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Aus der Region in die Welt : Der Weltrekordler aus Goldberg

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Er ist eine deutsch-deutsche Sportlegende. Gerd Wessing wurde in Lübz geboren und wuchs in Goldberg auf. 1980 übersprang er bei den Olympischen Spielen in Moskau die 2,36-Meter-Marke. Als erster Mensch überhaupt.

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erstellt am 17.Apr.2012 | 01:55 Uhr

Lübz/Goldberg/Schwerin | Er ist eine deutsch-deutsche Sportlegende. Gerd Wessing wurde in Lübz geboren und wuchs in Goldberg auf. 1980 übersprang er bei den Olympischen Spielen in Moskau die 2,36-Meter-Marke. Als erster Mensch überhaupt - Weltrekord. Mit seinem Rekord sprang er in die Ruhmeshalle der deutschen Leichtathletik und ist bis heute unvergessen. Im Gespräch mit SVZ-Redakteur Benjamin Piel spricht Gerd Wessing über Erinnerungen an seine Heimat und den Tag, als sein Weltrekord fiel.

Sie mögen die Formulierung wahrscheinlich nicht, aber Sie sind in der Leichtathletik das, was man eine lebende Legende nennt. Können Sie sich erklären, warum?

Gerd Wessig: Ich bin mir durchaus bewusst, dass mein Olympiasieg für Aufsehen gesorgt hat. Für eine lebende Legende hätte ich diesen Erfolg aber noch zwei oder drei Mal wiederholen müssen. Ich treffe immer noch Menschen, die sich sehr genau an den Tag und das Ereignis erinnern. Ich denke, dass das daran liegt, dass die Leichtathletik in der DDR die Sportart Nummer eins war. Ich glaube, dass die Leichtathleten populärer waren als die Fußballer. Wir Leichtathleten konnten auch international auftrumpfen und waren dabei immer zum Anfassen und keine abgehobenen Stars. Was auch zur Popularität beigetragen hat: Vor dem Turnier kannten mich nur Experten. Kaum jemand hatte mich für einen Sieg auf dem Zettel.

Und dann ist da ja auch noch die Art und Weise, wie Sie den Weltrekord gesprungen sind...

Ja, das ist eine Art Rekord, den ich bis heute halten konnte. Mein Olympiasieg stand ja schon fest. Ich habe danach Weltrekord auflegen lassen. Als allerletzter Athlet in der Liveübertragung im Fernsehen bin ich diesen dann noch gesprungen und habe nochmals drei Mal 2,38 Meter versucht. Leider vergeblich. Das hat bis zum heutigen Tag auf diese Weise so niemand mehr im Hochsprung fertig gebracht. Wahrscheinlich sind es auch diese besonderen Umstände, an die sich viele Fernsehzuschauer erinnern.

Sie wurden in Lübz geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an ihre "alte Heimat"?

Das sind sehr gute Erinnerungen. Momente, die bis heute geblieben sind. In Goldberg bin ich aufgewachsen. Besonders prägend waren die Schwimmlager am Goldberger See. Hier habe ich schwimmen gelernt. Auch an das Pilzesuchen in der Schwinzer Heide erinnere ich mich sehr gerne.

Gibt es so etwas wie Ihre schönste Erinnerung an Goldberg?

In der Tat. Das ist ganz ohne Frage meine Hochzeit. Vor 25 Jahren haben meine Frau und ich in Goldberg geheiratet.

Na dann herzlichen Glückwunsch zur Silberhochzeit.

Das ist nett. Danke.

Welche Verbindungen zur Heimat gibt es heute noch? Besuchen Sie Goldberg noch hin und wieder?

Oh ja, recht oft sogar. Mein Vater lebt noch heute dort und deshalb bin ich natürlich regelmäßig zu Besuch. Überhaupt: Ich bin und bleibe ein waschechter Mecklenburger.

Welche Schulen haben Sie besucht?

Zwischen 1966 und 1972 besuchte ich die Polytechnische Oberschule in Goldberg, war anschließend ein Jahr auf der Sportschule in Güstrow und drei Jahre auf der Sportschule in Schwerin.

Was kam nach der Schule?

Im Schweriner Weinhaus Uhle absolvierte ich zwischen 1976 und 1979 eine Lehre zum Koch, studierte dann zwei Jahre lang per Fernstudium Gastronomie in Leipzig. Das Studium habe ich wegen der Wende allerdings nicht abgeschlossen.

Warum haben Sie die Goldberger Region eigentlich verlassen?

Das hatte immer rein sportliche Gründe. Erst ging ich wie gesagt auf die beiden Sportschulen, war dann bis ins 1989 hinein als Sportler für den Schweriner SC Traktor, den heutigen Schweriner SC, aktiv. So kam es, dass ich in Schwerin hängen blieb. Seit 1993 wohne ich mit meiner Familie in Rugensee. Das liegt etwas nördlich von Schwerin nicht weit entfernt vom Schweriner See.

Warum sind Sie überhaupt Sportler geworden? Ihre Ausbildung ging ja eher in Richtung Gastronomie.

Meine Eltern waren beide Sportlehrer insofern waren mir sportliche Gene in die Wiege gelegt. Im Trainingszentrum begann ich dann mit dem Turnen, war in Kreisspartakiaden und Bezirksmeisterschaften aktiv.

Hört sich nicht gerade nach Hochsprung an...

Stimmt, aber bald zeigte sich, dass ich körperlich eher schmächtig war, zu schmal für’s Turnen. Mut hatte ich zwar reichlich - aber das reichte nicht und die Beine wuchsen zu schnell. So kam es in Goldberg zum Wechsel in die Leichtathletik. Mein Ziel war es schon früh, an eine Sportschule zu wechseln.

Warum denn eigentlich ausgerechnet der Hochsprung?

Weil das am meisten Spaß machte. Außerdem waren meine körperlichen Voraussetzungen im Kindes- und Jugendalter einfach ideal für diese Sportart. Später habe ich dann auch zwei Jahre lang Zehnkampf gemacht und über 8000 Punkte erreicht. Das war aber auf die Dauer zu anstrengend. Der Spaßfaktor beim Hochsprung hat mich nie mehr losgelassen.

Aber an Rekorde oder gar Weltrekorde dachten Sie in der Jugend noch nicht, oder?

Naja, geträumt habe ich davon natürlich schon. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich 1972 die Olympischen Spiele in München heimlich am Fernseher mit Antenne auf dem Balkon geschaut habe. Diese Bilder haben mich gepackt. Da wurde aus dem Wunsch ein fester Wille.

Mit anderen Worten: Die DDR verdankte ihren Hochsprung-Weltrekordler dem Westfernsehen.

Ja, so lustig das klingt: Indirekt kann man das so sehen.

Aber allein durch’s Zusehen ist noch niemand Weltrekordhalter geworden.

Richtig. Ich war damals schon im erweiterten Sichtwinkel der Schweriner Trainer. Sportliche Erfolge auf Kreis- und Bezirksebene konnte ich bereits vorweisen.

Was war das für ein Gefühl, als Sie über diese 2,36 Meter gesprungen sind, die vorher noch niemand übersprungen hatten?

Es war Erschöpfung und Freude zugleich. Beim Sprung spürt man in der Kürze nicht viel, es geht einfach zu schnell. Ich bin mit dem Bewusstsein angelaufen, dass da ein Weltrekord aufliegt. Der unbedingte Wille, es zu schaffen, das Wissen um diese Chance, so etwas ist ein vielleicht einzigartiger Mix, bei dem ungeahnte Kräfte frei werden.

Jeder Rekord wird einmal gebrochen. In Ihrem Fall dauerte das ziemlich genau drei Jahre. Dann übersprang der Chinese Zhu Jianhua die 2,37-Meter-Marke. Erinnern sie sich noch daran?

Ich hatte einen neuen Weltrekord eigentlich schon eher erwartet, fand drei Jahre eine echt lange Zeit. An den Moment, in dem ich von dem neuen Rekord hörte, erinnere ich mich noch ganz genau: Ich saß gerade im Auto auf dem Weg zum Training. Ich habe kurz die Luft angehalten und einmal tief durchgeatmet. "Schade", habe ich gedacht - aber dann war es auch schon vorbei. Der Chinese war bekannt. Am meisten beeindruckte mich allerdings der erste Sprung über die 2,40 Meter von Robert Povarnizin im Jahr 1985. Ein kleiner Trost für mich: Beide konnte ich bei Wettkämpfen, bei welchen wir uns danach trafen, auch besiegen. So ist das Leben eben - Rekorde sind da, um gebrochen zu werden.

Wie sieht Ihr Leben nach der aktiven Leichtathletik aus?

Ich mache noch viel Sport, um fit zu bleiben. Ansonsten arbeite ich als selbstständiger Handelsvertreter, vertreibe Geräte für Kinderspielplätze und Sportanlagen. Der Hauskredit will schließlich bedient werden. Meine Leidenschaft ist außerdem die Förderung junger Talente in der Leichtathletik. Ich leite die Abteilung Leichtathletik beim Schweriner SC und das ist in der heutigen Zeit, auf ehrenamtlicher Basis, kein leichtes Unterfangen.

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