Der Wächter vor dem Tor

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22. März 2013, 07:20 Uhr

Lübz | Immer wieder kommt Sally Perel zurück nach Deutschland, zurück in das Land, in dem er als Hitlerjunge Josef Perjell ums Überleben kämpfte, denn eigentlich ist er Jude. Noch heute setzt er sich mit Rassismus und ausländerfeindlichen Parolen auseinander. Er selbst sagt, er sei Botschafter für die Wahrheit. Im Interview mit Redakteurin Sabrina Panknin beantwortete er jetzt einige Fragen.

Herr Perel, das Kriegsende ist dieses Jahr 68 Jahre her. Warum ist es heute noch so wichtig, darüber zu sprechen, was Adolf Hitler gemacht hat?

Sally Perel: Es ist wichtig da-rüber zu sprechen, denn ich beobachte erneut die Symp-tome in Deutschland, die Aufmärsche, das Verprügeln von Ausländern, die NSU-Geschichte und wieder einmal ist die Justiz und die Polizei - wie man so schön sagt - auf dem rechten Auge blind. Es ist genau wie damals. Ich möchte mit meinen Erfahrungen die gesamte Jugend gegen den aufkeimenden Neo nazismus wappnen. Die Entfernung der Zeit ist nicht so groß, dass es so etwas nicht wieder geben kann. Ich fühle mich wie ein Wächter vor dem Tor: Warne und mahne, damit so etwas nicht wieder vorkommt.

Haben Sie jemals geglaubt, dass so etwas wieder passieren könnte?

Damals noch nicht. Ich dachte damals, wie viele andere, nach dem Krieg: Jetzt wird ein Weltfriede herrschen. Das war einer der schlimmsten Kriege aller Zeiten. Ich dachte, daraus wird die Menschheit lernen. Aber wie wir sehen, ist das nicht passiert. Trotz meines hohen Alters fühle ich mich verpflichtet, an der Aufklärung meiner jungen Mitmenschen teilzunehmen.

Derzeit wird wieder ein NPD-Verbotsverfahren angestrebt. Wie stehen Sie dazu, Herr Perel?

Dazu habe ich noch eine gespaltene Meinung. Wir hatten in Israel eine Partei, die extrem gegen Araber war. Bei denen hieß es: "Ein guter Araber ist ein toter Araber." Unter Druck der Bevölkerung wurde diese Partei verboten und wir dachten, damit hat es sich erledigt. Doch es kam anders. Irgendjemand, der verfolgt wird, scheint Sympathie zu wecken. Das ist so, ein Verfolgter weckt immer Sympathie. Das war so in Israel. Die Partei wurde verboten, doch es gab keine Aufklärung über diese Partei anschließend und das war der Fehler. Und ich glaube in Deutschland, wenn die NPD verboten wird, muss sofort die Aufklärungsarbeit beginnen. Ich bin zwar mittlerweile für ein Verbot, aber mit der intensiven Aufklärungsarbeit im Anschluss.

Während der Zeit als Hitlerjunge haben Sie jeden Tag Todesangst gehabt. Wovor haben Sie heute noch Angst?

Ich hab heute noch Angst vor Uniformen. Ich hab Angst, der wird mich jetzt verhaften. Meine Schule damals gehörte zum Volkswagenwerk. Am Eingang dort stand immer der Werksschutz in Uniform. Für mich waren das SS-Leute. Ich musste immer durch dieses Tor zur Schule gehen, immer mit Angst. Vor Wachpersonal habe ich deshalb bis heute Angst.

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