Der urplötzliche Nachwinter

Steffi und Mario Bork schaufelten gestern in der Innenstadt einen  2-Meter-Schneeberg weg, unter dem  ihr Auto eingeschneit war.<foto>hans-jürgen kowalzik</foto>
1 von 13
Steffi und Mario Bork schaufelten gestern in der Innenstadt einen 2-Meter-Schneeberg weg, unter dem ihr Auto eingeschneit war.hans-jürgen kowalzik

svz.de von
11. März 2013, 10:00 Uhr

Rostock/ Boizenburg | Dauerschnee, eisige Temperaturen und kräftige Windböen - seit dem Wochenende hat der Winter den Nordosten wieder fest im Griff. Dabei ließen Plusgrade und drei Sonnentage letzte Woche bereits auf den Frühling hoffen. Auch der Rostocker Meteorologe Dr. Reiner Tiesel spricht von einem "urplötzlichen Nachwinter". Grund für den unerwarteten Wetterumschwung sei das Aufeinanderprallen von kalter Luft aus Skandinavien und warmen Luftströmen aus Süddeutschland. "Die Luftmassen sind im Nordosten zusammengetroffen und haben hier für das Schneetief gesorgt", erklärt der Rostocker Wetterexperte.

Die Minusgrade seien für Anfang März jedoch nicht ungewöhnlich. "Die Schneemassen, die am Wochenende heruntergekommen sind, waren hingegen markant", so der Meteorologe. Er erklärt den starken Schneefall damit, dass sich die nördliche Kaltwetter- und die südliche Warmwetterfront genau über Mecklenburg-Vorpommern getroffen haben.

"Das hat für zehn bis 15 Zentimeter Neuschnee in Schwerin und zehn Zentimeter Schnee in Rostock gesorgt", so Dr. Tiesel. Besonders viel Niederschlag hat es in Walkendorf (Landkreis Rostock) gegeben: Dort maß die Schneedecke gestern früh ganze 30 Zentimeter. Das ist aber noch weit entfernt von Rekorden: So meldete Ueckermünde an der vorpommerschen Ostseeküste am 1. März 1979 sogar 49 Zentimeter Schnee. Auch in Brandenburg fielen bis gestern früh rund zehn Zentimeter Neuschnee. So gab es zum Beispiel in Lenzen (Landkreis Prignitz) eine Schneehöhe von 13 Zentimetern.

Der anhaltende Schneefall und die Minustemperaturen verwandelten viele Straßen in Schlitterpisten. Bis Montag früh kam es in Mecklenburg-Vorpommern deshalb zu zahlreichen Unfällen. Insgesamt wurden am Sonntag und in der Nacht zu Montag 78 Unfälle im Land registriert. Hierbei wurden laut Polizeiangaben sieben Menschen teils schwer verletzt. Besonders schlimm waren die Straßenverhältnisse im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Hier ereigneten sich die meisten Unfälle und der Gesamtschaden wird allein im Kreis auf 250 000 Euro geschätzt.

In Brandenburg zählte die Polizei gestern bis mittags 170 Unfälle. Insgesamt wurden dabei 15 Menschen leicht verletzt, unter ihnen zwei siebenjährige Jungen. Unklar ist allerdings, wie viele der Unfälle auf die Witterung zurückzuführen sind. Bereits am Wochenende war es durch den plötzlichen Wintereinbruch im Land zu 136 witterungsbedingten Unfällen mit 40 Verletzten im Land gekommen. Möglicherweise starb auch ein 39-Jähriger im Oder-Spree-Kreis wegen Schnee und Glätte: Er kam mit seinem Fahrzeug von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum.

Nicht nur zahlreiche Autofahrer wurden durch den Wintereinbruch überrascht. Viele Gartenfreunde hatten bereits die milden Temperaturen genutzt, um zu pflanzen. "Wir hatten letzte Woche während der drei schönen Tage einen richtigen Run auf Gartenpflanzen", berichtet Katrin Zube, Inhaberin der Gärtnerei am Elbberg in Boizenburg. Dieser sei wetterbedingt aber schon wieder vorbei. Um ausgetriebene Sträucher und Stauden müssten sich Gartenfreude trotz Minustemperaturen und Schneefall aber keine Sorgen machen. Alles, was nicht drinnen im Topf wächst, sei normalerweise winterhart.

"Gepflanzte Stauden und Sträucher gehen nicht kaputt, höchstens ausgetriebene Blätter können abfrieren", so die Gärtnereibesitzerin. Wer bereits Stiefmütterchen, Primeln oder Narzissen gesetzt hat, könnte allerdings eine böse Überraschung erleben: "Diese Blüher werden im Gewächshaus gezogen", erklärt Stefanie Albrecht von der Gärtnerei Perleberg der Lebenshilfe Prignitz. Deshalb seien die Pflanzen nicht an kalte Temperaturen gewöhnt. "Sie sind nicht abgehärtet und werden bei diesen Temperaturen welk", so die Gartenexpertin. Wahrscheinlich würden gesetzte Blumen nach der Frostperiode nicht mehr schön aussehen. "Die meisten kommen aber wieder", verspricht Albrecht.

Allerdings wird es im Nordosten wohl noch bis zum Wochenende kalt bleiben. Während dessen freuen sich Süddeutsche schon über Frühlingswetter. In Bayern und Baden-Würtenberg herrschen gerade milde Temperaturen um die zehn Grad, weiß Meteorologe Dr. Tiesel. Für MV und Nordbrandeburg sei so bald kein Frühlingswetter in Sicht. "Bis Donnerstag, Freitag wird es noch kalt bleiben, aber nur noch vereinzelt schneien", prognostiziert der Wetterexperte. "Zum Wochenende kommt dann aus dem Westen ein Tiefdruckgebiet mit wärmeren Temperaturen", fügt Dr. Tiesel hinzu. Sonnenschein sei aber nicht in Sicht: "Nächste Woche haben wir keinen Kälte, aber dafür norddeutsches Schmuddelwetter", so der Meteorologe

Zumindest die Jüngsten im Nordosten dürften sich über den Schnee in den letzten Tagen gefreut haben. So nutzten die Hortkinder der Sternberger Alexander-Behm-Schule den Nachmittag gestern zum Rodeln. Andere Schüler konnten aufgrund von Einschränkungen im Schulbusverkehr sogar einen freien Tag genießen.

Hierzu informiert Katrin Schwarz vom Bildungsministerium MV, dass es aufgrund der aktuellen Wetterlage auch in den nächsten Tagen zu Ausfällen beim Schülertransport kommen könnte. "Kinder und Jugendliche, die ihre Schulen wegen widriger Witterungsverhältnisse nicht erreichen können, sind entschuldigt", so Schwarz weiter.

Das Brandenburger Bildungsminsterium teilt mit, dass die derzeitigen Wetterverhältnisse allein kein ausreichender Grund wären, der Schule fernzubleiben. In Brandenburg muss zwar in den nächsten Tagen noch mit Schneeglätte gerechnet werden. Aber Unwetterwarnungen wegen starkem Schneefall, wie für die Region Dassow (Landkreis Nordwestmecklenburg) in MV, sind nicht zu erwarten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen