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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 10:51 Uhr

Witzin : Der Wessi, der im Osten regiert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hans Hüller, der neu gewählte Bürgermeister von Witzin, im Portrait zum morgigen Tag der Deutschen Einheit.

svz.de von
erstellt am 02.Okt.2014 | 07:32 Uhr

Eigentlich wollte Hans Hüller nie in die Politik. „Bis vor zwei Jahren hatte ich noch gar keine Bezugspunkte dazu“, gibt er zu. Und doch wurde er im Mai zum Bürgermeister von Witzin gewählt. Fast schon eine Sensation, wenn man bedenkt, dass Hüller durch und durch Wessi ist und nun ein Gebiet im Osten vertreten soll.

Geboren wurde der 48-jährige in Lahr im Schwarzwald. Dort lebte er aber nur bis zu seinem zweiten Lebensjahr. Nach dem Unfalltod seines Vaters zog es ihn und seine Mutter nach Hechthausen in Niedersachsen. Doch wie kam er nun dazu, nach Mecklenburg zu ziehen und dort zu bleiben?

Seine erste wirkliche Berührung mit der DDR hatte Hüller, kurz nachdem die Mauer fiel. Zu dieser Zeit war er bei der Bundeswehr. Schnell sprach sich herum, dass die Grenzen offen seien und ihn packte die Neugier. Doch schnell wurde ihm klar, wie wenig er eigentlich über die DDR wusste. Eine Anekdote, an die er sich gern erinnert, trug sich an eben diesem Tag zu. Mit großem Hunger besuchte er eine typische Mitropa hinter der Grenze. Das Wort „Broiler“ hatte er schon mal gehört und dachte sich „ist eben so’n halber Gockel“. Also bestellte er sich gleich zwei Broiler, um satt zu werden. Die großen Augen der Kassiererin konnte er nicht verstehen, bis er die zwei kompletten Hähnchen vor sich auf dem Teller hatte. Beim Bezahlen seiner Mahlzeit (inkl. Getränke) tappte er dann gleich ins nächste Fettnäpfchen. „Als die Kassiererin mir dann den Preis von etwa 3,60 Mark nannte fragte ich sie ,Ja für das Bier, oder?‘ und sie antwortete ,Nein für alles zusammen.‘ Da dachte ich mir nur, wie kann man sich so nackig machen?“ Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit den Ossis lernte er 1996 seine (ostdeutsche) Frau Andrea in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg kennen. Beide arbeiteten zu der Zeit für Deichmann Schuhe. Sie betreute einen Verkaufsladen, er war Bezirksleiter. Schon knapp ein Jahr später waren die beiden verheiratet. Paare waren innerhalb der selben Firma allerdings nicht so gern gesehen. So hat er seine Stelle aufgegeben und sich später als Programmierer selbstständig gemacht. 2001 sind dann beide nach Witzin gezogen, dem Heimatort von Andrea. „Ich war überwältigt von der Natur hier.“

Zum morgigen Tag der Deutschen Einheit hat sich Hans Hüller noch mal erinnert. Sein liebstes West-Produkt war damals mit Abstand sein Motorrad. Eine XL600 Enduro von Honda. Damit konnte er, wie er sagt, in seiner Jugend seine Freiheit ausleben. Auch ein liebstes Ost-Produkt kann er nennen: seine Frau.

Was die gängigen Vorurteile zwischen Ost und West angeht, sieht er sich eher als neutral. Und im Osten war auch nicht alles schlechter, wie er zu bedenken gibt. „Wer im Osten gelebt hat, ist kreativer“, denn da nicht immer alles zur Verfügung stand, musste man eigene Ideen entwickeln, um sein Ziel zu erreichen. Diese Kreativität bewundert er noch heute, auch in seiner Witziner Gemeinde. Wenn er sich heute noch mal zwischen Ost oder West entscheiden dürfte, würde er wieder den Osten wählen. „Hier gehe ich nicht mehr weg!“ lacht er.

Natürlich ist Hans Hüller als neuer Bürgermeister und vielleicht auch gerade weil er aus dem Westen kommt nicht ganz unumstritten. Doch der 48-jährige sieht es gelassen. Er ist sich darüber im Klaren, dass er keine Geschichte im Osten hat, man ihn also noch nicht kennt. So werde er sich das Vertrauen der Bürger nach und nach erarbeiten müssen. Alle könne er sowieso nie überzeugen und das sei auch gut so. Es müsse immer eine Opposition geben.

Und obwohl er sich nach wie vor als Wessi bezeichnet, hat er sich als Dienstfahrzeug eine MZ gekauft, auf der er „durchs Dorf knattert.“ Vielleicht kann er so die letzten Zweifler überzeugen.

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