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Flüchtlings-Tagebuch : Der Tanz auf dem Vulkan

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha. Flüchtlingstagebuch Teil 13

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Anfang September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern will er ein neues Leben beginnen. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

„Hey, how are you?“ – Wie geht es dir, fragt mich Moha. Seine Jacke ist vom Regen ganz durchnässt. Ich weiß nicht, wie lange er schon gewartet hat. „Wieso bist du nicht schon ins Café gegangen?“, frage ich zurück. „Weil ich da nicht rauchen kann.“ Moha zieht an seiner Zigarette. Die Glut leuchtet auf. „Lass uns lieber spazieren gehen“, sagt er.

Eine Weile laufen wir schweigend nebeneinander her. „Was wolltest du mir erzählen?“, frage ich schließlich. „Ich war beim Zahnarzt“, sagt Moha. „Und?“ – „Ich hatte dir doch von meinem Problemen mit meiner Brücke erzählt.“ – „Ja. Ich erinnere mich.“ Auf seiner Flucht hat sich sein Zahnimplantat gelöst. Seitdem hat er ständig Schmerzen im Kiefer. „Konnte er dir helfen?“, frage ich. „Nein. Ich dachte, die Ärzte wären in Deutschland gut. Aber dieser Arzt hatte keine Ahnung“, schimpft er los. „Warum?“ – „Er hat die Krone entfernt. Ich habe jetzt eine Lücke in den Zähnen!“ – „Und hast du noch Schmerzen?“ – „Seelische oder physische?“ Wütend schnipst Moha seinen Zigarettenstummel in den Mülleimer. „Er hat gesagt, wenn ich meine Papiere bekomme, macht er mir eine neue Brücke. Wer weiß, wann ich die bekomme. Er hätte die alte doch nur wieder festmachen müssen.“ – „Ich denke, er hat richtig gehandelt“, erwidere ich. „Wenn du noch keine Papiere hast, darf ein Arzt nur akute Schmerzen behandeln.“ – „Er hätte die Brücke nur wieder reinmachen müssen. Du verstehst es auch nicht“, meint Moha. „Ich wollte nur helfen.“ – „Ja. Es ist nur. Er hat mich behandelt wie einen Idioten. Ich habe für die Brücke in Syrien viel Geld bezahlt.“, meint Moha. „Alle tun ständig so, als wären wir Hinterwäldler.“ – „Das stimmt nicht“, entgegne ich.

„Ich will nach Hause. Einfach nichts klappt“, meint Moha. Seit vier Monaten ist er nun schon in Deutschland. Seither hat sich nicht viel getan. Er hatte gehofft, schnell die Sprache zu lernen und zu arbeiten. Doch bisher bekommt er nur einmal die Woche Deutschunterricht. Seine Wohnungssuche ist noch immer erfolglos. Moha hat kein Zahnweh. Er hat Heimweh.

„Hast du mitbekommen, dass Merkel alle Flüchtlinge mittelfristig wieder zurück in ihre Heimat schicken will?“, fragt Moha. Jetzt ist er wieder etwas ruhiger. „Ja. Sobald der Krieg vorbei ist. Was denkst du darüber?“ – „Ich kenne die Syrer. Sie hatten ein gutes Leben. Die meisten wollen sowieso wieder zurück.“ – „Aber du nicht.“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Wenn ich davon ausgehe, wieder zurückzugehen, wie könnte ich dann hier versuchen, ein Leben aufzubauen? Ich muss an das Hier und Jetzt denken.“ – „Also bist du enttäuscht über Merkels Aussage?“ – „Nein. Politiker ändern ständig ihre Worte. Das ist normal.“ – „Aber was wäre, wenn du in drei Jahren zurückmusst?“ – „Dann ist das so. Das Problem ist nur, dass hier viele junge Menschen herkommen. Sie wollten eine bessere Zukunft haben als in Syrien. Sie wollen sich hier etwas aufbauen. Wenn man sie nach dem Krieg wieder zurückschickt müssen sie wieder von vorne anfangen.“ – „Denkst du, der Krieg ist in drei Jahren vorbei?“ – „Nein. Ich denke, er wird viel länger dauern. Aber ich habe Angst, dass Syrien ähnlich wie Afghanistan als sicher erklärt wird, obwohl es das noch nicht ist. Dann ist es wie ein Tanz auf dem Vulkan. Du weißt nie, wann er ausbricht.“ Dann schaut Moha mich an: „Tut mir leid, wegen vorhin. Komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein.“

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