Detektivarbeit auf dem Grund der Ostsee

 <strong>Für die dendrochronologische Bestimmung</strong> sägt René Gläser Holzproben vom Wrack vor Hohe Düne. Fotos: Martin Siegel
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Für die dendrochronologische Bestimmung sägt René Gläser Holzproben vom Wrack vor Hohe Düne. Fotos: Martin Siegel

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27. Juli 2012, 09:58 Uhr

Rostock | Sie suchen die Herausforderung unter Wasser: Elf Hobby-Taucher lernen momentan vor Warnemünde, Wracks auf dem Meeresgrund archäologisch zu erfassen. Mitglieder der Gesellschaft für Schiffsarchäologie Rostock zeigen ihnen in einem einwöchigen Seminar, wie sie sich einen Überblick verschaffen, Funde methodisch vermessen und dokumentieren. Außerdem lernen die Teilnehmer die Schifffahrtsgeschichte im Ostseeraum kennen.

"Ich wollte mal was anderes machen, als immer nur runter und wieder hoch", sagt Ralph Kunz. Der 47-Jährige ist extra aus Karlsruhe angereist. Bei ihm zu Hause gibt es lediglich Baggerseen. "Zum Teil ist deren Grund nur schlickig", so Kunz. Die Wracks in der Ostsee zu erkunden, sei da wesentlich spannender.

Das findet auch Martin Siegel, Vorsitzender der Gesellschaft für Schiffsarchäologie Rostock. Wenn er oder die Mitglieder der Gesellschaft ein unbekanntes Wrack gefunden haben, geht ihre Arbeit erst richtig los. Um welches Schiff handelt es sich? Welche Funktion und Ladung hatte es? Warum ist es gesunken? Offene Fragen, die geklärt werden wollen. "Das macht mir großen Spaß", sagt Siegel. Sind vom Wrack nur noch Einzelteile übrig, wird sein Forschertrieb nur noch stärker geweckt.

So auch bei seinem jüngsten Fund vor Markgrafenheide. An dem arbeiten die Mitglieder des Vereins seit dem Entdeckungstauchgang im April 2010. Eine harte Nuss, denn Wind und Wellen haben dem 15 Meter langen Wrack stark zugesetzt. Nur die Bodenschale aus Spanten und Planken ist noch übrig. Das macht die Bestimmung der Konstruktionsweise schwierig. Sie liefert meist den ersten Hinweis für die zeitliche Einordnung. Diese lässt sich aber auch mit der Dendrochronologie an abgesägten Holzproben vornehmen. Deren Ergebnis: Das Schiff wurde irgendwann Mitte oder Ende des 18. Jahrhunderts aus Rostocker Holz gebaut. Alles Weitere muss nun die Archivrecherche ergeben.

Luftbilder geben Hinweise

"Das war ein Zufallsfund, der sich aber mit Luftbildaufnahmen deckte", sagt Siegel. Die Beobachtungen aus der Vogelperspektive sind häufig entscheidend für neue Entdeckungen. Luftbildarchäologen können bei ruhiger See bis zu sechs Meter unter die Wasseroberfläche sehen und mögliche Wracks orten. Auch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) meldet regelmäßig Funde an das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. "Das gibt die Positionen an uns weiter", sagt Siegel. Häufig entpuppen sich die Stellen allerdings als Muschelbank, Steinfeld oder neuzeitliche Abfälle. Aber: "Wir haben schon oft Holzwracks gefunden, gerade im Strandungsbereich", so der Forschungstaucher. Teilweise sind darunter auch sehr alte Schiffe aus dem Mittelalter.

Vor Warnemünde haben Mitarbeiter des Instituts für Ostseeforschung vor drei Jahren einen weiteren Fund gemacht: einen Schlepper. Die Recherche ergab, dass das Schiff um 1900 gebaut wurde. "Das Wrack haben wir intensiver untersucht", sagt Siegel. Leider sei die Position aber in der Taucherszene bekannt geworden, gepaart mit dem Gerücht, es handele sich um ein Kriegsschiff. "Das ganze Vorschiff wurde auseinandergerupft", sagt er. Glücklicherweise komme das nicht so häufig vor, denn die Wrackspositionen werden weitgehend geheim gehalten. "Solange wir Plünderungen durch Einzelne in der Taucherszene verzeichnen, müssen wir leider so verfahren." Die Denkmale zu schützen, ist eines der erklärten Ziele der Unterwasserarchäologie. Statt die Wracks zu heben, ist die Forschung dazu übergegangen, sie an Ort und Stelle zu belassen: "Dort haben sie Jahrhunderte überlebt und sind bestens konserviert."

Je Wasser-Stunde zehn Stunden Arbeit an Land

Die rund 40 ehrenamtlichen Mitglieder der Gesellschaft für Schiffsarchäologie dokumentieren ihre Funde auch und beobachten sie dauerhaft. "In unserem Einzugsbereich tauchen wir bis zu 25 Meter tief", sagt Siegel. Das Hinabsteigen selbst ist dabei aber der kleinste Zeitfaktor. "Wir müssen uns sehr gut vorbereiten, gerade bei Teamarbeit muss jedes Markierungszeichen in der richtigen Reihenfolge aufgefädelt sein", sagt der Taucher. Auf jede Stunde im Wasser kommen so zehn Arbeitsstunden an Land.

Das richtige Verhalten unter Wasser lernen die Taucher in speziellen Lehrgängen der Gesellschaft und des Landesverbandes für Unterwasserarchäologie. Denn schon eine unachtsame Bewegung mit den Flossen kann den Denkmälern gefährlich werden. Beispielsweise, indem die schützende Sandschicht abgetragen wird und sich so die zerstörerische Schiffsbohrmuschel an das Holz anheften kann.

Die Gesellschaft plant neben den Lehrgängen auch einen Dokumentationsworkshop und ein Freiwassermuseum. Allerdings muss sie mit sinkenden Geldzuweisungen vom Land auskommen. Dabei kann das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege schon jetzt nur einen Bruchteil der Funde allein bearbeiten und ist daher froh über jede Hilfe. Gerade für die weiter entfernten Fundplätze ist der Einsatz eines großen Arbeitsschiffes notwendig. Doch diesen Posten mussten die ehrenamtlichen Denkmalpfleger streichen. Dabei drängt die Zeit: Bisher ist nur ein Bruchteil der vermuteten Wracks in der Ostsee bekannt.


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