zur Navigation springen

Ein Kinderleben mit Diabetes : Der Tag der Schlange

vom
Aus der Onlineredaktion

Am Klinikum Karlsburg lernen kleine Diabetiker in Sommerkursen, wie sie trotz ihrer Krankheit möglichst beschwerdefrei leben können.

svz.de von
erstellt am 14.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Tolgar hat die Nase voll. „Dauernd fragen mich Leute, ob ich etwa zu viel Zucker gegessen hätte und deshalb jetzt Diabetes habe. Dabei weiß doch schon jedes Kind, dass Typ-I-Diabetes und Naschen überhaupt nichts miteinander zu tun haben“, schnaubt der Zehnjährige empört. Am liebsten würde er wegziehen aus Berlin, wo ihn alle mit ihren blöden Fragen nerven. Karlsburg, ja das wäre ein Ort, wo er gerne wohnen würde.

Zumindest bis Donnerstag erfüllt sich sein Wunsch. Der kleine Berliner gehört zu den 50 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, die zum zweiten von insgesamt drei Sommerkursen ins Klinikum Karlsburg eingezogen sind. Dass Typ-I-Diabetes nichts damit zu tun hat, ob jemand oft und gerne Süßes isst, wissen sie bestens – denn sie alle leiden selbst an dieser Stoffwechselerkrankung. Fachmännisch können sie sich über Vor- und Nachteile von Insulinpumpen und -pens unterhalten. Wer zur Blutzuckermessung noch mehrmals täglich in seine Fingerkuppen oder das Ohrläppchen stechen (lassen) muss, lässt sich von Gleichaltrigen erklären, wie bei ihnen die Messung über einen Sensor am Arm erfolgt – ohne zu pieken. Beim Toben achten die Kinder aufeinander, schließlich wissen sie aus eigenem Erleben, wie schnell ihr Blutzucker bei zu viel Bewegung entgleisen kann.

dpa-023914_f kopie

„Bei Kindern und Jugendlichen ist eine normnahe Blutzuckereinstellung besonders wichtig, weil sie die Chance auf ein weitgehend beschwerdefreies Leben ermöglicht“, betont der Direktor der Klinik für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen, Prof. Dr. Wolfgang Kerner. Bei vielen der kleinen Feriengäste klappt das sehr gut. Zum Beispiel bei dem elfjährigen Collin, der bei Schwedt zu Hause ist. „Ich hab schon seit zehn Jahren Diabetes“, erzählt der hoch aufgeschossene Junge, auf dessen selbst gestaltetem T-Shirt „Wir lieben Karlsburg“ zu lesen ist. Blutzuckermessungen und Insulinspritzen gehören zu seinem Alltag, seit er denken kann. Ist das belastend? „Nö, gar nicht“, meint der Blondschopf grinsend.

Auch Florian aus Velgast hat gelernt, gut mit seiner Krankheit zu leben – nicht zuletzt dank der Sommerkurse in dem kleinen, zwischen Anklam und Greifswald gelegenen Ort. „Ich war schon dreimal hier“, erzählt der Elfährige. In Karlsburg habe er einfach immer Spaß – und inzwischen auch schon viele Freunde gefunden.

An diesem Vormittag sitzen die beiden zusammen mit fünf anderen Jungen am Tisch der Lehrküche. Diätassistentin Anne Kmetec will mit ihnen zusammen eine Kuchenschlange dekorieren. „Den Teig habe ich schon gestern Abend abgebacken – für diese Gruppe einen ganz normalen. Nachmittags, wenn die Mädchen zur Schulung kommen, wird es auch glutenfreie Muffins geben. Denn einige unserer kleinen Diabetiker haben parallel auch noch eine Glutenunverträglichkeit“, erzählt sie.

Mehrmals täglich  wird der Blutzucker gemessen.
Mehrmals täglich wird der Blutzucker gemessen. Foto: Klinikum Karlsburg

Die Jungs kneten unterdessen hingebungsvoll das Fondant, aus dem einmal die „Haut“ der Schlange werden soll. Mit dem Nudelholz wird die weiche Zuckermasse ausgewalzt, die dann möglichst lückenlos den Rührteig überziehen soll. „Meine Mutter nimmt sowas auch manchmal zum Backen“, sagt Collin fachmännisch. Tim wagt sich unterdessen daran, Kopf und Schwanz des Tieres zuzuschneiden. Andere formen aus Fondantresten Augen und Zunge oder spießen Fruchtgummis auf Zahnstocher, mit denen die Schlange zum Schluss dekoriert wird.

In anderen Schulungen lernen die Kinder auch, wie sie ihre Brotdose gesund füllen und was sie essen dürfen, ohne dass dadurch ihr Blutzuckerspiegel beeinflusst wird. Das sei „alles, was keine Kohlenhydrate enthält“, erklärt Anne Kmetec – ein Wiener Würstchen dürfe also auch mal heimlich verputzt werden, ohne dass die Eltern etwas davon erfahren müssten. Grundsätzlich aber sollten Diabetiker immer den Überblick behalten über das, was sie essen und trinken. „Sie dürfen Süßes oder zum Beispiel auch mal bei McDonalds essen – wichtig ist nur, dass sie wissen, wie viele Broteinheiten sie zu sich nehmen und dann entsprechend spritzen“, erklärt die Diätassistentin. Für den bunt garnierten Schlangenkuchen hat sie das anhand der Zutaten bereits ausgerechnet: „Wird er in 36 Stücke unterteilt, entspricht jedes vier Broteinheiten.“

Etwa ab dem zwölften Lebensjahr beherrschen Kinder es ganz allein, aufgrund solcher Informationen und anhand ihrer aktuellen Blutzuckerwerte zu errechnen, wie viel Insulin sie vor der nächsten Mahlzeit brauchen, weiß Kinderärztin Dr. Antonia Müller. Kleinere bräuchten dazu noch die Hilfe der Eltern – oder hier in Karlsburg die der Betreuer. Ein Ferienlager sind die Sommerkurse nicht, betont die Medizinerin – auch wenn Sport und Spiel an jedem der zwölf Tage auf dem Programm stehen. Wie bei einem „richtigen“ Krankenhausaufenthalt beginne jeder Tag mit einer Visite. Und auch Gesundheitschecks durch diverse Fachärzte sowie Schulungen müssen die Kinder absolvieren. Sie werden von medizinischen Fachgesellschaften ausdrücklich im Abstand von mindestens zwei Jahren empfohlen. „Aber gerade Kinder machen oft schon binnen eines Jahres einen enormen Schub“, weiß die Medizinerin. Deshalb sei es sehr gut, dass sehr viele der kleinen Diabetiker in jedem Sommer wieder nach Karlsburg kämen.

Dr. Antonia Müller  mit einer kleinen Patientin
Dr. Antonia Müller mit einer kleinen Patientin Foto: Klinikum Karlsburg
 

Caroline Unger macht das sogar noch als 28-Jährige. Mit zwölf hat sie zum ersten Mal einen Teil ihrer Sommerferien in Karlsburg verbracht. Inzwischen ist sie aus Vorpommern nach Hamburg gezogen, arbeitet im benachbarten Pinnberg – doch zu den Sommerkursen kommt sie gern wieder, um hier als Helferin zu arbeiten.

„Alle elf Helfer in diesem Kurs sind ehemalige Ferienkinder – und selbst Typ-I-Diabetiker“, erklärt Erzieher Manfred Kohs. Weil sie genau wüssten, wie die Kinder fühlen und mit welchen Problemen sie sich herumschlagen müssen, hätten sie einen besonders guten Draht zu ihnen. Aber auch die festangestellten Mitarbeiter des Karlsburger Klinikums lieben ihre Ferienkinder. Denn dass junge Diabetiker einen Teil ihrer Sommerferien im Diabeteszentrum verbringen, hat schon seit 1978 Tradition.

Auch Manfred Kohs ist bereits seit DDR-Zeiten mit dabei. Noch immer kämen die meisten der kleinen Diabetiker aus den neuen Bundesländern in die nach Altersgruppen gestaffelten Ferienkurse, hat er beobachtet. „Aber wir haben inzwischen hier selbst aus Bayern Ferienkinder“, weiß Dr. Antonia Müller. Am Nachmittag machen sie sich dann alle gemeinsam über die bunte Kuchenschlange her. Und wie bei gesunden Kindern versucht auch hier jeder, das größte Stück zu ergattern…

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen