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Kriegsgefangenenlager in Neubrandenburg : Deutlich mehr Opfer in Fünfeichen

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Die Kriegsgefangenenlager in Neubrandenburg-Fünfeichen sind bisher wenig erforscht. Dies hat sich eine Historikerin zur Aufgabe gemacht. Erstes Ergebnis: Mehr Menschen als bisher angenommen litten in den Lagern.

svz.de von
erstellt am 08.Feb.2013 | 10:56 Uhr

In den Kriegsgefangenenlagern Fünfeichen bei Neubrandenburg gab es zwischen 1939 und 1945 deutlich mehr Häftlinge als bisher angenommen. Das haben Recherchen der Rostocker Historikerin Natalja Jeske in Archiven in Russland, Polen und Deutschland ergeben. "Ich schätze, dass es mindestens 120 000 Gefangene gab", sagte Jeske.

Das wären doppelt so viele wie bisher angenommen. Davon seien mehr als 100 000 Häftlinge zum ersten Mal in den drei Lagern der Wehrmacht registriert worden, Tausende weitere Gefangene kamen zum Teil schon aus anderen Lagern nach Fünfeichen. "Die größte Gruppe waren die Franzosen, danach folgten Polen und Sowjetsoldaten", erklärte die Historikerin.

Jeskes Arbeit soll in einer möglichst genauen Gesamtbetrachtung der Lager Fünfeichen zwischen 1939 und 1948 münden. Zuerst waren dort Kriegsgefangene eingesperrt, später war es ein Heimkehrerlager für Zwangsarbeiter, von 1945 bis 1948 dann das "Speziallager Nr.9" des sowjetischen Geheimdienstes NKWD.

Geschichtsaufarbeitung war zur Wende nicht abgeschlossen

"Die Zeit als Kriegsgefangenenlager ist bisher noch am wenigsten erforscht gewesen", erläuterte die Wissenschaftlerin. Die Geschichtsaufarbeitung dazu hatte erst in den 1980-er Jahren der DDR begonnen und wurde bis zur Wende nicht abgeschlossen. Vor allem in der DDR-Zeit hätten viele falsche Angaben kursiert. Nach 1990 wurde vor allem die Zeit des Speziallagers des Sowjet-Geheimdienstes NKWD erforscht.

Aus insgesamt elf Nationen stammten die Wehrmachtsgefangenen in der NS-Zeit. Fünfeichen war zudem 1939 das erste Gefangenenlager auf dem Gebiet des damaligen Mecklenburg und Pommern. In den Archiven hat Jeske auch Erfahrungsberichte von ehemaligen Häftlingen gefunden. An diesem Donnerstag stellt die Forscherin ihre neuesten Ergebnisse dazu in Neubrandenburg vor.

Unter den widrigsten Bedingungen - wie Hunger und Krankheiten - starben in Fünfeichen etwa 6000 Kriegsgefangene aus der damaligen Sowjetunion. Außerdem kamen etwa 500 Gefangene anderer Nationen ums Leben. "Die Franzosen und Belgier haben ihre Toten nach Kriegsende exhumiert und die Gebeine mitgenommen", hat Jeske herausgefunden.

Etwa 300 Tote aus Serbien, Italien und anderen Nationen liegen demnach noch auf dem Gelände.

Vor allem Gefangene westlicher Mächte standen unter dem Schutz des Genfer Abkommens, wie Natalja Jeske erläuterte. Für die Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion hätten die Nationalsozialisten die Bestimmungen dieses Abkommens nicht beachtet. "Man wollte mit den Briten und den US-Amerikanern auch noch nach dem Krieg auskommen", erklärte die Historikerin.

Der Sowjet-Geheimdienst NKWD ließ nach Kriegsende rund 15 000 Menschen meist ohne gerichtliches Verfahren und größtenteils unschuldig in dem Barackenlager einsperren.

Davon starben an Hunger und Krankheiten rund 4900 Menschen im Lager, etwa 5000 Insassen kamen nach und nach wieder frei. Mehrere tausend Menschen wurden in andere Lager verschleppt. Etwa 700 Häftlinge kamen in Lager nach Sibirien.

Die Forschungen der Rostocker Historikerin Natalja Jeske sollen auch veröffentlicht werden. Der Arbeitstitel für das bisher rund 200 Seiten umfassende Manuskript lautet "Die Lager in Fünfeichen." Ihre Forschungen stellte die Historikerin gestern Abend in Neubrandenburg vor.

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