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Neubrandenburg : Der SS-Sanitäter aus Auschwitz

vom

95-Jähriger in Neubrandenburg wegen Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen angeklagt. Befangenheitsanträge gegen Vorsitzenden Richter

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erstellt am 12.Sep.2016 | 20:45 Uhr

Der Angeklagte wird in einem Rollstuhl in Saal 10 des Neubrandenburger Justizzentrums gefahren. Die vielen Fotografen und Kameraleute haben sich bereits vor den Tischen postiert, an denen Hubert Z., sein Sohn und die drei Verteidiger Platz nehmen. Der alte Mann senkt den Kopf, umschließt mit beiden Händen einen Gehstock. Er ist jetzt 95 Jahre alt. Es ist bereits der vierte Anlauf in dem Prozess. Kurz vor Beginn der Verhandlung war der frühere SS-Sanitäter noch einmal amtsärztlich untersucht worden. Am Saaleingang sitzen sicherheitshalber zwei Rettungssanitäter. Griffbereit auf ihrem Metallkoffer liegt ein Blutdruckmessgerät.

Dem früheren SS-Sanitäter aus der Nähe von Neubrandenburg wird Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen vorgeworfen. Hubert Z. war zwischen August und September 1944 als Angehöriger der SS-Sanitätsstaffel im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau abkommandiert. 14 Deportationszüge rollten in diesem Zeitraum in das Vernichtungslager. Staatsanwalt Torsten Kopf nennt bei der Verlesung der Anklage für jeden Transport den Tag der Ankunft und die Anzahl der getöteten Menschen: „Zug aus Mauthausen, Ankunft 22. 8. 1944, 94 Menschen  in das Lager aufgenommen. 759 deportierte Menschen aus dem Zug wurden nach der Selektion in den Gaskammern ermordet.“ So geht es minutenlang weiter. Zug aus Triest: 58 Menschen  ermordet. Zug aus Westerbork: mindestens 408 Menschen durch Lagerarzt Mengele in den Gaskammern getötet. Es war der Transport, mit dem auch  Anne Frank und ihre Familie in Auschwitz ankamen.

Hubert Z. verfolgt die Aufzählung über die massenhaften Tötungen nahezu regungslos. „Auschwitz wurde zum Zentrum der Judenvernichtung in Europa“, sagt der Staatsanwalt. Eine Million Menschen seien in dem Lager vergast, erschossen, vergiftet und durch  gnadenlose Arbeitsbedingungen getötet worden. „Die Toten aus den Gaskammern mussten mit Axtschlägen getrennt werden, so hatten sich Körper verkrampft und verhakt“, schildert Kopf die grausamen Vorgänge.

Und Hubert Z. hat nach Auffassung des Staatsanwaltes gewusst, dass die Juden vernichtet werden sollten. „Er hatte erkannt, dass die Leute in die Gaskammern gefahren wurden.“ Etwa 650 Meter von den Krematorien entfernt habe der SS-Mann gearbeitet. „Er hat die Flammen und die Asche gesehen und er hat den Geruch von verbranntem Fleisch wahrgenommen“, sagt Kopf. Durch seinen Dienst als SS-Sanitäter hat Hubert Z. nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft das Lagergeschehen und damit den industriellen Massenmord an den Juden unterstützt. Er habe sich in die Organisation eingefügt und die Vernichtung von Leben damit befördert.

Hubert Z. schweigt. Der Prozesstag am Montagvormittag ist in erster Linie geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen Staatsanwaltschaft sowie Nebenklägern und dem Vorsitzenden Richter Klaus Kabisch. Die Vertreter der Anklage und Opferanwalt Thomas Walther, der einen 87 Jahre alten Holocaustüberlebenden vertritt,  werfen dem Vorsitzenden der Schwurgerichtskammer vor, „nicht neutral und nicht unparteiisch zu sein“ und stellen Befangenheitsanträge gegen ihn. Der Richter verfolge  parteilich die Interessen des Angeklagten und beziehe Position für ihn, kritisiert Rechtsanwalt Walther. Er habe gesetzliche Informationspflichten verletzt und die Rechte der Nebenkläger beschnitten. Ein faires Verfahren  erscheine unter Vorsitz von Richter Kabisch unmöglich, findet der Anwalt. Kabisch widme einer angeblichen Verhandlungsunfähigkeit des 95 Jahre alten  Angeklagten zu große Bedeutung, erklärt Nebenklage-Anwalt Walther. Nach der Verlesung der Anklage war ein medizinischer Sachverständiger, der den Angeklagten 2015 genauer untersucht hatte, vom Richter befragt worden. Der Experte bescheinigt dem 95-Jährigen ein „leichtgradiges dementielles Syndrom“, er sei „eingeschränkt verhandlungsfähig“. Die Befragung des Gutachters wird vom Gericht nach zwei Stunden allerdings abgebrochen, da Hubert Z. den Ausführungen nicht mehr folgen kann. „Er ist kaum noch ansprechbar und in sich zusammengesunken“, erklärt Verteidiger Peter-Michael Diestel. Die Rettungssanitäter stellen einen erhöhten  Blutdruck fest: 160/90.  Nach einer kurzen Unterbrechung geht es weiter. Die Staatsanwaltschaft trägt ihren Befangenheitsantrag gegen den Richter vor. Nach 45 Minuten meldet sich Hubert Z. zu Wort: „Ich bin am Ende. Ich kann mir das nicht mehr anhören.“ Richter Kabisch beendet den Verhandlungstag.

Wann der Prozess fortgesetzt wird, ist wegen der Befangenheitsanträge noch unklar.

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