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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 22:55 Uhr

Der Traum vom eigenen Buch

vom

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2013 | 09:36 Uhr

Schwerin/Norderstedt | Autor kann heute jeder sein und darf es sowieso. Man kann im Internet bloggen, kann Texte auf die Homepage stellen oder als E-Book zum Download anbieten - alles kein technisches Problem mehr. Aber trotz der digitalen Revolution: Wirklich als Schriftsteller fühlen sich viele Autoren erst, wenn das eigene Werk gebunden und gedruckt vor einem liegt und vor allem in der Buchhandlung bestellbar ist.

Juliane Golbs hat es mit ihrem Debüt "Und der Igel legte sich zum Sterben auf die Autobahn" schon so weit geschafft, hat erste Exemplare verkauft. Das Besondere daran: Die 26-jährige Schwerinerin hat ihr Erstlingswerk, in dem es um Liebe, um das Verlassenwerden, um Coming of Age, um Wege und Umwege zum Ich geht, selbst verlegt. "Vor drei Jahren habe ich angefangen, Fließtext zu schreiben", berichtet die Autorin. Aber "Und der Igel…", darauf legt Golbs Wert, ist kein Tagebuch und auch keine Reflexion. Das Buch sei "eine sehr persönliche Geschichte", aber die Erzählerin sei mit der Autorin natürlich nicht identisch, sondern aus mehreren Vorbildern verdichtet: "Nicht nur ich bin diese Persönlichkeit, sondern auch andere."

Geschrieben - und gleich beim ersten Versuch veröffentlicht. Eigentlich läuft es für Nachwuchs-Autoren anders. Der klassische Weg zum eigenen Buch ist die Ochsentour: hartnäckiges Klinkenputzen bei Verlagen, Sammeln von Absagen, erneutes Verschicken von Exposes und Manuskripten, wieder Absagen, womöglich Einschalten und Bezahlen von Literaturagenten, dann vielleicht, sehr vielleicht ein Erfolg - ein Verlag will das Buch herausbringen. Nun folgt die Auseinandersetzung mit dem Lektor, das Überarbeiten, ganz am Schluss dann endlich - der Druck, das Erscheinen!

Juliane Golbs ist diesen Weg bewusst nicht gegangen - sie ist Kundin bei "Books on Demand", dem nach eigener Aussage "europäischen Markt- und Technologieführer im Bereich der digitalen Buchpublikation". Books on Demand - das ist Englisch und bedeutet so viel wie "Bücher auf Abruf", was das Prinzip des gleichnamigen Unternehmens (BoD) in Norderstedt sehr genau auf den Punkt bringt. Neben E-Books, die durch eine einmalige Konvertierung dauerhaft verfügbar sind, gibt es bei der gedruckten Version des Buches keine "Auflage" im klassischen Verlagssinn - sondern es werden nur die Bücher gedruckt, die gekauft und bestellt, also abgerufen werden. Die Autoren erstellen aus ihrem Manuskript eine druckfertige Datei und buchen für eine Jahresgebür einen Platz auf den Servern des Unternehmens, das Buch erhält eine ISBN-Nummer - und wird immer erst dann gedruckt und ausgeliefert, wenn Leser ihr Exemplar bestellen. Wieviel ein Autor dann pro verkauftem Buch verdient, kann er vorher festlegen. "Auch klassische Verlage nutzen unseren Service, zum Beispiel für kleine Auflagen oder um eigentlich vergriffene Bücher noch liefern zu können", sagt BoD-Geschäftsführer Dr. Florian Geuppert. 25 000 Autoren sind Kunde bei BoD. "Etwa die Hälfte aller Titel sind der Belletristik zuzuordnen. Danach kommen Ratgeber, Sachbücher und Geisteswissenschaften. Aber auch Kinder- und Jugendbücher sind gut besetzt", sagt Florian Geuppert. Auf 1,3 Millionen Titel ist die Zahl der bei BoD gespeicherten Bücher mittlerweile angewachsen. Das Unternehmen ist nicht der einzige Anbieter digitaler Buchpublikation hierzulande - aber der größte.

Anders als so mancher angebliche Druckkostenzuschuss-Verlag, der erst wortreich um Manuskripte von Nachwuchsautoren wirbt und dann bis zu fünfstellige Beträge für den Druck des Buches verlangt, nennt sich BoD eben nicht "Verlag" und sagt schon in seiner Internetpräsenz offen, dass es keine inhaltliche Auswahl gebe. Und Florian Geuppert legt Wert darauf, dass die Kosten für die Kunden völlig transparent sind - schon für 19 Euro pro Jahr gebe es das Basis-Paket. Wer natürlich einen Stapel vorgedruckter Exemplare haben möchte, um sie an Bekannte und Rezensenten zu verteilen, kann bereits ab einem Exemplar bestellen, muss die extra bezahlen.

So hat es auch Juliane Golbs mit "Und der Igel legte sich zum Sterben auf die Autobahn" gemacht. "Die Schreiberei bot als Plattform für künstlerischen Ausdruck eine weitere Ebene als die Malerei", sagt sie. Nur bei Book on Demand habe sie die volle Kontrolle über ihr Werk gehabt, konnte den Text mit eigenen Fotos und Grafiken ergänzen. "Von den Anhängen bis zur Typografie war mir alles sehr wichtig", sagt sie. Eine solche künstlerische Freiheit hätte sie wahrscheinlich bei einem klassischen Verlag nicht gehabt.

Dafür, dass die Bücher auch Leser finden, sind beim Selbstverlag die Autoren verantwortlich. Sie müssen selbst übernehmen oder als Dienstleistung extra dazubuchen, was das eigentliche Geschäft klassischer Verlage ist - das Marketing. Sie müssen selbst für die Bücher werben, sie Buchhändlern schmackhaft machen, Lesungen organisieren, ihre Werke den Kulturressorts von Presse, Internet, Funk und Fernsehen für Besprechungen empfehlen.

"Ich erlebe das regelmäßig", sagt Manfred Keiper, Inhaber der "anderen Buchhandlung" in Rostock. Der auch im Börsenverein des deutschen Buchhandels engagierte und in der Literatur- und Verlagsszene bestens vernetzte Experte zweifelt daran, dass Selbstverlags-Autoren beim Marketing die gleiche Wucht entfalten können wie klassische Verlage: "Ein Buch zu verlegen, das ist ein kollektiver, umfassender Prozess." Oft stünden Menschen bei ihm in der Buchhandlung, mit einem Stapel Exemplare des selbstverlegten eigenen Werkes, seien es nun Autobiografien, Romane oder Familiengeschichten, und bäten darum, gelesen, empfohlen und ins Sortiment aufgenommen zu werden. "Ich bin aber kein Lektor", sagt der Buchhändler.

Wenn es jemandem nur darum gehe, die eigene Geschichte gedruckt zu sehen, vielleicht für Freunde und Familie - dann sei ein seriöser Book-on-demand-Anbieter wie BoD ein Weg, betont Keiper. Wer aber wirklich vom Schreiben leben wolle, brauche in den meisten Fällen einen klassischen Verlag im Rücken, keinen Bezahlverlag: "Die Begeisterung für die eigenen Ideen reicht nicht - Schreiben ist ein knallhartes Handwerk." Die Digitalisierung habe den Buchdruck so vereinfacht, dass aber immer mehr Menschen im Selbstverlag Bücher herausbrächten.

Wohl auch, weil es hin und wieder Selbstverleger zum Bestseller schaffen. "Ausnahmen bestätigen die Regel", sagt Keiper. Nele Neuhaus beispielsweise. Die Krimi-Autorin hat ihr erstes Buch "Unter Haien" bei einem seriösen Book-on-demand-Dienstleister in Münster herausgebracht. Ein Zuzahl-Verlag hatte zuvor von ihr horrende 60 000 D-Mark für den Druck verlangt, wie sie auf ihrer Homepage berichtet. Das Book-on-demand-Modell sei seriös, schreibt Neuhaus, aber man "sollte sich als Autor im Klaren sein: Wenn das Buch erst gedruckt ist, war es das dann auch. Um Werbung, Vermarktung und Ähnliches kümmern sich diese Verlage nicht. Sie sind - und das soll nicht negativ klingen - reine Dienstleister." Sie habe "sehr viel Energie" in die Vermarktung des Buches gesteckt, schreibt Neuhaus auf ihrer Internetseite: "Klinkenputzen bei Buchhändlern in der Umgebung, die Erstellung einer eigenen Webseite, Lesungen vor manchmal nur zwei oder drei Leuten, Kontakte zur Presse aufbauen. Ein mühsamer und anstrengender Weg." Als sich dann vom dritten Buch 5000 Exemplare verkauften, meldete sich Ullstein…

Von solchen Erfolgen ist Juliane Golbs noch weit entfernt. Bei "Und der Igel legte sich zum Sterben auf die Autobahn" sei es erstmal ums Schreiben gegangen. Book-on-demand sei für sie genau das richtige Prinzip gewesen: "Man hat sich als Künstlerin gefühlt", sagt die Nachwuchs-Autorin. Und das Publikum? Mittlerweile nähern sich die Verkaufszahlen für ihr Erstlingswerk dem dreistelligen Bereich, sagt Golbs: "Und es sei einfach ein gutes Gefühl, wenn das eigene Werk Leser findet.

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