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Ernst-Barlach-Ausstellung in Güstrow : Der Tod in Stein und Kohle

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Ausstellungsprojekt in Güstrow und Stettin zeigt Ernst Barlachs Beschäftigung mit Grab- und Denkmalen. Der Fokus der Ausstellung liegt auf dem Beitrag von Ernst Barlach zur Sepulkralkultur des frühen 20. Jahrhunderts.

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erstellt am 28.Feb.2012 | 09:59 Uhr

Güstrow | Man steigt schon ein wenig herab in die Düsternis, wenn man sich in der Ausstellung "Ernst Barlach - Bilder vom Tode im Werk eines deutschen Expressionisten" ins Grafikkabinett begibt. Und gleich erwartet den Besucher die Lithografie "Königsgrab" von 1930. Auf dem Blatt ruhen die Knochen eines Herrschers zwischen allerlei heidnischen Beigaben. Die Düsternis ist aber der Behutsamkeit geschuldet - Barlachs Skizzenbücher und Entwurfszeichnungen vertragen kein grelles Tageslicht.

Das die Ausstellung einiges Neues zeigt, verrät der erste Blick. Die großen Blätter mit den Entwüfen für Grabmale seien in der deutsch-polnischen Ausstellung das erste Mal öffentlich zu sehen, sagt Dr. Volker Probst, Leiter der Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow. Er hat "Ernst Barlach - Bilder vom Tode" gemeinsam mit seinem polnischen Kollegen Szymon Piotr Kubiak kuratiert. Beide sind auch Herausgeber des sehr empfehlenswerten Kataloges. Die Wissenschaftler betraten bei der Schau, die im Herbst bereits in Stettin zu sehen war, Neuland. Probst: "Das Thema Barlach und der Tod ist noch nie monografisch behandelt worden." Die Grafik "Königsgrab" beispielsweise sei eine von Barlachs letzten Lithografien und bis heute nicht gedeutet.

Der Hauptfokus der Ausstellung liegt aber auf dem Beitrag von Ernst Barlach zur Sepulkralkultur des frühen 20. Jahrhunderts. "Von 1900 an gab es eine echte Friedhofsreformbewegung", sagt Dr. Probst. Neue Friedhöfe wurden planvoll angelegt, als Gesamtkunstwerke begriffen - mit von Bildhauern entworfenen Grabmalen als zentralen Bestandteilen. Wer auf sich hielt und es sich leisten konnte, ließ sich eine Familiengrabstätte entwerfen. Barlachs Entwürfe aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurden meist nicht verwirklicht. Aber nach dem Ersten Weltkrieg gestaltete er mehrere repräsentative Grabstätten - beispielsweise für die Familie Biesel in Stettin (1921), für deren Ruheort er die Skulptur "Mutter Erde" schuf, oder für die Hamburger Familie Pauly (1933). Dem Entwurf und der Umsetzung dieser Projekte ist ein Teil der Schau gewidmet, die Skizzen sind im Grafikkabinett zu sehen, die Entwürfe und Werkmodelle im Ausstellungsforum.

Neben privaten Aufträgen arbeitet Barlach auch für den öffentlichen Raum. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg brauchte nahezu jede deutsche Stadt ein Gefallenen-Ehrenmal - ein lohnendes Betätigungsfeld für Bildhauer. Mit seinen Mahnmalen steht Barlach allerdings weit abseits des Heldengedenk-Einerlei der 1920er- und 1930er-Jahre. Die sechs Figuren seines Ehrenmales für den Magdeburger Dom haben nichts Heroisches: Ein barhäuptiger Verwundeter und zwei unter Stahlhelm und Pickelhaube gesichtslose Soldaten werden mit den begleitenden allegorischen Figuren eines Trauernden (die Not), eines zum Skelett Verwesten (der Tod) und eines im Trommelfeuer wahnsinnig Gewordenen (die Verzweiflung) zum anrührenden Sinnbild einer versehrten Generation.

Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten, denen ein brutalisierter Klassizismus näher lag, solche Ehrenmale schnell entfernen ließen. Die Entstehung des Magdeburger Ehrenmals und Barlachs weiterer verwirklichter Mahnmale - in Kiel, Güstrow und Hamburg - kann der Ausstellungsbesucher von den ersten Skizzen über die Entwürfe und das Werkmodell verfolgen.

Trotz aller Düsternis in Beleuchtung und Thema - diese Schau ist sehr erhellend.

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