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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 22:53 Uhr

Der Tod verwandelt eine Behörde

vom

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erstellt am 24.Okt.2012 | 10:11 Uhr

Schwerin | Der Hungertod der kleinen Lea-Sophie in der elterlichen Wohnung hatte weitreichende Folgen, wie wohl kein anderes Ereignis in den vergangenen 20 Jahren. Bestürzung und Empörung waren groß, das Medieninteresse riesig. Ein Untersuchungsausschuss der Stadtvertretung bemühte sich um Aufklärung der Vorgänge im Jugendamt. Oberbürgermeister Norbert Claussen wurde von den Schwerinern mit großer Mehrheit abgewählt und musste gehen. Die Eltern sind wegen Mordes zu jeweils elf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden.

Der "Fall" Lea-Sophie hat in der Schweriner Stadtverwaltung aber auch einen Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende eine völlig neue Arbeitsweise des Jugendamtes steht. Ein Modell, das so erfolgreich ist, dass es ab heute Gegenstand einer Fachtagung in der Landeshauptstadt ist. Experten aus ganz Deutschland werden die Berichte zu neuesten Forschungen und Praxiserfahrungen zum Thema Kindswohl verfolgen. Veranstalter ist der angesehene Kronsberger Kreis. Die Leitung des Kongresses hat der renommierte Erziehungswissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Reinhart Wolff. Er hat den langen Prozess der Aufarbeitung des Todes des kleinen Mädchens und der Umgestaltung des Amtes begleitet und von außen Hilfe gegeben. Heute bezeichnet Prof. Wolff den Schweriner Weg als international einmalig und beispielgebend.

Aufarbeitung im Jugendamt

Angestoßen wurde die Diskussion über mögliche Fehler oder Versäumnisse des Jugendamtes durch dessen Leitung selbst. "Wir sind nach dem Tod Lea-Sophies an die Stadt Schwerin herangetreten", so Prof. Wolff. "Und das Jugendamt hat großes Interesse gezeigt, Methoden für Veränderungen zu entwickeln." Denn die Mitarbeiter waren zunächst wie gelähmt. Sie schwankten zwischen Schuld und Trauer. Eine Verunsicherung, die auch Reinhart Wolff sogleich erkannte. "Niemand wollte noch einmal öffentlich für den Tod eines Kindes verantwortlich gemacht werden. Die starke Verunsicherung hat jedoch dazu geführt, dass die Ängste und Sorgen der Kinderschützer ihre Aufgabenwahrnehmung zu stark überlagert haben, als dass sie selbstbewusst ihren Job gemacht hätten." Die Folge war ein sogenanntes "Fall-Labor". Hier wurde alles zusammengeführt, was zur Aufarbeitung der Verantwortung des Amtes eine Rolle gespielt hat. "Erstmals geschah das unter Einbeziehung der Familienmitglieder der kleinen Lea-Sophie", so Wolff.

In den Jahren 2009 und 2010 hat Schwerin am Bundesprojekt "Aus Fehlern lernen" - einer Qualitätsentwicklungswerkstatt - teilgenommen. Die materielle, technische und personelle Ausstattung des Jugendamtes wurde verbessert. So ist es der einzige Bereich in der Schweriner Stadtverwaltung, in dem es eine externe Einstellung gab. "Wir brauchen Fachkräfte", sagt Sozialdezernent Dieter Niesen. "Sozialpädagogen gab es nicht in anderen Ämtern."

Die Bedingungen in der Verwaltung ändern sich

Heute arbeiten im Jugendamt zwei Teams des sozial-pädagogischen Dienstes mit insgesamt 21 Sozialpädagogen und zwei Sachgebietsleitern. Doch was sich so einfach sagt, war ein schwieriger Weg. "Es gab immer wieder Engpässe und Vakanzen", muss Niesen bekennen. Der Weggang von Mitarbeitern und Dauererkrankungen machten den beiden Teams zu schaffen. Prob leme, die jetzt beseitigt sind. "Aus einer überlasteten Behörde ist ein Zentrum fachlicher Hilfe für Kinder geworden", sagt Niesen nicht ohne Stolz. Er legt großen Wert da rauf, dass die Rahmenbedingungen stimmen. "Dazu gehört auch, die Mitarbeiter zu motivieren, Fehler anzusprechen."

Die Aufarbeitung der Vorgänge um den Tod der 5-jährigen Lea-Sophie findet internationale Aufmerksamkeit. Kay Biesel, der bei Prof. Dr. Reinhart Wolff promoviert hat, füllt jetzt eine Professur in Basel aus und hat seine "deutschen" Erfahrungen natürlich mitgenommen und auch ein Buch dazu veröffentlicht. Nach der Schweriner Fachtagung soll im Frühjahr ein weiteres herauskommen, an dem auch Wolff mitschreibt. Der hat die Schweriner Erkenntnisse in einem "etwas verkürzten Verfahren" bereits auf andere "Fälle" in Deutschland übertragen. So wurde in Bad Segeberg nur durch Zufall ein dreijähriger Junge in einem verdreckten Kellerloch gefunden. Prof. Wolff konnte in einem Gutachten das zuständige Jugendamt entlasten. In Leipzig verdurstete ein zweijähriger Junge neben seiner gestorbenen, drogenabhängigen Mutter. Wolff wurde in die Aufarbeitung eingeschaltet.

Im Schweriner Jugendamt hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. So stieg die Zahl der Anzeigen wegen Kindswohlgefährdung auf etwa 200 pro Jahr - weit mehr, als vor dem Tod Lea-Sophies. Überlastungsanzeigen der Sozial-Pädagogen gibt es trotzdem nicht mehr. Denn heute bearbeitet jeder Mitarbeiter durchschnittlich nur 41 Einzelfälle, früher waren es 65. Die Dramatik ist jedoch jedesmal eine andere.

Einmal konnten die Jugendamtsmitarbeiter einem Zweijährigen das Leben retten. Alle anderen Fälle waren "nicht akut". Doch die Mitarbeiter sind weiterhin mit Vorwürfen und Anschuldigungen von Eltern, Großeltern und Angehörigen konfrontiert. Nicht selten kommt die Drohung, "sie wollen eine zweite Lea-Sophie". Erst gestern musste das Jugendamt eine Stellungnahme abgeben, weil sich Großeltern an den Bürgerbeauftragten des Landes gewandt hatten. Doch wenn es "nur" darum geht, dass Eltern die Kinder den Großeltern vorenthalten, oder ein Vater meint, das Kind sei bei ihm besser aufgehoben, als bei der Mutter, so hat das Jugendamt in den allermeisten Fällen keine Handhabe, einzuschreiten. Denn die Kinderschützer sind nicht dafür da, für eine Seite Partei zu ergreifen.

Der "Fall" Lea-Sophie bleibt aktuell

"Es geht einzig und allein um das Kindeswohl", sagt Dezernent Niesen und verweist auf die geltende Gesetzgebung in Deutschland. Dabei ist ihm bewusst: "Ein Jugendamt ist nie fertig. Es muss täglich neue Herausforderungen meistern." Und die Behörde ist nicht der alleinige Akteur. "Die Führungskräfte der Verwaltung und die Kommunalpolitik sind ebenso gefordert, Fälle wie Lea-Sophie zu verhindern." Das bedeutet aber auch - grundsätzlich muss das nicht gelingen. Wenn die Sozialpädagogen keine Informationen bekommen, können sie auch nicht eingreifen.

Der "Fall" Lea-Sophie liegt fast fünf Jahre zurück. Doch noch heute beschäftigt er das Jugendamt in Schwerin und auch den Soziologen Prof. Wolff. "Wir halten engen Kontakt zu den Großeltern", so Dieter Niesen. "Lea-Sophie hat ja noch einen kleinen Bruder." Und Wolff hält darüber hinaus Verbindung zu den Eltern in der Justizvollzugsanstalt. "Wir dürfen diese Menschen einfach nicht alleine lassen." Auch für sie sei der Tod des Mädchens "eine Tragödie". Er richtet einen eindringlichen Appell an die Öffentlichkeit. "Lea-Sophies Eltern waren mit der Situation völlig überfordert." Wichtig sei es deshalb, so Prof. Wolff, sich rechtzeitig Hilfe von außerhalb zu holen. Das Schweriner Jugendamt sei dabei ein sehr guter Ansprechpartner.

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