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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 10:29 Uhr

25 Jahre Mauerfall : Der Wessi-Doktor

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie der Landarzt Dirk Grotkopp aus Niedersachsen in Mecklenburg-Vorpommern seine zweite Heimat findet

Wera Festner mag den Doktor. Sie hat Dirk Grotkopp heute sogar etwas mitgebracht, einen glänzenden roten Apfel. Vielleicht hat Frau Festner dabei an das Motto gedacht: „An apple a day keeps the doctor away.“ Wer jeden Tag einen Apfel isst, der wird nicht krank. Der kostbare Mann soll ja möglichst fit bleiben.

„Wir sind alle sehr froh, dass wir einen Nachfolger gefunden haben für unsere Arztpraxis“, sagt die 74-Jährige mit ihrer blonden Dauerwelle und der grünen Steppjacke draußen vor der Tür des roten Backsteinhauses, wobei auf die besitzanzeigenden Fürwörter „wir“ und „unsere“ zu achten ist. „Natürlich ist es erst mal gewöhnungsbedürftig. Aber ich bin jetzt zum dritten Mal hier gewesen und muss sagen, dass ich ganz zufrieden bin. Er hat mein Vertrauen gekriegt.“

Bald darauf tritt Detlef Borck aus Neu Göhren aus dem Gebäude mit der hölzernen Eingangstür an der Bundesstraße 191 und ist ebenfalls zufrieden. Es ist kurz vor acht Uhr abends. Der 58-Jährige erinnert nach dem Ende seines Arzttermins daran, dass die heimischen Vorgänger des Mediziners ja schon über 70 gewesen seien. „Das wurde dann Zeit“, sagt er und meint, Zeit aufzuhören. Ihm sei ohnehin egal, woher der Arzt stamme, solange er seine Arbeit gut mache, betont Borck.

Und Grotkopp mache seine Arbeit gut. Dann biegt der Mecklenburger lächelnd um die Ecke auf den Praxisparkplatz, seinem Auto entgegen. Drinnen herrscht derweil noch viel Betrieb. Die Sprechstunde hat um 17 Uhr begonnen. Vorher hat Grotkopp Hausbesuche gemacht und in einer anderen Praxis eine weitere Sprechstunde abgehalten. 24 Patienten waren in den letzten zweieinhalb Stunden da. Und noch immer sitzen welche im Wartezimmer.

Dirk Grotkopp taucht stets nur für Augenblicke auf, um einen Schützling zu verabschieden oder der Arzthelferin scherzhaft zuzurufen, dass dieser oder jener Patient wiederkommen solle, wenn die Tulpen oder die Krokusse blühten. Irgendwann im Frühjahr also. 27 Minuten nach dem regulären Ende der Sprechstunde ist der letzte Kranke gegangen.

Dirk Grotkopp ist 52 Jahre alt, trägt einen offenen weißen Kittel über dem roten Wollpullover und ein blaues Stethoskop um den Hals, dazu Dreitagebart und Nickelbrille. Er las lange die Frankfurter Rundschau, hat auch sonst eine erkennbar linke Gesinnung und ist ein fraglos engagierter Mediziner. In jedem Fall ist er hier in Eldena, einem 1200-Seelen-Dorf, ungefähr 20 Kilometer östlich der einst innerdeutschen Grenze, der neue Doktor aus dem Westen, der vor einem Jahr kam und an den sie sich nun gewöhnen müssen.

Wie Ausland komme es ihm nicht vor, sagt Grotkopp nach einer Weile. Irgendwie anders aber schon. Das Besondere an dem kräftigen Mann ist, dass er der DDR „kritische Sympathie“ entgegenbrachte, sie indes bloß einmal besucht hat und das auch eher zufällig mit Freunden. Grotkopp wuchs in Hamburg auf, studierte dort und hatte im Stadtzentrum zwölf Jahre lang seine erste Praxis. Er ist rumgekommen in der Welt, hat in den USA, England und Spanien gelebt und teilweise auch praktiziert, bis er aufs Land wollte. Gewiss ist: Der politisch interessierte Arzt hielt den real existierenden Sozialismus für ein keineswegs abwegiges Modell. „Es gab keine Existenzängste“, lobt er nicht zuletzt aus professioneller Perspektive. „Und es ist doch ein Riesenluxus, dass ich weiß, ich muss keine Existenzangst haben.“

Zudem ist Grotkopp der Meinung, dass es die DDR angesichts der Rahmenbedingungen weit gebracht habe, und nennt das Bildungssystem oder die medizinische Versorgung als Beispiele. Nur: Sein tatsächliches Leben richtete er strikt nach Westen aus. Bis er eines Tages darauf gestoßen wurde, dass auf dem platten Mecklenburger Land händeringend Ärzte gesucht wurden, weil es für die Ostlandärzte oft keine Nachfolger gibt.

Die Ärztekammer in Schwerin hat sich dann sehr um Grotkopp bemüht und ihm für den Wechsel wie anderen auch sogar 50 000 Euro gezahlt. Als „kleines Schmankerl“, sagt er. „Wenn man so um mich wirbt und mich noch belohnt – wa-rum denn eigentlich nicht?“ Der Vater von zwei Kindern machte 2010 rüber nach „Dunkeldeutschland“, wie Bekannte raunten, übernahm zunächst eine verwaiste Praxis in Spornitz unweit von Parchim, gab diese nach allerlei Ärger wieder auf, wurde Teil einer Praxisgemeinschaft in Zarrentin und eröffnete im zweiten Versuch eine zusätzliche Praxis, diesmal in eben jenem Eldena, eine Autostunde weiter. Einem Ort, in dem es bis auf eine Kirche und einen Penny-Markt nicht viel gibt außer endloser Arbeitstage. Zuweilen geht der letzte Patient nach 23 Uhr.

Zwar wohnt er weiterhin bei Dannenberg im Westen. Grotkopp hat dort einen kleinen Bauernhof, den aufzugeben er bei einer Entfernung von nur 30 Kilometern keinen Anlass sieht. Dennoch ist der Doktor froh über den beruflichen Wechsel. Und das, obwohl es Hindernisse zu überwinden und offene Ablehnung auszuhalten gab. Denen, die ihm mit „Dunkeldeutschland“ kommen, sagt er: „Ihr wisst nicht, wovon ihr sprecht.“

Dirk Grotkopp hat sein altes Urteil bestätigt gefunden. Denn so wie ihm das DDR-System abgesehen von den repressiven Elementen humaner erschien, so kommen ihm jetzt auch die Ostdeutschen humaner vor. „Ganz prinzipiell finde ich sie natürlicher, unverdorbener und damit letztlich auch menschlicher“, sagt er. Die Mecklenburger seien im Zweifelsfall „sehr hilfsbereit“ und noch dazu vollkommen unprätentiös. Sie pumpten sich nicht auf mit ihrem Status. Das schätze er.

Trotzdem sind seine Erfahrungen nicht nur positiv. Denn Grotkopp musste registrieren, dass alsbald nach seinem ersten Wechsel nach Spornitz Gerüchte und Verleumdungen aufkamen. Es hieß, er suche seine Patienten nicht zu Hause auf und verschreibe ihnen nicht die von ihnen gewünschten Arzneien. „Ach, der Wessi-Doktor, der wird sich nicht lange halten“, zischten alteingesessene Ostärzte und mit ihnen befreundete Patienten angeblich hinterrücks. Gesagt hat es ihm keiner. An möglichen Angriffsflächen fehlt es bis heute nicht. Denn Grotkopp behandelt seine Kranken wie Menschen, die ihr Schicksal durchaus auch selbst in der Hand haben. Im Eingang der Praxis hängt ein Spiegel, auf dem steht: „Lieber Patient, hier sehen Sie den wichtigsten Partner Ihres Arztes.“ Und weiter unten: „Auf Ihre Mitarbeit kommt es an.“ Grotkopp rät den Leuten, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern, das Rauchen einzustellen, das Trinken zu reduzieren und den Genuss von Süßigkeiten ebenfalls.

Zehn Minuten lässt ihm die Krankenkasse für Gespräche über lebensverändernde Maßnahmen. Er nimmt sich auch mehr. Um nicht komplett auf das eigene Urteil zurückgeworfen zu sein, nahm er seine Frau eines Tages zu einem traditionellen Entenessen der regionalen Ärzteschaft mit, die in halber Hundertschaft erschienen war. Auch sie sagte anschließend: „Wir sind kontinuierlich beobachtet worden, von allen. Wie Aussätzige.“ Grotkopps Frau kam zu dem Schluss: „Die haben einfach Angst. Da kommt eine unberechenbare Größe hin, ein Wessi, den sie nicht so einschätzen können und der eine gewisse Ausstrahlung hat und nicht verschüchtert in der Ecke sitzt.“ Grotkopp selbst sagt: „Es gibt so einen Ost-West-Konflikt unter den Kollegen, leider ja.“ Die erste Praxis in Spornitz hat er deshalb wieder geräumt.

In der neuen Praxis in Eldena sei das Verhältnis zu den Kollegen in der Umgebung nicht konfliktfrei, aber weniger verhärtet, sagt Dirk Grotkopp. Vor allem aber sei die Beziehung zu den Patienten prima. Sie arbeiteten aktiv an ihrer Genesung mit. Zu Beginn seien die Mecklenburger skeptisch, das schon, dann jedoch überwiegend sehr treu. Aus manchen Patienten werden sogar irgendwann Fans, die dem Mann Schnaps, Wein, Schokolade oder Obst mitbringen. So wie Wera Festner den Apfel.

Diese und weitere Geschichten aus der Wendezeit lesen Sie hier:

Buchtipp

Zweite Heimat: Westdeutsche im Osten
Markus Decker, 240 Seiten; Ch. Links Verlag; 1. Auflage 2014
ISBN: 978-3861537984

Buchlesung am 3. September in Schwerin, 18 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus und am 2. September in Rostock, 20 Uhr   in der „Anderen Buchhandlung“  am Doberaner Platz.

 

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28 Jahre lang war sie das Sinnbild der deutsch-deutschen Teilung: die Berliner Mauer. Bis zu ihrem Fall 1989. Gehörten Sie zu den Familien, die durch den Mauerbau getrennt wurden?  Waren Sie 1989 dabei, als die Mauer fiel? Gibt es Dinge, die Sie aus DDR-Zeiten vermissen, die erhaltenswert gewesen wären? Was fingen Sie mit der neuen Freiheit an? Erzählen Sie uns Ihre  persönliche Mauer-Geschichte. Schreiben Sie an  Gutenbergstr.1, 19061 Schwerin oder per  E-Mail an leserbrief@medienhausnord.de

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