Neubrandenburg : Der Terrorist und seine Stasi-Familie

Mit diesem Foto wurde nach Henning Beer in der BRD gefahndet.
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Mit diesem Foto wurde nach Henning Beer in der BRD gefahndet.

Henning Beer ist einer von zehn RAF-Aussteigern, die in der DDR lebten. In dem Buch „RAF im Osten“ wird der geheime Deal zwischen Stasi und RAF enthüllt

svz.de von
15. März 2016, 12:00 Uhr

Alle zehn RAF-Aussteiger standen in der DDR unter permanenter Stasi-Beobachtung. Westdeutsche Sicherheitsorgane wie BKA oder Verfassungsschutz sollten keinesfalls auf die Spur der untergetauchten RAF-Aussteiger kommen. Ihre Aufdeckung hätte für die DDR einen internationalen Skandal bedeutet. Deshalb setzte die Abteilung XXII (Terrorabwehr) zielgerichtet Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf die Aussteiger an. Im Jahr 1989 waren allein unter Führung der Abteilung XXII 20 IM für die Abdeckung der RAF-Aussteiger abgestellt. Hinzu kamen die inoffiziellen und hauptamtlichen Mitarbeiter der Stasi, die sich ohnehin besonders um Zugezogene aus der BRD „kümmerten“.

Für die Terrorabwehr der Stasi war es ein Glücksfall, dass die Familie der künftigen Frau von Henning Beer besonders gut mit Stasi-Leuten bestückt war. 1982 kam Henning Beer unter dem Namen „Dieter Lenz“ in Neubrandenburg an und bekam einen Job beim VEB Nahrungsgütermaschinenbau (Nagema). Ein Jahr später lernte der damals 25-Jährige in dem Betrieb eine junge, attraktive Frau kennen, die als Mikroelektronikerin arbeitete und FDJ-Sekretärin war. Dass sich ausgerechnet diese hübsche Frau, die unter den Kollegen den Spitznamen die „schöne Susi“ trug, für den eher unscheinbaren „Dieter Lenz“ interessierte, wunderte etliche Kollegen. Beide freundeten sich aber an und heirateten 1986. Im gleichen Jahr bezog das Paar eine Zweiraum-Wohnung im Neubrandenburger Plattenbauviertel Reitbahnweg. Anzunehmen ist, dass auch Susanne Lenz zu diesem Zeitpunkt nichts von der wahren Identität ihres Ehemannes wusste.

Ebenso dürfte ihrem Gatten nicht bewusst gewesen sein, dass seine Frau mindestens zwei Stasi-Mitarbeiter in der Familie hatte, die nach der Hochzeit seine Schwäger werden sollten. Selbst seine Frau pflegte höchstwahrscheinlich inoffizielle Kontakte zur Stasi. So ergibt sich aus einer Karteikarte der BStU, dass ein IM aus dem Umfeld von Henning Beer IMS (Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung) „Maria Randow“ war, bei der es sich höchstwahrscheinlich um seine Ehefrau Susanne D. handelte. Es dürfte kein Zufall sein, dass Susanne D. ausgerechnet 1985 als (IMS) von der Abteilung Terrorabwehr angeworben wurde, just in dem Jahr, in dem beide eigentlich heiraten wollten.

Nachweisbar ist, dass auch zwei Schwäger von „Dieter Lenz“ alias Henning Beer auf der Lohnliste des MfS standen: der Bruder von Susanne D., Jens D., sowie ihr Schwager Arno S., der Mann ihrer Schwester. Jens D. hatte sich vom Soldaten im MfS-Wachregiment „Felix Dzierzynski“ hoch gedient bis zum Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeiter (HIM) im Juli 1986. Damit war sein neuer Arbeitgeber das MfS.

Arno S., der Ehemann der Schwester von Susanne D., startete beim MfS als Wachposten der Bezirksverwaltung Neubrandenburg. Zuletzt arbeitete er Ende der 1980er-Jahre als Hauptmann in der Abteilung IX, dem so genannten Untersuchungsorgan der MfS-Bezirksverwaltung Neubrandenburg. Sowohl Jens D. als auch Arno S. berichteten eifrig über ihren neuen Schwager „Dieter Lenz“, von dessen RAF-Vergangenheit sie freilich nichts wissen konnten.

Hintergrund: „RAF im Osten“

1980 bzw. 1982 nahm die DDR zehn Ex-Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) auf.

Alle RAF-Leute wurden in Westdeutschland steckbrieflich gesucht, unter anderem wegen Mordverdachts. Zwei der RAF-Aussteiger lebten unter falschem Namen in Neubrandenburg: Henning Beer und Silke Maier-Witt. Das im Februar erschienene Buch „RAF im Osten. Terroristen unter dem Schutz der Stasi“ greift die Hintergründe eines der größten Staatsgeheimnisse der DDR auf.

Der Autor Frank Wilhelm stellt sein Buch am 16. März um 18 Uhr in der Landeszentrale für Politische Bildung (Jägerweg 2) in Schwerin vor.

Allerdings war ihnen der Umgang mit dem ehemaligen Bundesbürger „Dieter Lenz“ offensichtlich nicht ganz geheuer. In einer Aussprache mit Hauptmann Arno S. seien die „Verhaltensnormen zur Gewährleistung der inneren Sicherheit“ abgestimmt worden. „Es ist empfehlenswert, seinerseits die Kontakte zur Schwägerin und deren Partner auf ein Minimum zu beschränken.“ Zugleich war das MfS natürlich auch an Informationen über den künftigen Schwager „Dieter Lenz“ interessiert. In einem handschriftlichen Vermerk heißt es: „Familie S. kann normal mit Familie Lenz familiär verkehren.“

Susanne und Dieter Lenz verschoben ihre Heiratspläne 1985 für ein Jahr. Wenige Monate später empörte sich der linientreue Stasi-Mann Arno S. allerdings heftig über seinen Schwager. Er erstattete geflissentlich Bericht. Zur Jugendweihe seiner Tochter im März 1986 waren auch Susanne und „Dieter Lenz“ eingeladen. „Während einer zufälligen Unterhaltung über seine bevorstehende Eheschließung mit meiner Schwägerin erwähnte er nebenbei, die Eheringe von den 300 D-Mark im Intershop gekauft zu haben, die er ,damals behalten hatte‘.“ Einige Monate vorher habe ihm seine Schwägerin erklärt, dass Lenz bei seinem Wechsel von der BRD in die DDR sein gesamtes West-Geld in DDR-Mark umgetauscht habe. Dass „Lenz“ trotzdem noch über so eine relativ hohe D-Mark-Summe für die Eheringe verfügte, erboste den vorbildlichen Stasi-Hauptmann offensichtlich sehr: „Ich werde jegliche Kontakte zu L. abbrechen und auf meine Ehefrau ebenfalls einen solchen Einfluß nehmen, daß künftig keine Verbindungen zwischen L. und seiner Familie bestehen“, schrieb Arno S. in seinem Bericht.

Zum kompletten Bruch kam es allerdings nicht. Das geht aus Berichten hervor, die der zweite angeheiratete Schwager von „Dieter Lenz“, Stasi-Mann Jens D., bereitwillig und regelmäßig an die Stasi weitergab. Das Interesse der Stasi an Informationen über „Dieter Lenz“ wog wohl schwerer als eventuelle Skrupel oder Ängste ob dessen Herkunft aus der Bundesrepublik.

War Henning Beer klar, dass die Stasi dank der „guten Verwandten“ bei Familienfeierlichkeiten quasi immer mit am Tisch saß, um ihn zu beobachten und unter Kontrolle zu halten? Die Frage könnte wohl nur er selbst beantworten. Beer tauchte nach Verbüßung seiner Haftstrafe 1996 allerdings unter. Wo seine Ehefrau Susanne Lenz lebt, ist ebenfalls unklar. Beers emsiger Stasi-Spitzel und Schwager Jens D. lebt heute noch in Neubrandenburg, wollte sich auf Anfrage allerdings nicht zu dem Thema äußern.

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„RAF im Osten. Terroristen unter dem Schutz der Stasi“
200 Seiten, 14,90 Euro, Mecklenbook, Buchverlag des Nordkuriers,
erhältlich über: Internet mecklenbook.de,Telefon: 08 004 575 033 oder im Buchhandel
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