Von heute auf morgen war das Wasser weg : Der verschwundene See

<strong>Diese Idylle soll dem Teufel zu verdanken sein</strong>: der Schwarze See im Forstrevier Sülten. Die Eichen, die damals in die Tiefe gerissen wurden, ragen noch heute aus dem Wasser. <fotos>Sophie Pawelke </fotos>
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Diese Idylle soll dem Teufel zu verdanken sein: der Schwarze See im Forstrevier Sülten. Die Eichen, die damals in die Tiefe gerissen wurden, ragen noch heute aus dem Wasser. Sophie Pawelke

Die Geschichten, die sich um den Schwarzen See in Sagsdorf bei Sternberg drehen, sind mystisch, manche unerklärlich. Sie alle ranken sich um die Nacht im Juni 1978. Die Nacht, in der das Wasser einfach so verschwand.

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28. Juli 2012, 04:22 Uhr

Sternberg | Unheimlich, nicht von dieser Welt, das Werk des Teufels. Die Geschichten, die sich rund um den Schwarzen See in Sagsdorf bei Sternberg drehen, sind mystisch, manche unerklärlich. Sie alle ranken sich um die Nacht vom 15. zum 16. Juni 1978, in der aus dem 37 000 Quadratmeter großen Schwarzen See der verschwundene See wurde. Die Nacht, in der das Wasser einfach so verschwand. Aus allen Himmelsrichtungen kamen damals Schaulustige, selbst Amerikaner seien nach Sagsdorf gekommen, dem kleinen Ort, in dem heute nicht mehr als 30 Menschen leben. „Noch heute fragen einige nach dem See“, sagt Gustav-Adolf Brosemann, ehemaliger Revierförster aus Brüel. Doch was war geschehen?

Am frühen Morgen des 16. Juni 1978 bemerkten die Anwohner der Region Sülten und Sagsdorf, dass das Wasser des Waldsees im Kreis Sternberg über Nacht fast völlig verschwunden war. Eine dunkle Suppe aus schwarzem Morast und Schlamm war anstelle des Wassers zu sehen. Ein großer Bereich des Ufers war verschwunden - 8000 Kubikmeter Waldboden einfach eingebrochen. Mit samt eines Waldweges. Manche Bewohner wollen sogar ein dumpfes Grollen gehört haben. Sofort beschäftigten sich Geologen mit dem ungewöhnlichen Naturereignis.

Tags zuvor hatten Arbeiter des damaligen VEB Hoch- und Tiefbau Sternberg am Schwarzen See einen Damm aufgeschüttet, um einen künstlichen Steg aus Kies zu legen. Dieser sollte später von den Löschfahrzeugen genutzt werden. "Früher hat es in der Gegend viel gebrannt. Das lag an den mit Kohle betriebenen Lokomotiven", sagt Brosemann. Noch immer sind in regelmäßigen Abständen Züge zu hören. Der See liegt an der Strecke zwischen Bützow und Bad Kleinen.

Als die Arbeiter am Morgen des 16. Junis die Arbeit wieder aufnehmen wollten, waren 100 Meter Straße, große Teile der mit Bäumen bewachsenen Böschung und auch ein Bagger sowie sämtliche Arbeitsgeräte wie vom Erdboden verschluckt. "De Schwadde See is verschwunden", erklärte ein Forstarbeiter dem Revierförster Horst Kröger. Dieser hätte sich sofort auf den Weg zum Ort des Geschehens gemacht. Die alten Landfrauen sahen in dem Verschwinden des Wassers das Werk des Teufels. "Wenn wir ihn nicht haben können, sollt ihr ihn auch nicht haben", hieß es. Denn damals beanspruchte die Forstwirtschaft den See für sich, was für Ärger unter den Anwohnern sorgte.

Das Moorauge hat sich vergrößert

"Nun, das alles ist ganz einfach mit der Norddeutschen Eiszeit zu erklären", sagt Brosemann, der damals immer die Urlaubsvertretung für seinen Kollegen Kröger übernahm. Er zeigt auf den Boden unter sich. Durch Ablagerungen sei eine Sandschicht über dem Moor entstanden. "Irgendwann ist die einfach abgebrochen", sagt er. Dass Moorauge habe sich vergrößert, Schlamm wurde hochgedrückt, das Wasser nach untern. Durch die zusätzliche Belastung des ohnehin schon weichen und morastigen Untergrunds sei es zu einem Grundbruch gekommen. "Irgendwann legte sich der Schlamm und alles war wieder so wie früher", erzählt der 77-Jährige. Nur noch selten kommt er an den Ort, der das Revier 1978 über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat.

Wer nicht genau weiß, wo sich der Schwarze See befindet, hat es schwer. In der kleinen Ortschaft Sagsdorf führt ein kleiner Weg in den Wald hinein. Er ist für Autos gesperrt und nur für Fußgänger und Radfahrer zugänglich. Wer bis hier gekommen ist, hat noch ein ganzes Ende vor sich, bis er an den Punkt gelangt, an dem vor 34 Jahren 8000 Kubikmeter Erde in die Tiefe gerutscht sind und einen ganzen See mit sich gezogen haben. Ein kleiner Holzzaun markiert die Abbruchstelle. Hoch ragen die Eichen hinaus, die damals am Ufer standen und durch den Abrutsch in die Tiefe gerissen wurden. Von dem Bagger, der mit den Bäumen unterging, ist nichts zu sehen. Gefunden wurde er nie,. Eine Schautafel vor der Abbruchstelle erinnert an das Naturspektakel, zeigt ein Luftbild und weitere historische Aufnahmen. Zwei Bänke vor der Absperrung laden die Besucher zum Verweilen ein.

Dass der See verschwunden gewesen sein soll, bezeichnet Brosemann als Unsinn. Es sei einfach ein Erdrutsch gewesen. Doch der Mythos des verschwundenen Sees geht noch heute um. Immer wieder suchen Menschen den Waldweg. "Das war ein Betrieb hier. Von überallher kamen sie. Da hätten wir Bockwürste verkaufen sollen", sagt Peter Voss. Er lebt heute in Sagsdorf, genau dort, wo der Wald, in dem der Schwarze See liegt, beginnt. "Damals hab ich noch in Blankenberg gewohnt. Aber den Trubel hat jeder mitbekommen."

Auch Andy Schwarck kennt die Geschichte. Mit seinen Freunden kommt er zum See um zu angeln. Hechte, Barsche, Brassen und Rotfedern leben hier. Auch Schleie, aber die werden immer weniger. "Der See ist ziemlich flach. Maximal zwei Meter", sagt er. Der Sauerstoffgehalt sei nicht so gut. "Dort hinten, wo der alte, ursprüngliche See beginnt, da kannst du nicht stehen. Sofort wirst du vom Schlamm hinunter gezogen", sagt der Angler, der im Jahr 1978 zur Welt gekommen ist.

Auf dem Neuen See, wie viele den Bereich, der nach dem Abrutschen entstanden ist, nennen, sei der Boden viel fester. Sandig eben. Ob so ein Abbruch noch einmal passieren kann, weiß Brosemann nicht. "Aber ausschließen kann das keiner."

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