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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 10:21 Uhr

Der Stotterdrache bleibt für immer

vom

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2012 | 09:39 Uhr

Neubrandenburg/ Stralsund. | Ein Ritter ist eingesperrt in einem Plastikturm am Rande einer Plastikfestung. Er ist dort einsam und allein. Obendrein hat er keinerlei Möglichkeit zu entkommen, wenn der vierjährige Ben ihm nicht hilft. Unter dem Hochbett im sechsten Stock eines Neubrandenburger Plattenbaus schweigen die Plastikritter, wenn sie ihren ewigen Kampf zwischen Gut und Böse austragen, wenn sie die Seiten dabei verwechseln, wenn sie sich gegen den Drachen verbünden, der sich irgendwann einmischt. Stumm war der böse, nein der gute Ritter vor seinem Angreifer in den Kerkerturm geflohen und hat sich versehentlich dort eingesperrt. Er ist das Stocken in der Sprache, das man wegsperren kann. "Aber guck mal hier, das Dach kann man abnehmen", verkündet Benjamin, greift in die Spielwelt ein und hilft dem sprachlosen Gefangenen. Der Vierjährige lässt seine Ritter schweigen, damit sie nicht stottern. Bis vor einigen Monaten war er selbst in Therapie, erfolgreich.

Benjamin hatte vor einem Jahr eine sogenannte Redeflussstörung. Er hat gestottert, so stark, dass er keinen Satz mehr herausbekam. Das Schlimmste an der Störung war, dass der Junge sie selbst bemerkt hat. "Mama, warum kann ich nicht mmmm... nicht mmm... n... mmm...", sagte er und wollte fragen, warum er nicht mehr sprechen kann. Dann weinte er, wie seine Mutter heute erzählt.

Sie waren beim Kinderarzt und haben eine Überweisung zum Logopäden bekommen. "Die Verbesserung ging schnell", erklärt sie. Bei den Sitzungen hat er spielerisch Entspannungstechniken gelernt und Selbstgefühl trainiert. Das Stottern sperrte er damit in einen Turm, aus dem es nur noch herauskommt, wenn Benjamin sehr gestresst ist. Im morgendlichen Zeitdruck vor der Kita atmet er manchmal durch, wie die Therapeutin es ihm gezeigt hat. Von sich aus und allein.

Auch bei Erwachsenen ist echtes Stottern niemals zu besiegen. Man könne die Symptome lindern durch Desensibilisierung, doch eine völlige Genesung sei nicht machbar, wie Gesine Vehof, die Landesvorsitzende des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie, erklärt. In ihren Therapien versucht sie Erwachsenen Möglichkeiten an die Hand zu geben, mit dem Stottern umzugehen. "Die Angst vor dem Stottern, dem sprachlichen Versagen und die Angst vor dem Spott der anderen ist das Schlimmste an der Störung", sagt Vehof, die Menschen mit Sprach- und Sprechstörungen seit sechs Jahren zur Seite steht. Das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit fürs Stottern sei in den vergangenen fünfzig Jahren in Deutschland gestiegen. "Deshalb kann man nicht sagen, dass wir heute mehr Stotterer haben als früher, wir bemerken sie nur eher", erklärt die Logopädin. In einer älter werdenden Gesellschaft müssen auch Sprachtherapeuten häufiger Senioren behandeln. Nach Schlaganfällen gehört das Stottern zu den typischen Folgesymptomen, "die natürlich selten zu den schwerwiegendsten Problemen zählen." Dennoch finden immer mehr ältere Menschen ihren Weg zu den Logopäden, wie die Stralsunderin ergänzt.

Nach einer Studie der Barmer ist jedes vierte Kind im Vorschulalter sprachauffällig, also nicht auf dem Stand, auf dem es sein sollte. Viele stottern, haben Sprach- und Verständnisprobleme. "Wer das bei seinem Kind bemerkt, sollte mit dem Kinderarzt darüber sprechen", meint die Verbandsvorsitzende. Die Behandlung des Stotterns fällt in die Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenversicherung. "Wenn man privat versichert ist, sollte man prüfen, ob die Versorgung mit Heilmitteln vereinbart ist. Dann könnte der Arzt eine Heilmittelverordnung ausstellen", erläutert ein Sprecher der Bundesvereinigung der Stotterer-Selbsthilfe in Köln. Die Wartezeiten vor dem ersten Gespräch in einer Praxis betragen in Mecklenburg-Vorpommern derzeit aber zwei bis vier Wochen. "Eine Sternberger Kollegin hat sechzig Leute auf der Warteliste und in Rostock sieht die Situation ähnlich aus. Allein in Schwerin kommen die Patienten schneller ran", berichtet Vehof. Wer einen Logopäden für sich oder sein Kind sucht, der sollte darauf achten, dass der Therapeut wirklich eine Spezialausbildung fürs Stottern hat. Im Großen und Ganzen gibt es zwei mögliche Therapieformen für Stotterer. Zum einen die direkte Stottertherapie mittels Desensibilisierung, bei der Techniken für flüssigeres Stottern erlernt werden. Und zum anderen der indirektere ganzheitliche Ansatz, bei dem zum Beispiel Atemtechniken und Sprachmelodien trainiert werden. Typisch für viele Stotterer ist, dass die Aussetzer beim Sprechen mal kommen und mal gehen. Es wird in der Regel besonders schlimm, wenn der Betroffene unter Spannung steht, Stress oder Angst hat. "Für Angehörige ist deshalb eine wichtige Regel, ruhig und geduldig bleiben", erläutert Gesine Vehof. Das Ergänzen der unvollendeten Sätze ist falsch und verleidet den Stotterern die letzte Lust am Mitteilen. Das gilt insbesondere bei Kindern.

Benjamins Mutter ist alleinerziehend und froh, einen unkomplizierten Sohn zu haben. "Er stellt sich leicht auf neue Situationen ein, hat seit der dritten Woche durchgeschlafen. Er beschäftigt sich gut, wenn ich Dinge erledige", sagt die 35-Jährige, die zwei Jobs hat. Die Veranlagung zum Stottern ist erb lich. Bens Vater und sein Onkel haben als Kinder stark gestottert. Hinzu kommt oft ein Auslöser: Hier ist die Ursache aber noch unklar, sagt die Wahl-Neubrandenburgerin.

Der Junge sitzt unter seinem Hochbett und spielt mit einer Plastikburg. Auf einer Kommode dudelt das Hörspiel "König der Löwen". Der Drache mischt sich gerade ein, sodass sich Gut und Böse verbünden. Ben will Pirat werden, wenn er groß ist. Er hat schon ein Schwert. Ob er es mal zeigen soll, fragt er stotterfrei. Nicht nötig. Aber warum mischt sich der Drache hier überhaupt ein? "Das macht der so", sagt Ben leise und vielleicht ist sein Stottern nicht der eingesperrte Ritter, sondern der rote Drache, der von oben heranfliegt, der sich nicht um Gut und Böse schert und mit dem man sich irgendwann arrangieren kann.

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