Der Richtenberger See : Der wiedergeborene See

<strong>Für Georg Matthes </strong>wurde mit dem See ein Traum wahr.
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Für Georg Matthes wurde mit dem See ein Traum wahr.

MV und Brandenburg sind die deutschen See-Länder. Allein in MV gibt es über 2000 Seen. Reporter unserer Zeitung haben Menschen und ihre Seen besucht und erzählen von den Gewässern. Heute: Der Richtenberger See in MV.

svz.de von
29. Juni 2012, 07:32 Uhr

Franzburg/Richtenberg | Zu Hause ist zu Hause. Auch wenn man schon seit Jahrzehnten woanders lebt. Wenn man nach Hause kommt, also dorthin, wo die Eltern noch wohnen und vielleicht ein paar alte Freunde, sieht es dort immer noch so aus wie früher. Da ändert sich nichts. Soll es auch nicht. Sonst wäre es ja sonst was, nur nicht das Zuhause.

Aber an jenem Tag vor fünf Jahren stimmte etwas nicht. Da blitzte es blau und wässrig, wo eigentlich nichts Blaues und Wässriges blitzen durfte. Tat es aber. Das gibts doch nicht! Wirklich und wahrhaftig ein See. Zum Mopedfahren und für verliebte Spaziergänge, wie früher so oft, eher ungeeignet. Vater wunderte sich über den staunenden Sohn. Ja klar, da ist jetzt ein See. Als würde alle paar Tage irgendwo ein See entstehen.

Ob Wallensteins Truppen im See gebadet haben?

Damals musste ich das, wenn auch immer noch staunend, so hinnehmen. Heute will ich der Sache auf den Grund gehen, diesem geheimnisvollen, scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten See, der zwischen den vorpommerschen Städtchen Franzburg und Richtenberg vor sich hinplätschert, als hätte er das schon immer getan. Hat er, genau genommen, auch.

Schließlich entstand er vor etwa 12 000 Jahren in der Weichseleiszeit. Wer weiß, welche Völker - Slawen, Germanen, Pommern - im See schon fischten? Zisterziensermönche des nahen Klosters jedenfalls trieben im 13. Jahrhundert Fischzucht im Franzburger Teich, wie der See auch schon einmal hieß. Wallensteins Truppen werden ein Bad genommen haben, nachdem sie 1628 Franzburg geplündert und verwüstet hatten.

In den folgenden Jahrhunderten verlandete der See dann nach und nach, bis der Reichsarbeitsdienst 1936 den See entwässerte, um Land zu gewinnen. Das wars dann. Vorerst. Womit wir geklärt haben, wie ein jahrtausendealter See sterben kann. Von seiner Auferstehung hat Georg Matthes sein Leben lang geträumt.

Der frühere Lehrer und leidenschaftliche Naturschützer trägt den Gedanken schon seit den 60er-Jahren mit sich herum. Als er mit seinen Schülern für die Messe der Meister von Morgen 1972 ein Modell des Sees ausstellte, beäugte der Vorsitzende des Rates des Kreises diese Utopie misstrauisch und ging mit den Worten weiter: "Haben die in Franzburg keine anderen Sorgen?"

Kann ein See zwei Namen haben?

Nach der Wende liefen die Franzburger Naturschützer, offensichtlich ein stures Völkchen, erneut mit ihrer Idee von Pontius zu Pilatus. Bis eine deutsche Umweltministerin, die ihren Wahlkreis ausgerechnet in Nordvorpommern hat und später deutsche Kanzlerin werden sollte, der Traum vom See zu Ohren kam. Und ein Machtwort sprach. Franzburg-Richtenberger Legende oder nicht.

Als die "Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH" (Deges) für die beim Autobahnbau zwischen Tribsees und Grimmen Ost zerstörte Natur einen Ausgleich schaffen musste, bot sich der Richtenberger See an, der damals noch eine riesige Moor- und Wiesen-Senke und also ein Gespenstersee war. 84 Jahre alt musste Georg Matthes werden, bevor sein Traum wahr wurde.

Am 12. Mai 2006 wurde der Zandershäger Graben, der schon immer durch die Senke zwischen den beiden Städten floss, an einem Wehr gestaut. Im Januar 2007 war der See dann mit 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser gefüllt, bis er an seiner tiefsten Stelle 2,5 Meter tief war.

Wie viel kostet ein halber See?

Misstrauisch standen die Franzburger und Richtenberger an ihrem neuen, alten See und witzelten über das "Reisfeld", weil in der ersten Zeit nach dem Anstauen selbst in der Mitte des Sees noch Schilf aus dem Wasser ragte. Aber im Stillen freuten sie sich und träumten davon, im See zu baden und zu angeln, zu segeln und zu paddeln. Träume…

Doch erstmal lieferten die beiden neuen Seestädtchchen Stoff für eine kleine Kleinstadtkomödie. Denn die Richtenberger nannten ihren See natürlich Richtenberger See und die Franzburger, ebenso selbstverständlich, Franzburger See. Kann ein See zwei Namen haben? Die Bauherren von der Deges lösten das Problem salomonisch-alphabetisch: "Umgestaltung des Franzburg-Richtenberger Sees" hieß das Projekt. Doch das Franzburg am Baustellenschild wurde nachts immer wieder übermalt. Heute lächeln fast alle, die wir fragen, über diesen lächerlichen Streit. Die beiden Bürgermeister der wie aus der Zeit gefallenen, verträumten Neu-Seestädtchen und wohl auch die meisten Bewohner akzeptieren den historischen Namen Richtenberger See.

Jede Stadt hat ihre Seehälfte für etwa 190 000 Euro an die Deges verkauft, die wiederum wird den See samt Uferflächen demnächst an die Umweltstiftung MV übergeben.

Dann wird der 128 Hektar große See endgültig zum Naturschutzgebiet erklärt. Boote wird man also nicht auf dem See sehen. Baden verboten! Obwohl unlängst in einer Nacht- und Nebelaktion eine kleine Regatta mit 20 Booten ausgetragen worden sein soll. "Entweder wir wollen Eisvogel und Ehrenpreis, Schwan und Schwanenblume und andere seltene Tiere und Pflanzen, die sich inzwischen an unserem See angesiedelt haben und von denen viele auf der Roten Liste stehen. Oder wir wollen baden und segeln. Dann haben wir aber die Tiere nicht mehr", sagt Umweltschützer Matthes nüchtern. Immerhin darf auf jeder Seeseite an einer Stelle geangelt werden. Hecht, Rotfeder, Schlei und Barsch scheinen sich im neuen See wohlzufühlen. Bald wird ein fünf Kilometer langer Rundweg zum Spaziergang um den See einladen. Die Richtenberger haben auf ihrer Seite einen riesigen Aussichtsturm gebaut, von dem schon Seeadler und Roter Milan gesichtet wurden.

Und wer weiß, wenn ich das nächste Mal in die alte Heimat fahre, vorbei an diesem wiedergeborenen See, werden mich vielleicht ein paar süße Erinnerungen überfallen, die am Grunde des Sees schlummern.

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