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Korvette „Erfurt“ : Der vergessene Einsatz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weitgehend unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit sorgen deutsche Marinesoldaten für Stabilität im Nahen Osten

von
erstellt am 03.Feb.2015 | 21:02 Uhr

Nein, hier im östlichen Mittelmeer fliegen niemandem Kugeln um die Ohren, explodieren keine Autobomben, droht kein Raketeneinschlag. Und doch sind die Seeleute der Korvette „Erfurt“ in einem robusten Militäreinsatz. „Gewisse Vorfälle in den letzten Tagen an Land haben gezeigt, dass es hier auch schnell ein scharfer Einsatz werden kann“, sagt Jürgen T. Der Oberbootsmann ist ganz frisch an Bord. Wie das ganze Kontingent, dass im Januar in Rostock-Warnemünde verabschiedet worden war und zum 1. Februar im zyprischen Limassol mit sprichwörtlicher deutscher Verlässlichkeit seine Mission antrat.

Zum ersten Mal fährt Jürgen T. unter UN-Flagge. Aus dem, was er an seinem Arbeitsplatz im „Operations Center“ auf seinen Bildschirmen aus Radar-Daten und weiteren Informationen analysiert, machen sich Kommandeure ein Lagebild von der Situation vor der libanesischen Küste. Der Libanon liegt in einer brandheißen Region: Eingerahmt von einem schmalen, aber hochsensiblen Grenzstreifen zu Israel sowie einer langen Grenzlinie zu Syrien, ist der kleine, multi-ethnische Staat permanent auf des Messers Schneide.

Seit 1978 von Uno-Truppen im Beobachterstatus begleitet, war dennoch 2006 ein kurzer, heftiger Krieg zwischen Israel und den Hisbollah-Milizen im Libanon ausgebrochen, der ohne militärischen Sieger beendet wurde. Seither überwacht die Unifil-Truppe den fragilen Waffenstillstand, soll zugleich jeglichen Waffenschmuggel in den Libanon unterbinden und für eine sichere Seefahrt in den Gewässern sorgen.

Von Beginn an ist die Bundesmarine dabei – und alle beteiligten Seiten dringen geradezu flehentlich darauf, dass Deutschland diesen Einsatz fortführt, weil die deutsche Marine hier als Stabilitäts-Anker verstanden wird und neben der militärischen auch eine diplomatische Rolle wahrnimmt.

„Ich finde es einfach bewundernswert, mit welcher Toleranz das kleine Libanon diese Flüchtlingswelle bewältigt“, gesteht der Oberbootsmann. Unter den Besatzungsmitgliedern der „Erfurt“ scheint man sich der besonderen Situation bewusst zu sein. Dank guter Vorbereitung sowie der Erfahrungen früherer Kontingente. Wie selbstverständlich zitiert Jürgen T. eine alte Seemannsweisheit: „Seefahrt macht tolerant.“ So mache auch niemand ein Aufhebens darum, dass auch in der Besatzung der „Erfurt“ ein Moslem sei.

Dem Einsatzauftrag der Korvette kann man selbst in den Toiletten nicht entgehen: Auf Augenhöhe hängt gegenüber jedem Lokus ein Ausdruck der wichtigsten Informationen. Der Längerdienende Jürgen T. findet das keineswegs albern. „Für viele junge Soldaten ist das schließlich der erste Auslandseinsatz und eine ganz einschneidende Lebenserfahrung - woher sollten sie denn das Wissen über die vielschichtigen Konflikte in der Region nehmen.“

Für ihn selbst ist der Nahe Osten dank eines Libanesen im Bekanntenkreis kein Novum. Freundeskreis und Familie interessieren sich fürs Weltgeschehen, sagt der junge Soldat. Aber auch ihm hängen die deutschen Pegida-Debatten in den Kleidern. „Mir ist klar, dass viele Menschen zu Hause keinerlei Bezug zu den Entwicklungen in der Region hier haben.“ Umso wichtiger findet er, dass in der Heimat davon berichtet wird. Dass zum ersten Mal nach neun Jahren Unifil-Mission norddeutsche Landespolitiker „ihre“ Soldaten im Einsatz besuchen, war ihm gar nicht so bewusst. Dass der Innenminister seines Landes und zumindest zwei Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis, in dem die Korvette ihren Heimathafen hat, sich eigene Augenzeugenschaft verschaffen, findet der Soldat gut. „Vielleicht hilft uns das bei der einen oder anderen künftigen Entscheidung.“ Für sich selbst stellt er nach den ersten Tagen im Einsatz fest: „Was man vorher nur aus den Nachrichten kannte, ist einem plötzlich ganz nahe.“ Eine Nacht habe er deshalb schon darüber schlafen müssen, ehe er sich für den Einsatz entschied. Mit der Freundin in Rostock sprechen, auch die Familie im vorpommerschen Löcknitz beruhigen. Aber sie stehen alle hinter ihm. „Auch wenn da schon einige Tränchen kullerten.“

Länger als 120 Tage soll kein Soldat hier im Einsatz sein. Die Marine erprobt mit dem neuen Kontingent auch ein neues Einsatzkonzept: Die Schiffe bleiben längere Zeit im Mittelmeer, stattdessen werden die Besatzungen in kürzeren Abständen ein- und ausgeflogen. So will die Marine attraktiver werden. Für Oberbootsmann Jürgen T. ist das nächste Etappenziel das Bergfest. Dann wird er, statt auf Urlaub nach Hause zu fliegen, einige Tage Landgang in Limassol haben. „Dann kommt meine Freundin runtergeflogen“, freut er sich jetzt schon.

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