Schauspiel-Marathon in Wismar : Der Teufel steckt im Detail

Im Hof des Schwarzen Klosters in Wismar proben Laienschauspieler für das Stück „Der Teufel steckt unten“. Die 18-jährige Canan Karakus (r.), die in Wismar eine Ausbildung in Kinderkrankenpflege macht, mimt den Harlekin.
Im Hof des Schwarzen Klosters in Wismar proben Laienschauspieler für das Stück „Der Teufel steckt unten“. Die 18-jährige Canan Karakus (r.), die in Wismar eine Ausbildung in Kinderkrankenpflege macht, mimt den Harlekin.

Zum Luther-Jubiläum geht in Wismar ein Schauspiel-Marathon über die Bühne

svz.de von
05. September 2017, 12:00 Uhr

„Publikum!“ Immer wieder ruft Lars Maué den Laien auf der Bühne Tipps zu. Sie sollen die Zuschauer einbeziehen und keine Pausen lassen, damit das Spiel spannend bleibt. Geprobt wird in Wismar derzeit an einem Mammutstück zum Lutherjahr: „Freiheit und Glaube“ heißt das Theaterprojekt zu 500 Jahren Reformation in der Hansestadt. Am 23. September soll der sechs Stunden lange Schauspiel-Marathon an historischen Stätten, in Kirchen und Klöstern, seine Uraufführung erleben. Rund 1000 Besucher werden erwartet.

Der Theatertag ist Highlight eines dreitägigen Festwochenendes zum Reformationsjubiläum. Sechs Spielszenen an sechs verschiedenen Orten werden aufgeführt, drei davon parallel. Zu schaffen sind dennoch rund viereinhalb Stunden Theater. Den furiosen Abschluss bildet das musikalische Stück „Nevers Schweigen“ in der Georgenkirche mit 250 Akteuren: Maskenspielern, über vier Meter großen Riesenmarionetten, 200 Chorsängern.

Die Szenen stellen Alltag und Geschehnisse in Wismar vor fünf Jahrhunderten dar, in jener Zeit, da Luther seine Thesen zur Veränderung der Kirche anschlug. Volk, Adel, Kirche kommen vor, historische Figuren werden wiederbelebt. Für die Inszenierung recherchierte Maué in Archiven und Dokumenten. „Es gab nicht die eine einzige Reformationsbewegung, sondern lokale und regionale Erneuerungen“, sagt er. In Wismar war Heinrich Never (um 1490-1553), ein ehemaliger Franziskanermönch, Hauptakteur. Er lernte Martin Luther und Philipp Melanchthon in Wittenberg kennen.

Lars Maué ist Autor und Regisseur des Mammutwerkes. Er baute 40 Masken für die Laien-Darsteller.  Fotos: grit büttner
Lars Maué ist Autor und Regisseur des Mammutwerkes. Er baute 40 Masken für die Laien-Darsteller. Fotos: grit büttner

1524 hielt Never erste lutherische Predigten im „Grauen Kloster“, der heutigen Stadtschule, und stieß auf große Resonanz. Ab 1527 wandte der Wismarer sich theologisch mehr und mehr von Luther ab, Luther bezeichnete ihn gar als „Teufelsboten“. Never verlor die herzogliche Gunst, er wurde zum Schweigen verdonnert und zog sich ins Kloster zurück. „Auch die Reformation frisst am Ende ihre Kinder“, erklärt Maué. „Nevers Schweigen“ werde ein gewaltiges Finale als Zeichen für die nachklingenden Stimmen der Reformation.

Seit Monaten üben 50 Laien-Darsteller zwischen neun und 77 Jahren mit Profis in der Hansestadt das Maskenspiel, Improvisation, Sprechtheater, Tanz, Gesang, Comedy. Rund 100 exklusive Verkleidungen und Kostümteile schneiderte dafür Johanna Kanka-Maué, die Frau von Lars Maué. Der 53-Jährige selbst fertigte in seiner Werkstatt, einer der letzten ihrer Art in Deutschland, 40 Masken. „Mein bisher größtes Projekt“, sagt er. Drei Helfer habe er angelernt, denn für eine einzige lebensecht aussehende Theatermaske brauche es einige Wochen Arbeit.

Die Produktion für Wismars Reformationstheater habe vor einem Jahr in der Maskenwerkstatt begonnen, sagt Maué. Zunächst formte er Vorlagen aus Ton und schnitzte Holzköpfe der Figuren. Davon nahm er Negativformen und goss darin die Masken aus Gummi, verstärkt mit Sackleinen. Sonst sei Leder das Material der Wahl, doch die Verarbeitung hätte zu lange gedauert. Am Ende wurden die „Zweitgesichter“ für die Darsteller mit kräftigen Farben bemalt. Seine Lieblingsmaske sei die des Harlekin, sagt Maué.

Im Hof des Schwarzen Klosters, einem der sechs Spielorte, proben dieser Tage Laien-Schauspieler mit Masken und Kostümen ihre Rollen als Gaukler und Mönche in dem 50 Minuten langen Stück „Der Teufel steckt unten“. Mit dabei ist die 18-jährige Canan Karakus, die in Wismar eine Ausbildung in Kinderkrankenpflege macht und im Theaterprojekt den Harlekin mimt. Schon in der Schule habe sie im Wahlpflichtunterricht gern auf der Bühne gestanden, sagt sie. Die Rolle des vorlauten Spaßvogels im Reformationsstück passe einfach gut zu ihr.  

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