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Streit um Ernst Moritz Arndt als Namensgeber : Der vergessene Arndt - eine Spurensuche

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Arndt-Hysterie in Greifswald, Arndt-Amnesie in Deutschland? Der Nationalheld des 19. Jahrhunderts scheint in Vergessenheit zu geraten. Heute ist er Forschungsfeld für wenige Spezialisten. Erregungspotenzial bietet er in Pommern, doch auch dort tut man sich mit dem Erbe schwer.

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erstellt am 12.Mär.2017 | 20:45 Uhr

Von der Fassade bröckelt der Putz, das touristische Hinweisschild ist verwittert: Das Gutshaus in Groß Schoritz auf der Insel Rügen, in dem Ernst Moritz Arndt vor gut 247 Jahren als Sohn eines Gutsinspektors geboren ist, hat bessere Zeiten erlebt. Obwohl ein goldenes Türschild von täglichen Öffnungszeiten kündet, öffnen Arndt-Gedenkzimmer und Saal fast nur zu Events: Zuletzt referierte hier Geologe Hilmar Schnick über die Rügener Haselmaus.

In dem Haus mit seinem stattlichen Giebel hat die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft ihren Sitz. Enthusiasten aus Ost und West gründeten 1992 im Nachwende-Taumel den Verein als „romantischen Beginn eines ganz großen Projektes einer ersten gesamtdeutschen Gesellschaft, dem Ringen Arndts für ein einheitliches Deutschland angemessen“, heißt es in der Vereinschronik.

Das ehemaligen Gutshaus in Groß Schoritz istdas Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer
Das ehemaligen Gutshaus in Groß Schoritz istdas Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer

Wenn es jemand gäbe, der legitimiert wäre, sich über die Bedeutung des umstrittenen Historikers, Dichters, Theologen und Publizisten (1769-1860) zu äußern, wäre es die Arndt-Gesellschaft. Doch das Wachhalten der Erinnerung an Arndt sei nicht Ziel der Gesellschaft, sagt Vorsitzender Sven Wichert. „In der Frühzeit der Gesellschaft lag der Fokus auf Arndt, das Themenspektrum hat sich rasch erweitert und ist unseres Erachtens angemessen ausbalanciert.“ Romantisch ist es in Groß Schoritz noch heute. Das „ganz große Projekt“ ist im Alltag angekommen. Eine kontinuierliche finanzielle Förderung der Gesellschaft gibt es nicht, berichtet Wichert. Die Beantragung von Fördermitteln sei zu arbeitsaufwendig und nervenaufreibend. Sich in die aktuelle Arndt-Debatte an der Universität Greifswald einzumischen, gar der Stilisierung Arndts zu einem vorpommerschen Helden oder dem Aufbau einer identitären Leitfigur entgegenzuwirken, dafür - so Wichert - sei die Gesellschaft zu klein und zu schwach.

Arndt ist ein Shootingstar des 19. Jahrhunderts: In bescheidenen ländlichen Verhältnissen aufgewachsen, führte ihn sein Weg von Rügen über Stralsund, in die Universitäten von Greifswald und Bonn bis in die Frankfurter Nationalversammlung. In keiner anderen Persönlichkeit Pommerns verknüpfen sich die regionale und große deutsche Geschichte des 19. Jahrhundert so eng miteinander wie in Arndt.

Der Politikwissenschaftler und Historiker Niels Hegewisch konstatiert, dass sich die Arndts Wahrnehmung inzwischen regionalisiert habe. War Arndt im 19. Jahrhundert eine nationale Persönlichkeit, beschränkte sich die Arndt-Rezeption im 20.Jahrhundert zunehmend auf seine Wirkungsstätten in Pommern und das Rheinland. „Zugespitzt gesagt zählt Arndt heute zu dem Heer von Namenspatronen, nach denen deutschlandweit Plätze, Straßen oder Universitäten benannt sind, deren Leben oder Werk nur noch einer Schar Eingeweihter bekannt ist“, argumentiert Hegewisch in einem Aufsatz von 2015. Arndt möge in Greifswald noch Gefühlswallungen zwischen Euphorie und Hysterie hervorrufen, im Rest der Republik scheint eine Arndt-Amnesie eingetreten zu sein.

Eine Haar-Locke von Ernst Moritz Arndt ist im Ernst-Moritz-Arndt-Museum zu sehen. Foto: Stefan Sauer
Eine Haar-Locke von Ernst Moritz Arndt ist im Ernst-Moritz-Arndt-Museum zu sehen. Foto: Stefan Sauer
 

Nur wenige Kilometer von Arndts Geburtshaus entfernt leitet Katharina Venz-Weiße das 1937 gegründete Ernst-Moritz-Arndt-Museum in der Rügenschen Kleinstadt Garz. Die kleine biografische Ausstellung atmet den Geist des Authentischen. Original-Briefe von Arndt, ein Stammbuch seines Bruders, gar eine Locke des „Patrioten und Leuteverderbers“ Arndt finden sich im sorgsam gepflegten Museums-Bestand.

Eine historisch-kritische Einordnung von Arndts Gesamtschaffen kann das Museum nicht leisten: Venz-Weiße ist als Leiterin zugleich die einzige Mitarbeiterin des Museums. Etwa 63 000 Euro berappt die Stadt mit ihren 2200 Einwohnern jährlich für das Museum. Ein beachtlicher Betrag, wie Venz-Weiße findet. Denn die Stadt hat mit dem anhaltenden Einwohnerrückgang ganz andere Probleme: Seit 2004 verlor Garz etwa 450 seiner Bürger. In der Hauptverkehrsstraße stehen mehrere Häuser und ganze Ladenzeilen leer.

Die Leiterin des Ernst-Moritz-Arndt-Museums in Garz auf der Insel Rügen, Katharina Venz-Weiße, zeigt in der Ausstellung ein Aquarell-Porträt, um 1825. Gezeichnet vom neunjährigen Karl Moritz Rassow, Patenkind von Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer
Die Leiterin des Ernst-Moritz-Arndt-Museums in Garz auf der Insel Rügen, Katharina Venz-Weiße, zeigt in der Ausstellung ein Aquarell-Porträt, um 1825. Gezeichnet vom neunjährigen Karl Moritz Rassow, Patenkind von Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer

Ortswechsel nach Greifswald: Das Pommersche Landesmuseum hat den Anspruch, die Landesgeschichte abzubilden. Für Arndt hat das Museum eine Büste und biografische Tafel reserviert, daneben kann man Arndts Vaterlandslied nachlesen. Eine Personalausstellung zu Arndt hat es im 2001 eröffneten Museum bislang nicht gegeben. Das Museum sieht darin auch keine Versäumnis. Wie Sprecherin Jenni Klingenberg sagte, habe man Arndt in der Ausstellung über den Freiheitskämpfer Schill gestreift. Zudem habe es keinen historischen „Aufhänger“ gegeben, der als Vorlage für eine Personaleinzelausstellung zu Arndt Sinn gemacht hätte, sagte Klingenberg. Im Jahr 2010 jährte sich Arndts 150. Todestag.

Arndt wegen seiner zeitpolitisch brisanten Thesen zur deutschen Einheit, seines offen proklamierten Judenhasses und seiner antifranzösischen Haltung während der Napoleonkriege ein verehrter und ebenso verhasster Titan des 19. Jahrhunderts ist heute ein Forschungsobjekt für wenige Spezialisten. Die letzte größere Werksausgabe zu Arndt ist mehr als 100 Jahre alt. Eine kritische kommentierte Werksausgabe sei ein Desiderat, das gefüllt werden müsse, sagte Nils Jörn, stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission für Pommern. „Wenn man nicht versucht, seine Thesen auf Modernität zu prüfen, dann ist er raus aus der Geschichte“ Die Historische Kommission für Pommern ist in der Namensdebatte der Uni Greifswald zutiefst gespalten. Deshalb habe man auch keine Stellungnahme im Arndt-Streit abgegeben, sagt Historiker Jörn. In der Kommission sitzen leidenschaftliche Arndt-Gegner wie Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann und Arndt-Befürworter wie der frühere Rektor Jürgen Kohler.

Verschiedene Bildnisse des Shootingstar des 19. Jahrhunderts, Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer
Verschiedene Bildnisse des Shootingstar des 19. Jahrhunderts, Ernst Moritz Arndt. Foto: Stefan Sauer
 

Der Vorsitzende der Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertum und Kunst, Ludwig Biewer, sieht die Verantwortung für eine Werksausgabe bei der Historischen Kommission für Pommern. Die wiederum verweist auf die Uni und den Lehrstuhl für Neuere deutsche Geschichte. Lehrstuhlinhaber ist Arndt-Kritiker Stamm-Kuhlmann.

Zwischen 1994 und 2013 gab es dort eine Professur für Pommersche Geschichte. Diese wurde ein Opfer der vom Land an den Hochschulen geforderten Personalkürzungen. „Im Zuge des Landespersonalkonzeptes kam es zu umfangreichen Stellenkürzungen an der Philosophischen Fakultät. Für das Fach Geschichte wurde eine Beschränkung auf den engeren Kern des Faches beschlossen“, hieß es aus dem Dekanat der Philosophischen Fakultät. Die Professur war direkt vom Land finanziert worden. „Sollte es erneut eine externe Finanzierungsoption geben, würde die Fakultät eine Wiedereinrichtung der Professur begrüßen.“

Die umstrittensten Namensgeber

Kaiser Wilhelm II.

Nicht nur in Greifswald wird über den Namenspatron der Universität gestritten, sondern auch in Münster in Niedersachsen. Dort wurde die Universität 1902 nach dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. benannt und heißt bis heute Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Kaiser Wilhelm II. gilt in der heutigen Geschichtsschreibung als mitverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Vom letzten Kaiser stammen so bizarre Sätze wie: „Die Presse, die Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muß.“

Ernst Thälmann

Zurück nach Greifswald. Dort heißt bis heute eine Allee in Schönwalde nach dem deutschen Kommunisten Ernst Thälmann – der Ernst-Thälmann-Ring. Auch in Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim) gibt es nach wie vor einen Ernst-Thälmann-Platz. Der gebürtige Hamburger war von 1925 bis 1933 Chef der KPD und wurde im August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald von den Nazis ermordet. Er war ein Feind der Weimarer Demokratie und der Verfechter einer Diktatur des Proletariats nach stalinistischem Vorbild.

Friedrich Ludwig Jahn

In Greifswald  steht das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, in Berlin gibt es den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und in Leipzig ist die Jahnallee eine wichtige Verkehrsader. Die Person Friedrich Ludwig Jahn, er lebte von 1778 bis ist 1852, ist heute umstritten. Er gilt als Turnvater, aber auch als deutscher Nationalist mit völkischer Attitüde. Er träumte von einem Großdeutschland mit der Hauptstadt „Teutonia“ in Thüringen. Leibesertüchtigung war für ihn Mittel zum Zweck: Fitness für den Krieg gegen das benachbarte Frankreich.

Wladimir Iljitsch Lenin

Wladimir Iljitsch Lenin wird heute noch in Parchim mit einer W.-I.-Lenin-Straße geehrt. Außerdem gibt es mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und der DDR etliche Leninplätze in Ostdeutschland – beispielsweise in Bützow im Landkreis Rostock. Der Revolutionär und marxistische Theoretiker sorgte mit der Oktoberrevolution 1917 für eine Modernisierung des rückständigen Russlands. Er legte aber auch den Grundstein für eine Diktatur, die in den Folgejahren durch Roten Terror und stalinistische Säuberungen Millionen Menschen das Leben kostete.

 

>> Arndt-Gesellschaft
>> Arndt-Museum Garz
>> Pommersches Landesmuseum
>> Historische Kommission für Pommern

 

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