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Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 22:30 Uhr

DDR-Geschichte : Der unglaubliche Pass-Tausch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Für eine Reise in den Westen tauschte die Schwerinerin Gerlinde Haker 1967 den Pass mit ihrer Schwägerin

svz.de von
erstellt am 04.Okt.2014 | 15:10 Uhr

Im Sommer 1967 kam Gerlinde Haker mit ihrem Mann Horst pünktlich aus dem Urlaub in der Tschechoslowakei nach Schwerin zurück. Jedoch erst nach dem Mauerfall im November 1989 konnten sie ihren Freunden erzählen, wo sie wirklich gewesen waren. Sie hatten mit Schwägerin Elfriede und Schwager Dieter aus dem Westen die Pässe getauscht und waren zehn Tage lang durch die Bundesrepublik und Österreich gereist.

„So war das halt.“ Nüchtern kommentiert Gerlinde Haker heute die schier unglaublich erscheinende Geschichte. Leicht verschmitzt fügt die frühere Mitarbeiterin der evangelischen Domgemeinde hinzu, sie habe den Kommunisten ein Schnippchen geschlagen, weil sie nicht bis zur Rente auf eine West-Reise warten wollte.

Sie wollte keine Heldin sein, niemandem Vorbild, niemanden vorführen. Das zu betonen ist ihr wichtig. „Ich habe es nur für mich getan.“ Genossen habe sie die Reise, besonders das frische Obst, die frischen Brötchen und den Camembert. Im Westen bleiben wollte Gerlinde nicht. Dabei hatten die Hakers mit dem SED-Staat wahrlich nichts am Hut: „Warum sollten wir gehen? ,Sollen doch die Kommunisten gehen´, war unser Motto.“ Nach der Rückkehr blieb die Extratour ihre „stille Freude“. Auch nach dem Mauerfall ging sie mit der Geschichte nicht hausieren.

Das reiselustige Quartett traf sich im Sommer 1967 in Prag. Elfriede und Dieter stiegen in den Wartburg der Schweriner, während Gerlinde und Horst den schwarzen VW-Käfer übernahmen und sich mit einer Handvoll geschenkter D-Mark über die Grenzstation Dolni Dvoriste auf den Weg gen Westen machten. Sie freute sich, im bayerischen Hammelburg ohne Voranmeldung ein Hotelzimmer zu bekommen, erinnert sich Gerlinde Haker. In der DDR war das damals kaum möglich.

In Hamburg überraschten sie Verwandte von Horst. Die staunten – und hielten dicht. Nur ein Vetter wollte nicht mit am Kaffeetisch sitzen. Als Beamter befürchtete er offenbar Scherereien, falls die Geschichte auffliegen sollte. Gerlinde Haker: „Aber wir waren uns sicher: Das geht gut. Unser Vorhaben war so ungewöhnlich, dass darauf keiner kommt.“ Über Bremen, der Heimatstadt von Gerlindes Eltern, ging es weiter den Rhein entlang, dann nach Frankfurt, München und Salzburg. Dann kehrten sie ebenso unbehelligt wie sie ausgereist waren in den Ostblock zurück.

Während des West-Ausflugs der beiden Schweriner wanderten Elfried und Dieter die Moldau entlang bis zum Lipno-Stausee im Südwesten der Tschechoslowakei. Elfriede erinnert noch einen Grenzwächter, der auf einem Waldweg ihre Ost-Pässe kontrollierte und ihnen riet, sich weiter nach „Osten“ zu wenden. So nah an der Grenze zu Österreich würden sie sich sonst verdächtig machen, eine „Republikflucht“ zu planen.

Die Idee zum Pass-Tausch kam den Hakers nicht aus heiterem Himmel. Dieter war 1953 in den Westen geflohen. Horst blieb in der DDR und wollte trotzdem die Welt sehen. Also traf er sich mehrmals mit seinem Bruder in West-Berlin, lieh sich dessen Personalausweis, mit dem er in die Bundesrepublik gelangte und sich einen Reisepass besorgen konnte. Bis 1961 kam Horst auf diese Weise bis nach Indien und Afghanistan. Auch Gerlinde war während ihrer Jugendzeit in Dresden viel unterwegs. „Mit siebzehn bin ich durch Ost-Europa getrampt. Und es hat mich genervt, dass ich nicht den Westen sehen konnte.“

Gleichwohl war beim Pass-Tausch im Sommer 1967 das Risiko für Gerlinde höher als für ihren Mann Horst. Dieter und Horst waren sich so ähnlich, wie zwei Brüder nun einmal sind. Gerlinde und Elfriede hingegen sind zwar gleich groß und gleich alt, aber sonst kaum zu verwechseln. Dennoch durften die Hakers ungehindert ausreisen. „Vielleicht hat der Grenzposten damals seinen Augen nicht getraut“, sagt Gerlinde Haker. „Zweifelsfrei hielt er einen echten bundesdeutschen Pass in der Hand. Dass die Frau dazu die falsche war, konnte er nicht ahnen.“

Blauäugig, so beteuert Gerlinde Haker, sei sie nicht gewesen. „Wenn wir erwischt worden wären, hätten wir die Wahrheit gesagt: Wir wollten nach zwei Wochen zurückkommen.“ Daran hatten auch Elfriede und Dieter während ihrer Wanderung „nie einen Zweifel“.

1975 tauschte Gerlinde ein zweites Mal mit Elfriede den Pass und besuchte in Begleitung ihres Schwagers Dieter Freunde in Norddeutschland. Ihre Schwägerin war mit ihrem Söhnchen Carsten am Tag zuvor nach Schwerin gekommen. Gerlinde wiederum nahm ihren 15 Monate alten Hartmut mit nach „drüben“. Hartmut quengelte an der Grenze, was die Kontrolle beschleunigte. „Naja“, räumt Gerlinde Haker ein, „ich habe ihn vorher ein bisschen gezwickt“. Hartmut hat von dem Abenteuer am 9. November 1989 erfahren. Gerlinde Haker: „Da standen wir am Grenzkontrollpunkt Selmsdorf in der Schlange – diesmal mit den eigenen Pässen.“

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