineredaktion

Telenotarzt dirigiert Rettungsdienst: Pilotprojekt in Greifswald gestartet

svz.de von
erstellt am 05.Okt.2017 | 08:00 Uhr

Vier Monitore auf dem Tisch, ein Headset mit Mikro auf und die Diagnose und Behandlungsoptionen im Kopf: Als erster Telenotarzt in Mecklenburg-Vorpommern dirigiert der Greifswalder Mediziner Michael Gillner gestern von seinem Büro-Arbeitsplatz den Rettungsdienst an der entfernten Unfallstelle. Eine junge Frau hat sich auf der Straße den Knöchel gebrochen. Per Headset kommuniziert Gillner mit den Rettungssanitätern, per Kamera kann er das gebrochene Körperteil in Augenschein nehmen, auf einem weiteren Bildschirm erscheinen die Vitaldaten wie Blutdruck und Herzschlag. Gillner dirigiert aus der Ferne die weiteren Behandlungsschritte, weist die Dosierung und Gabe von schmerzmildernden Medikamenten an. Dann fordert er die Rettungssanitäter auf, die junge Frau in die Klinik zu bringen. Und Gillner entscheidet, in diesem Falle keinen realen Notarzt an den Unfallort zu schicken.

Als landesweit erste Region hat der Kreis Vorpommern-Greifswald das rund um die Uhr arbeitende Telenotarztsystem in Betrieb genommen.

Genau seit 7.30 Uhr sitzt Gillner an seinem Arbeitsplatz. Der Fall mit dem gebrochenen Knöchel gehörte noch zu einer Simulation. Doch er soll nach Angaben der Projektpartner des Landkreises und der Universitätsmedizin Greifswald zeigen, welches Potenzial das System birgt. In diesem Falle konnte ein tatsächlicher Notarzt-Einsatz vor Ort vermieden werden, weil der Patient nicht lebensbedrohlich verletzt war. Doch genauso wichtig ist den Initiatoren, dass mit dem Telenotarzt die therapiefreien Intervalle bis zum Eintreffen des realen Notarztes überbrückt und damit die Qualität der Patientenversorgung gesteigert werden könnten. Vorpommern-Greifswald ist der drittgrößte Landkreis in Deutschland - mit langen Anfahrtswegen für die Ersthelfer. Nicht immer können im Kreis die Hilfsfristen für den Rettungsdienst von zehn und für den Notarzt von 15 Minuten eingehalten werden, räumt der Beigeordnete des Kreises, Dirk Scheer, ein. Dennoch soll die notärztliche Versorgung auch in dem ländlich geprägten Kreis auf hohem Niveau gehalten werden.

Das Telenotarztsystem gibt es bereits in Aachen. Steigende Einsatzzahlen und fehlende Notärzte erhöhen bundesweit den Druck auf das Rettungswesen. In Aachen arbeitet das System seit drei Jahren im Regelbetrieb, wie der Leiter des Projektes, Bernd Valentin, berichtet. Rund 10 000 Rettungseinsätze wurden seit 2014 mit dem Telenotarzt nach streng vorgegebenen Leitlinien abgedeckt. Die Notarztquote bei den Rettungseinsätzen sei von 36 auf 22 Prozent gesenkt worden. „Wir denken, dass die Effekte in einem Landkreis noch deutlich größer sein könnten“, prognostiziert er.

Anders als in Aachen ist das Telenotarztsystem in Vorpommern-Greifswald Bestandteil eines größer angelegten Projektes. 5,4 Millionen Euro stellt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aus dem Innovationsfonds bereit. Neben dem Telenot-arztsystem gehört auch der Ausbau der Laienreanimation und - seit einem Monat - eine Alarmierungs-App für medizinisch vorgebildetes Personal dazu. Dabei werden qualifizierte Ersthelfer wie Ärzte, Krankenschwestern oder Feuerwehrleute, die sich zufällig in der Nähe eines lebensbedrohlich Erkrankten befinden, auf ihrem Handy alarmiert und können schnell Erste Hilfe leisten.

Angelegt als Vier-Säulen-Modell sei das Projekt bundesweit einmalig, weil es die Probleme in ländlichen Regionen komplex angehe, sagte Joachim Paul Hasebrook von der zeb.business school der Steinbeis Hochschule Berlin. Das Projekt könne Pilotcharakter für etwa 70 weitere Landkreise in Deutschland haben, die eine ähnliche Bevölkerungsdichte hätten. Ergebnisse, die auch eine Kosten-Nutzen-Analyse beinhalten, sollen 2020 vorliegen.

Bislang wurden zwei in Greifswald und Wusterhusen stationierte Rettungswagen mit der erforderlichen Technik ausgestattet. Weitere vier sollen in den nächsten Wochen folgen. Um die Übertragung der Daten auch in Regionen mit schlechtem Mobilempfang zu gewährleisten, arbeite die Kommunikationseinheit im Rettungswagen mit mehreren Mobilfunknetzen. In Regionen, in denen keine Funkverbindung vorhanden sei, könne das System derzeit nicht genutzt werden, sagte der Kreisbeigeordnete Scheer. Der Kreis setzt darauf, dass künftig auch diese Regionen besser mit Mobilfunk abgedeckt werden.

 

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