Aus dem Gerichtssaal : Der verhängnisvolle Böller

Das Schweriner Landgericht
Das Schweriner Landgericht

Wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung saß gestern ein 27-Jähriger aus der Nähe Wismars auf der Anklagebank des Schweriner Amtsgerichts

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02. August 2016, 21:00 Uhr

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor zwei Jahren Weltmeister wurde, feierte eine Schwerinerin – wie 5000 andere Zuschauer auch – ausgelassen beim Public Viewing auf der Freilichtbühne. Ihre gute Laune war kurz nach dem Abpfiff wie weggeblasen, als ein Feuerwerkskörper neben ihrem Gesicht explodierte.

Wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung saß gestern ein 27-Jähriger aus der Nähe Wismars auf der Anklagebank des Schweriner Amtsgerichts. Laut Anklage hat er den Böller geworfen. Ihm die Tat nachzuweisen, scheiterte allerdings vorerst am wichtigsten Zeugen. Er erschien nicht vor Gericht.

Eigentlich ist die 33-Jährige kein Fußballfan. Sie habe sich von der Euphorie anstecken lassen und sei mit einer Freundin am Finaltag zur Freilichtbühne gezogen. Was nach dem 1:0-Sieg der deutschen Mannschaft in der regennassen Nacht passierte, wird ihr lange in schlechter Erinnerung bleiben. Plötzlich verspürte sie einen dumpfen Schlag, ihr Auge schwoll zu, der Schmerz wurde immer heftiger. „Ich habe Panik bekommen und bin zusammengebrochen.“ Im Krankenhaus holten die Ärzte kleine Körner aus ihrem Auge, wie sie in Böllern vorkommen. Noch heute fühlt die Frau häufig Druck auf dem Auge. Manchmal verschleiert sich ihr Blick.

Der Angeklagte, ein Reinigungsfachmann mit sehr kurzem Haar und einem kleinen Bart unter der Unterlippe, folgte freundlich interessiert dem Bericht der Angestellten. Zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft schwieg er – was sein gutes Recht ist. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf dem Gelände will ihn gesehen haben, als er den verhängnisvollen Böller warf. Das hat er vor zwei Jahren bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Der Security-Mann hatte sich den Böller-Werfer geschnappt und zu den Beamten gebracht. Um den Angeklagten zu belasten, hätte er vor Gericht wiederholen müssen, was er damals wahrnahm. Die Juristen warteten gestern vergeblich. Weil er unentschuldigt dem Gericht fernblieb, verhängte der Amtsrichter eine Geldbuße von 150 Euro gegen den Zeugen. Wahrscheinlich muss er auch die Kosten bezahlen, die der zusätzliche Verhandlungstag Ende August verursacht.

Wenig Interesse an dem Prozess zeigte auch ein Fußballfan, der an jenem Abend von einem zweiten Böller an der Wade verletzt wurde. Als der Zeuge nicht pünktlich erschien, schickte das Gericht die Polizei los, um ihn vorführen zu lassen. Einsilbig beantwortete er die Fragen des Richters. Wer den Böller warf, konnte er nicht sagen.

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