Flüchtlingskinder in Kitas : Der Tag, an dem es Lotkohl gibt

Von Anfang an mittendrin:  Flüchtlingskinder in der Rostocker Kita „Am Wäldchen“
Von Anfang an mittendrin: Flüchtlingskinder in der Rostocker Kita „Am Wäldchen“

Noch findet man in Kindertagesstätten selten Flüchtlingskinder – ein Beispiel aus Rostock-Toitenwinkel zeigt, wie unkompliziert ihre Integration gelingen kann

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03. September 2015, 08:00 Uhr

Zwei lackschwarze Schöpfe beugen sich neugierig über das Zelt, in dem es sich einige Kinder bequem gemacht haben. Allzu verlockend wirkt die Enge darin aber offenbar nicht: „Komm, wir machen lieber Picknick“, meint der jüngere der beiden Brüder, greift nach einer Decke und winkt einem blonden Mädchen auf der Schaukel nebenan, ihm zu folgen.

Eine ganz normale Szene an einem ganz normalen Schultag im Hort der Rostocker Kindertagesstätte „Am Wäldchen“. Ganz normal – und doch ungewohnt. Denn die beiden schwarzhaarigen Jungen leben noch nicht lange in Rostock. Zusammen mit ihren Eltern sind sie aus Serbien geflohen. Seit wenigen Monaten hat die Familie eine Wohnung im Stadtteil Toitenwinkel, seitdem gehen die sieben- und achtjährigen Brüder hier in die Schule und in den Hort.

Das Sozialamt habe damals angefragt, ob sie im Hort freie Kapazitäten für zwei Flüchtlingskinder hätten, erinnert sich Kita-Leiterin Grit Zarmsdorf. Viel erfahren hätten sie über die Familie seither nicht. Einmal seien die Eltern zusammen mit einem Dolmetscher in der Kita gewesen, um die Anmeldeformalitäten zu erledigen. Jetzt kämen Mutter oder Vater zwar täglich, um ihre Söhne am Nachmittag abzuholen – „aber sie sprechen kein Deutsch, wenn ich sie etwas fragen möchte, müssen die Jungs übersetzen“, erzählt Bärbel Adolph, die Horterzieherin der beiden. Die Kinder seien sehr aufgeweckt und pfiffig und hätten sich die neue Sprache schon sehr gut angenommen. Der Jüngere wäre zwar noch etwas zurückhaltend, der Ältere aber könne schon auf Deutsch fluchen wie Gleichaltrige, die hier aufgewachsen sind, erzählt sie schmunzelnd. „Er ist ein echter Draufgänger.“

In der kommenden Woche wird es ein Elterngespräch mit einem Dolmetscher geben – „vielleicht erfahren wir dann etwas mehr über den Hintergrund der Familie und wenn sie davon erzählen wollen auch über ihre Flucht“, hofft die Kita-Leiterin.

Bis dahin sind Grit Zarmsdorf und Bärbel Adolph besonders vorsichtig: Keine Namen, keine Fotos, auf denen die Gesichter der Kinder zu erkennen sind, bitten sie – „aus einem Bauchgefühl heraus“. Denn Anfragen oder gar Kritiken von Eltern hat es noch keine gegeben, seit die beiden Flüchtlingskinder die Einrichtung besuchen, betonen die Erzieherinnen. „Obwohl es sich bestimmt längst herumgesprochen hat: Hortkinder erzählen zu Hause ja viel mehr als die Kleinen aus dem Kindergarten oder der Krippe, also haben sie bestimmt auch von den beiden Neuen erzählt“, ist Grit Zarmsdorf sicher.

Das Viertel rings um die Kita der evangelischen Stadtmission gilt als nicht unproblematisch: „Für 85 Prozent der Kinder bezahlt das Sozialamt die Kita-Plätze“, erzählt die Leiterin. Es gebe unter den Eltern viele Arbeitslose, viele Alleinerziehende – und unter den Kindern viele, die besonderen Förderbedarf hätten. Dennoch hätten ihr Eltern schon mehrfach gesagt, wie gut sie das Wandbild im Flur der Kindertagesstätte finden. Dort steht in 19 Sprachen „Herzlich Willkommen“ – aus gutem Grund: 25 Mädchen und Jungen in der Einrichtung mit insgesamt 206 Plätzen haben einen Migrationshintergrund. Das sei für die 25 pädagogischen Mitarbeiter und sechs Servicekräfte eine Herausforderung – aber eine, der sie sich gern stellten, betont Grit Zarmsdorf. Spanien, Litauen, Armenien, Polen, Russland und jetzt auch Serbien zählt sie als Herkunftsländer der Eltern auf. Gut möglich, dass bald noch weitere dazukommen: „In Krippe und Kindergarten haben wir noch einige freie Plätze – wenn die Anfrage käme, weitere Flüchtlingskinder aufzunehmen, wären wir dazu bereit“, betont sie.

Von den 4370 Asylbewerbern, die in der ersten Hälfte dieses Jahres nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen sind, waren nach Angaben des Innenministeriums 30 Prozent Kinder und Jugendliche. Bei insgesamt für dieses Jahr prognostizierten 16 300 Asylsuchenden, die unser Land aufnehmen wird, wären es also etwa 5000 Minderjährige, für deren Betreuung in Kindertagesstätten und (beruflichen) Schulen gesorgt werden muss.

„Da kommt noch etwas auf uns zu“, sagt auch Erdmuthe Großer-Bald, Ressortleiterin Kindertageseinrichtungen bei der Rostocker Stadtmission. Kommunen und Land müssten hier dringend nach Lösungen suchen, die Träger könnten das nicht leisten. Von den neun Kitas der Stadtmission – sieben in der Stadt und zwei im Landkreis Rostock – hätte nur „Am Wäldchen“ momentan noch freie Restplätze, in anderen Einrichtungen dagegen gebe es bereits Wartelisten. Dennoch würden in Lütten Klein, in Evershagen und in Kühlungsborn Flüchtlingskinder regulär in Einrichtungen betreut – einige anfangs mit befristeten Ausnahmegenehmigungen. Zudem kümmere sich die Stadtmission um Kinder, die in den Asylbewerberheimen in Bad Doberan und Rostock leben.

Sie können in aller Regel kein Wort Deutsch. Auch in der Kita „Am Wäldchen“ gebe es immer mal wieder solche Kinder, erzählt Grit Zarmsdorf. Ein Problem sei das nicht: Einige der Erzieherinnen hätten früher im – mittlerweile aufgelösten – Sprachheilkindergarten im selben Haus gearbeitet, die anderen wegen des integrativen Ansatzes der Einrichtung Erfahrungen im Sprach- und Sprechunterricht. „Wichtig ist nur, dass die Eltern verstehen, dass sie mit den Kindern zu Hause nicht gebrochen deutsch, sondern in ihrer Muttersprache sprechen sollen“, erläutert Grit Zarmsdorf. Sonst würden die Kinder genauso falsch sprechen.

Richtiges Deutsch lernten die Kleinen in der Kita. Die Erzieherinnen würden dabei bewusst einfache Wörter und kurze Sätze benutzen – und vor allem ständig wiederholen. Die wichtigsten Sprachlehrer seien allerdings die anderen Kita-Kinder: „Sie sind ja den ganzen Tag zusammen, zeigen, geben, nehmen – und verbessern“, erzählt Grit Zarmsdorf und schildert eine typische Szene, die sie vor Kurzem belauscht hat: Eines der noch nicht so gut deutsch sprechenden Kinder sagte „Oh, heute gibt es Lotkohl.“ Sofort hätte der kleine Max reagiert und gesagt: „Guck mir mal auf den Mund. Das heißt Rrrotkohl.“

Willkommen in MV

Zahlreiche Initiativen, Projekte und auch Privatpersonen  im Land haben ein gemeinsames Ziel:   Den Menschen, die aus ihrer Heimat  geflohen sind, den Start in Mecklenburg-Vorpommern  zu erleichtern und sie dabei zu unterstützen. Einige Beispiele:

Schwerin Mehrmals täglich bringen Leute Kleidung, Spielzeug oder Haushaltsartikel  zur Erstaufnahmeeinrichtung in Stern Buchholz, berichtet deren Leiter Heiko Stroth vom Malteser Hilfswerk. Aber nicht nur Sachspenden werden angeboten. So hätten sich auch bereits viele  Schweriner gemeldet, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. „Ich habe schon eine Liste mit 20 Namen“, so Stroth.

Neubrandenburg Seit Februar läuft  unter  dem Motto „Ein Quadratkilometer Bildung“ ein Modellprojekt, das den  Augenmerk auf die Integration von Flüchtlingskindern  legt. So wurde etwa  ein „Willkommensbuch“ entwickelt, mit dem   sich die jungen Flüchtlinge in der neuen Heimat schneller zurechtfinden können.

Parchim Das Projekt „Gemeinsam in Parchim“ hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Zusammenleben von Einheimischen und Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Ziel ist, dass Migranten und Einheimische aufeinander zugehen, voneinander lernen und miteinander aktiv werden.

Goldberg Das Amt Goldberg-Mildenitz   sammelt Spenden,  um   für die dort lebenden Flüchtlinge  Sachen des täglichen Bedarfs  kaufen zu können.

Dömitz Mit einem Willkommensfest in der Gemeinde Malliß (Amt Dömitz-Malliß) hießen Einwohner  syrische Asylbewerber willkommen. Um den Flüchtlingen den Start in ihre neue Heimat zu erleichtern, überraschten die  Teilnehmer sie mit einem Kuchen. Der wurde nach einem syrischen Rezept gebacken.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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