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Ausreden an Universitäten : Der Tag, an dem die Katze ins Ölfass fiel

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kein Internet in New York, ein überfallartiger Besuch der Mutter oder Omas 80. – „Vollhorsts“, denen die Ausreden ausgehen, finden hier viele Anregungen

svz.de von
erstellt am 04.Jan.2015 | 08:59 Uhr

Zum Tag, an dem die Katze ins Ölfass fiel, ist nur wenig überliefert. Vielleicht war es ein besonders kalter Tag, an dem man nicht einmal einen Hund, geschweige denn eine Katze vor die Tür schicken wollte. Vielleicht folgte dieser Tag auch auf einen Abend, an dem jemand im wahrsten Sinne ein Fass – allerdings eher ein Bier- als ein Ölfass – aufgemacht hatte. Auf jeden Fall war es ein Tag, an dem eine Professorin in Kassel ihre Sprechstunde abhielt und dort auf einen bestimmten Studenten wartete. Doch der entschuldigte sich kurzfristig per Mail: „Sehr geehrte Frau…, leider können wir in Ihre Sprechstunde nicht kommen, da unsere Katze in ein Ölfass gefallen ist.“

Für Katja Koch ist das ein Highlight in der Kommunikation zwischen Studenten und Hochschullehrern. In ihrem gerade erschienenen Buch „Studi@mails“ hat es der kreative Absender deshalb bis in den Untertitel – „Wie die Katze in ein Ölfass und der Student doch noch zur Vorlesung kommt!“ – geschafft.

Seit 2008 ist Katja Koch Inhaberin des Lehrstuhls für Frühe Sonderpädagogische Entwicklungsförderung an der Rostocker Universität – und beruflich zur Vielmailerei gezwungen, wie sie sagt. Vieles, was sie in ihrem Postfach findet, seien ganz sachliche Informationen, aber vieles auch einfach erfrischend. „Einer meiner Studenten schrieb mir zum Beispiel: ,…Da ich heute Geburtstag habe und meine Mutter mich mit ihrem Besuch überrascht hat, kann ich an der heutigen Veranstaltung nicht teilnehmen. Ich glaube, es wäre gescheiter mir Ihren Unmut zuzuziehen, als den meiner Mutter! :)‘“ Sie habe beim Lesen Tränen gelacht, erzählt die Professorin.

Als sie während einer Gastdozentur in Usbekistan „etwas mehr Zeit zum Nachdenken hatte als zu Hause“, kam ihr die Idee, besondere Kostbarkeiten aus ihrem Mailpostfach zu veröffentlichen. Und weil sie sich gut vorstellen konnte, dass auch Professorinnen und Professoren an anderen Universitäten und Hochschulen unter den Mails ihrer Studenten so manches Schmankerl finden, schrieb sie kurzerhand – nach einer zufälligen Internetrecherche – zuerst zehn und nach deren positivem Echo schließlich 300 Lehrstuhlinhaber in der ganzen Bundesrepublik an. „Erst mal bekam ich ganz viele Abwesenheitsmails“, erinnert sich Koch, die meint, daraus allein hätte man auch schon ein Büchlein fertigen können. 30 bis 40 ihrer Professoren-Kollegen hätten aber nicht nur persönlich geantwortet, sondern auch jede Menge anonymisierte Studenten-Mails weitergeleitet. „Vielleicht ein Drittel von dem, was ich zusammenbekam, hat es schließlich ins Buch geschafft“, so Koch. Und zwar unbearbeitet – das heißt nicht nur in oft blumiger Weitschweifigkeit oder gestelzter Unbeholfenheit, sondern auch mit allen Rechtschreibfehlern. Und von denen gibt es nicht wenige. Auch der eine oder andere Kraftausdruck wird eins zu eins im Buch wiedergegeben.

„Für Studierende scheint es beim Mailen keinerlei Konventionen zu geben“, hat die Professorin festgestellt. Und nicht nur für sie: Beim Versuch, das Ganze wissenschaftlich zu untersuchen, stieß die Rostockerin darauf, dass in den – überhaupt nur sehr wenigen – Publikationen zum Thema tatsächlich keinerlei Umgangsformen für den elektronischen Postverkehr definiert sind.

Doch auch wenn es keinen Mailknigge gibt, erwartet Katja Koch von denjenigen, die ihr schreiben, zumindest ein gewisses Maß von Umgangsformen – und eine gewisse höfliche Distanz. Der Absender der folgenden Mail hat also noch einiges zu lernen: „Halli Hallo Frau…, leider kann ich am heutigen Seminar (15.15 Uhr) nicht teilnehmen. Ich bitte dies zu entschuldigen. Genießen Sie heut diesen schönen verschneiten Tag. Liebste Grüße…“

Manchem würde es schon helfen, vor dem Absenden noch einmal das Geschriebene zu lesen – zum Beispiel dem Absender dieser Mail: „…leider muss ich ihnen mitteilen, dass ich mein Versprechen nicht einhalten kann und ihr morgiges Seminar nich besuchen werde. ich liege krank im Bett und kuriere meine Krippe aus.“

Auch die Kontrolle des Empfängernamens empfiehlt sich. Die folgende Mail, die ebenfalls Aufnahme in Katja Kochs Buch fand, ist nämlich statt bei den Kommilitonen bei der Professorin gelandet: „Hey Leute alles klar? Ich wollte euch um einen gefallen bitten. Ich habe morgen während unseres Seminars eine praktische Prüfung in Sport. Da ich schon zwei Fehltermine habe, hieße es, dass ich keinen Schein bekommen würde. Ich wäre euch sehr verbunden wenn ihr mich in die Liste eintragen könntet. Falls nicht verstehe ich es auch. Aber wenn einer so nett ist kann er mir vielleicht kurz ok zurückschreiben damit ich bescheid weiß. Ich wäre dem jenigen sehr verbunden!“

An ihrer Fakultät sei die Teilnahme an Vorlesungen nicht Pflicht, wohl aber die an Seminaren, erklärt Katja Koch. Konsens sei, dass ein Studierender sich zwei Fehlsitzungen erlauben darf – aber dreimal zu fehlen sei wirklich einmal zu viel. Da nütze auch die kreativste Begründung für das Fernbleiben nichts mehr – Beispiele dafür kennt die Professorin indes massenhaft. „…ich habe mich eingesperrt zu Hause aus Versehen, ich muss jetzt auf meine Mutter mit dem Schlüssel warten, es tut mit leid! Entschuldigung“, erklärte beispielsweise ein Student, warum er nicht am Seminar teilnehmen kann.

Sie schreibe in solchen Fällen zurück, dass das jetzt wirklich ein netter Versuch gewesen sei, erzählt Katja Koch. Aber durchgehen ließe sie ihren Studis das Fehlen dennoch nicht – erst recht dann nicht, wenn sie eigentlich mit einem Referat an der Reihe gewesen wären. Denn: „Lehrveranstaltungen funktionieren nur im gegenseitigen Geben und Nehmen.“

Trotzdem möchte Katja Koch nicht den Eindruck erwecken, dass sie die Studierenden in ihrem Buch vorführt oder gar an den Pranger stellt. „Ich will niemandem auf den Schlips treten“, betont die Autorin. „Denn ich habe wirklich Spaß an der Arbeit mit den Studis – volle Kanne!“ Die schlagfertigen Kommentare, mit denen sie die in sechs Kapiteln zusammengefassten Mails versieht, verraten, was sie eigentlich mit dem Büchlein vorhat: „Für Studierende ist dieses Buch eine Ideenwerkstatt, für Dozierende hat es hohen Wiedererkennungswert.“

Sie selbst habe die Arbeit an dem Buch zum Anlass genommen, ihr eigenes Mailverhalten unter die Lupe zu nehmen. Wer ihr schreibe, bekomme immer Antwort, versichert Katja Koch. Aber sie würde nicht mehr jede Mail, die abends um elf in ihr Postfach fällt, noch sofort beantworten. „Es ist ein Trugschluss zu denken, dass man dann morgens weniger zu tun hat – denn dann ist früh um halb acht schon die Entgegnung da, oder eine Nachfrage.“ Es gebe auch Probleme, die sich in einem persönlichen Gespräch besser als in vielen Mails klären ließen, das würde sie dann auch so schreiben. Und manchmal, sagt Katja Koch ganz ehrlich, breche sie einen Endlos-Mailwechsel mit einem ihrer Studenten auch mit dem Hinweis ab: „Ich bin beschäftigt, Sie müssen mich nicht beschäftigen.“

Einige Auszüge aus den Mails der Studenten:

„…ich möchte  mich  nur  erkundigen,  wann Sie  etwa  mit  der  Kontrolle  meiner  Masterarbeit  fertig  werden? Meine Oma  wünscht  sich  nämlich  zu  ihrem 80.  Geburtstag (11. 08. 2013)  mein Abschlusszeugnis. Ich hoffe, sie  trotz  der  nötigen Bearbeitungszeit,  vielleicht  doch noch  überraschen zu  können…“

„…anbei  meine Bachelorarbeit  im  pdf.-Format. Hoffentlich macht  Ihnen  das  Lesen  ähnlich  viel  Freude  wie  mir  das  Schreiben  der  Arbeit…“

„Ich entschuldige  meine  verspätete  Abgabe  meiner  Hausarbeit, aber  ich  befinde mich  derzeit  noch  in  New  York  und  hatte  keinen  Zugang   zum Internet!“

„…Hiermit  möchte  ich  mich  vom morgigen  Seminar  Mensch  oder Affe  entschuldigen. Ich  wurde  als Trauzeuge  zu  einer  Hochzeit  eingeladen…“

„…leider  konnte  ich  heute  nicht  zu  Ihrem Seminar  kommen. meine Tochter  ist krank. Mit  einer  eitrigen  Angina  ist  es  wohl  besser, nicht  in die Vorlesung  zu  gehen…“


„Hallo  Frau…,

entschuldigen Sie meine  späte  Antwort,  aber  ich  kam  leider  erst   jetzt  dazu, meinen Email-Account  zu  kontrollieren! Ich  war  in  den letzten beiden Wochen  im  Urlaub –  ein  wenig  Erholung  muss sein!  Bereits  am Dienstag  werde  ich  in die  Türkei  für   8  tage  verreisen, so  dass ich  auch  Mitte  März  nicht  zur  Verfügung  stehe! Entspannung,  Entspannung,  Entspannung :) Ich  wünsche  Ihnen eine   erholsame  Zeit! 
Liebe  Grüße…“


Sehr geehrte  Frau…,

ich bin  ein  Vollhorst.  Anders  ist  nicht  zu  erklären, wie ich  denken  konnte, die Kurse  würden erst  am  Donnerstag (im  Sommersemester !?!)  beginnen –  deswegen  war  ich nicht bei den  Einführungssitzungen Ihrer  Kurse  diese  Woche. Dabei   habe  ich…  und  …  gelesen. Argh. Best  wishes“


„…anbei  meine Bachelorarbeit  im  pdf.-Format. Hoffentlich macht  Ihnen  das  Lesen  ähnlich  viel  Freude  wie  mir  das  Schreiben  der  Arbeit…“

* Die zum Teil fehlerhafte Schreibweise entspricht der in den Originalmails.

 

 

 

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