Der Vorhang ist noch unten

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28. November 2012, 07:58 Uhr

Schwerin | "Eine vorhersehbare Katastrophe" - so nennt Joachim Kümmritz, Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, das Theater-Modell Nummer 4, in dem jeweils eine "Landesoper" für Mecklenburg und Vorpommern zuständig sein soll. Zu kompliziert seien Logistik und Programmplanung. In Schwerin sind sich das Theater und sein Träger Stadt einig: "Für die Landeshauptstadt kommt weiterhin nur das Staatstheater-Modell unter Landesbeteiligung infrage. Es ist das kleinere Übel, denn Schwerin ist Leuchtturm", sagten Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) und Kümmritz unisono.

Schwerin will Staatstheater-Lösung

Noch hat sich der Vorhang vor der künftigen Theaterlandschaft nicht gehoben. Das Zwei-Landesopern-Modell ist das vierte der neun von der Beratungsfirma Metrum erarbeiteten Vorschläge für eine künftige Theaterstruktur in MV. Über Modell 4 und das Zwei-Staatstheater-Modell 7 soll Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) nun mit den theatertragenden Kommunen weiter verhandeln. Das hatte am Dienstagabend der Koalitionsausschuss von SPD und CDU entschieden (wir berichteten). Komme es zu einer Einigung, sei die Landesregierung bereit, über eine Dynamisierung der Theaterförderung ab dem Jahr 2020 zu reden, sich an den Umstrukturierungs- und Investitionskosten zu beteiligen und in den Landesopern oder Staatstheatern die Trägerschaft zu übernehmen, erläuterte Brodkorb. Und machte klar: Wenn sich Rostock nicht auf Strukturveränderungen einlasse, sei die Landesregierung kaum bereit, den in der Hansestadt nötigen Theaterneubau finanziell zu unterstützen.

Noch im Dezember will der Kultusminister in die Verhandlungen einsteigen. Dabei sei nicht ausgeschlossen, dass aus den Modellen 4 und 7 auch eine Mischvariante entstehen könnte, sagte Brodkorb gestern auf Nachfrage: "Wir wollen und können nur im Einvernehmen mit den kommunalen Trägern etwas Grundlegendes verändern. Deshalb sind wir für Varianten offen, sofern sie die in den Beschlüssen des Koalitionsauschusses geforderten Bedingungen erfüllen".

Die Opposition kritisierte die Regierungskoalition. "Mit ihrer fatalen Entscheidung schwächen SPD und CDU die Kultur im Land ein weiteres Mal empfindlich", sagte Torsten Koplin, kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion: "Dies steht auch im eklatanten Widerspruch zum dringend erforderlichen Engagement für Demokratie und Weltoffenheit." Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen monierte, dass die Regierungsfraktionen es gestern abgelehnt hätten, Minister Brodkorb im Bildungsausschuss berichten zu lassen. "Wir bedauern, dass die Koalitionäre ihrem Minister nicht erlauben, die Abgeordneten über diese wichtigen Entwicklungen zu informieren", sagte die kulturpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen, Ulrike Berger. Die Koalition setzte offenbar auf eine Kulturpolitik der Fragezeichen und "Vielleichts", so Berger. Es sei schon jetzt eine kontinuierliche Erhöhung der Theaterförderung nötig.

In Rostock fiel die Reaktion gemischt aus. OB Roland Methling - derzeit in Japan - begrüßte per Pressemitteilung zwar die Ankündigung weiterer Gespräche, machte aber auch eine provokante Rechnung auf: Das Land ziehe die 35,8 Millionen Euro pro Jahr für die Theater vorweg aus den kommunalen Mitteln des Finanzausgleichsgesetzes ab, so der Rostocker OB: "Damit bezahlen erst einmal und ausschließlich die Kommunen." Die eigenen Zuschüsse eingerechnet, brächten die Kommunen insgesamt fast 64 Millionen Euro auf. "Wenn das Kultusministerium nunmehr ein ,Matchingsystem will, nachdem alle Beteiligten Zuschüsse in gleicher Höhe zahlen, dann erwarte ich, dass sich das Land seinerseits in vergleichbarer Höhe beteiligt", so Methling. Heißt: Dann müsste das Land 64 Millionen Euro zuschießen - pro Jahr. Die von Kultusminister Brodkorb betonte Beteiligung des Volkstheaters Rostock an neuen Strukturen als Voraussetzung für Landesunterstützung beim Theaterneubau bezeichnete Methling als "Drohgebärde". Stefan Rosinski, Verwaltungschef des Volkstheaters, sagte, die ausgewählten Vorzugsvarianten seien nicht tragfähig.

Wenn Rostock auf einer Autonomie des Volkstheaters beharrt - würde das Land dann allein mit dem Schweriner Theater an einer Lösung arbeiten? Brodkorb wollte darüber gestern nicht spekulieren: "Ich begrüße, dass die Vorsitzenden der großen Fraktionen in Rostock um ein Gespräch gebeten haben, weil sie mit dem Handeln des Oberbürgermeisters unzufrieden sind. Ich werde dieses Gespräch gerne führen und setze voraus, dass Rostock bereit ist, mitzumachen."

Bühnen rechnen mit langer Diskussion

In Vorpommern sind die Theater längst fusioniert: Das "Theater Vorpommern" bespielt Greifswald, Stralsund und Putbus. Für Intendant Dirk Löschner ist die Festlegung auf die Varianten 4 und 7 keine Überraschung: "Es ist richtig, dass das Land die Diskussion nun eingegrenzt hat." Allerdings sei Variante 4 mit der ausgegliederten Landesoper sehr kompliziert. Löschner: "Ich würde Variante 7 für praktikabler halten." Die Entscheidung liege aber bei den Kommunen.

Die Landkreise Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Greifswald haben die neuen Vorschläge der Schweriner Landesregierung bereits auf die Tagesordnung ihrer Sitzungen genommen. Erst wenn sich die Kommunen positioniert hätten, könnten die Theatermacher tragfähige Lösungen entwickeln, sagte Wilhelm Denné. Der Geschäftsführer der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustreliz (TOG) stellte klar: "Das eine Modell heißt 160 Stellen bei den Orchestern und Theatern im Land weniger, das andere Modell sogar 220 Stellen weniger." Er halte eine Zusammenlegung der Musiktheater für praktikabler. Aber: "Es wird wohl sechs Monate dauern, bis Ergebnisse vorliegen."

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