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Neubrandenburger Auschwitz-Prozess : Der SS-Mann und der Jude: Zwei Leben nach Auschwitz

vom
Aus der Onlineredaktion

Zäh zieht sich der Neubrandenburger Auschwitz-Prozess hin. In den vergangenen Monaten ging es vor allem um Befindlichkeiten und Krankheiten des früheren SS-Mannes und KZ-Sanitäters Hubert Z. Nun spricht ein Betroffener, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden. Walter Plywaski überlebte die Hölle.

svz.de von
erstellt am 04.Jul.2017 | 05:00 Uhr

„Niemand wusste, was rechts oder links bedeutete. Ich wusste, es bestand Todesgefahr.“ Walter Plywaski ist auch nach mehr als 70 Jahren die Trauer anzumerken. Er hat die Szenen, die letzten Minuten vor Augen, in denen er seine Mutter Regina Plywaski sah.

Das Opfer: Walter Plywaski wurde 1944 ins KZ Auschwitz deportiert, wo seine Mutter vergast  wurde.
Das Opfer: Walter Plywaski wurde 1944 ins KZ Auschwitz deportiert, wo seine Mutter vergast wurde. Foto: Foto: Per Hinrichs

 Die Familie war auf offenen Güterwaggons mit dem Zug aus dem Getto Lodz angekommen. Unmittelbar nach der Ankunft an der Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz begann die Selektion. Mit der Trennung der Familien. „Frauen links, Männer rechts“, so hieß es damals, sagt Plywaski. Der damals 15-Jährige konnte am 15. August 1944 nicht wissen, dass die Kommandos der Lagerärzte und SS-Wachmänner über Tod und Leben entschieden. Links bedeutete die Gaskammer für Frauen, Kinder und Greise. Auch für seine Mutter, die erst 39 Jahre alt war, als sie ermordet wurde. Rechts bedeutete Arbeitsfähigkeit und Hoffnung. Für Jugendliche wie er und seinen Bruder William sowie seinen Vater Maksymiljan (Maks) Jozef Plywaski.

„Ich bin nicht hingelaufen, um auf Wiedersehen zu sagen. Alle Frauen, die in dieser Reihe standen, sind tot.“ Schweigen. Es ist Walter Plywaski anzumerken, dass es ihm schwerfällt, die richtigen Worte zu finden. Er sitzt im Wintergarten seines Hauses in Boulder im US-Staat Colorado. Verschiedene Leiden setzen dem 87-Jährigen zu. Wenn er sich die Tränen aus dem Auge wischt, macht sich sein Tremor bemerkbar. Die Hand zittert heftig. Weil sein Gleichgewichtssinn im Ohr geschädigt ist, kann er sich nur vorsichtig bewegen.


Angeklagter war Teil des Vernichtungsgeschehens


Aber Plywaski will sprechen. Er will reden über den Tod seiner Mutter und seiner Tante Felicja Fajertag, die am gleichen Tag vergast wurden. Er spricht über den Tod seines Vaters Maks, der Anfang Januar 1945 im KZ Riederloh bei Kaufbeuren erschlagen wurde. Interviewt wird er von Thomas Walther, seinem Anwalt. Walther vertritt Plywaski im Neubrandenburger Auschwitz-Verfahren. Zusammen mit seinem Bruder William (85 Jahre) hat er sich der Klage der Staatsanwaltschaft Schwerin gegen Hubert Z. angeschlossen.

Der heute 96-Jährige diente im KZ Auschwitz in der SS-Sanitätsstaffel: von Oktober 1943 bis Januar 1944 sowie vom 15. August 1944 – dem Todestag von Plywaskis Mutter – bis zum 14. September 1944. Für den letzten Zeitraum wurde Z. von der Schweriner Staatsanwaltschaft angeklagt – wegen der Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen. 14 Züge aus Gettos in ganz Europa kamen in diesen vier Wochen mit Juden, Sinti und Roma in Auschwitz an: „Frauen links, Männer rechts.“

Der mutmaßliche Täter: Hubert Z. war 1943 und 1944 als SS-Sanitäter in Auschwitz eingesetzt.
Der mutmaßliche Täter: Hubert Z. war 1943 und 1944 als SS-Sanitäter in Auschwitz eingesetzt. Foto: stefan sauer

 Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Z. als Sanitätsdienstgrad und Angehöriger der SS-Sanitätsstaffel das „arbeitsteilige Lagergeschehen als Ganzes unterstützt“ habe. „Er wusste, dass er durch seine Tätigkeiten das auf Arbeitsteilung beruhende Vernichtungsgeschehen förderte.“ Ein „Vernichtungsgeschehen“, durch das auch die jüdische Familie Plywaski teilweise ausgelöscht wurde.

Die Anklage wurde im Februar 2015 erhoben. Ein Jahr später gab es den ersten Verhandlungstermin. Nur drei weitere folgten. Bislang ging es allein um die Verhandlungsfähigkeit von Z. – um seine Krankheiten, insbesondere seinen Blutdruck, und seine Befindlichkeiten. Plötzlich schien sich der mutmaßliche Täter, auch dank seines Verteidigers Peter-Michael Diestel, zum Opfer zu wandeln. Über die wahren Opfer von Auschwitz wurde noch nicht einmal ansatzweise gesprochen.

Plywaski spricht. Über Tod und Leid, über Hunger und Gewalt, über Solidarität und Schuld. Insgesamt mehr als sechs Stunden lang an drei Tagen. Plywaski gehe es nicht um Rache, sagt Per Hinrichs, Chefreporter der „Welt“, der Walther Anfang April auf seiner Reise nach Boulder begleitete: „Walter Plywaski will zeigen, dass jeder, der in Auschwitz auf der Seite der SS stand, Schuld auf sich geladen hat. Er will, dass seine ermordete Familie nicht vergessen wird. Und er will am Ende seines Lebens Antworten haben. Er will wissen, warum Hubert Z. mitmachte.“


Das Getto war für Walter Plywaski schlimmer als das KZ


Walter Plywaski wurde am 10. August 1929 in Lodz geboren. Seine Eltern führten eine Apotheke. Zuletzt besuchte er ein Gymnasium, das im Oktober 1939 geschlossen wurde. Am 10. Dezember 1939 befahlen die Nazis die Einrichtung des Gettos Lodz (Litzmannstadt). Bis zu 180  000 Juden zwängten sich auf etwa vier Quadratkilometern. Später kamen Tausende Sinti und Roma hinzu. Die Häuser waren marode. Lodz war nach Warschau das zweitgrößte Getto in den deutschen Besatzungsgebieten. Hunger, Krankheiten, Gewalt beherrschten den Alltag. Für Plywaski, damals noch ein Kind, war das Getto schlimmer als die Lager. „Mütter sahen zu, wie ihre Kinder verhungerten. Männer sahen zu, wie ihre Frauen verhungerten. Im Lager waren die Familien getrennt. Da sah man das nicht so.“ Sein Cousin William erlebte 1941, wie seine Mutter starb. Die Familie fand ihn neben der toten Mutter in der letzten Bleibe sitzend. William wurde von den Plywaskis adoptiert. Er und Walter waren jetzt Brüder.

Vom 16. Januar 1942 bis zum 29. August 1944 wurden von Lodz aus 150  000 Juden in die Vernichtungslager Kulmhof und Auschwitz transportiert. Einer der letzten Züge ist der, mit dem Familie Plywaski deportiert wurde. Am 15. August kam sie in Auschwitz an. Wenige Tage zuvor war Walter 15 Jahre alt geworden. Schon vier Jahre hatte er nicht mehr die Schule besuchen dürfen.

Walter Plywaski schluckt. „Für heute ist es genug“, sagt er nach gut einer Stunde konzentrierter Befragung. Die Anstrengung ist ihm anzusehen. Einen Tag später steckt er sich zu Beginn des Gesprächs eine Zigarette an. Ab und an gönnt er sich das Vergnügen. Zwei, drei Züge nur, dann verschmort der Rest. Er erzählt weiter: Walter und William Plywaski kamen zusammen mit ihrem Vater für zwei Wochen in den Quarantäne-Block von Auschwitz-Birkenau, danach in eine der Lagerbaracken. Die Brüder hörten von dem Gerücht, wonach eine Baracke existiere, in der es extra Essen für Zwillinge gebe. „Ob das jetzt clever oder dumm war, Bill und ich gaben vor, Zwillinge zu sein. Und wir wurden in die Baracken von Mengele gebracht“, sagt Plywaski.

Josef Mengele war 1943 bis Anfang 1945 der Lagerarzt von Auschwitz. Er war berühmt-berüchtigt. Mengele leitete nicht nur die Selektionen an der Rampe und in den Kranken-Baracken. Er überwachte auch die Vergasungen und führte medizinische Experimente an den Häftlingen durch, eben auch Zwillingsforschungen. Viele der Kinder überlebten Mengeles Experimente nicht. Einige sollen getötet worden sein, um sie zu sezieren. Mehrere Hundert Zwillingspärchen hat Mengele für seine „medizinischen Untersuchungen“ missbraucht.

Rettung vor Mengeles Experimenten


Walter und William Plywaski hatten Glück im Unglück. Ein polnischer Gefangener, der als Kapo – als Hilfsarbeiter – im Block von Mengele tätig war, habe ihn zur Seite genommen. Dabei habe der Pole seine eigene Häftlingsnummer aus Angst vor Verrat verdeckt: „Du willst nicht wirklich hier sein. Es ist schrecklich hier. Wenn ich kann, werde ich dir helfen.“ Der unbekannte Mann half. Nach zwei Tagen waren die Brüder wieder raus aus der Mengele-Baracke. Gesehen hat Plywaski Mengele wohl nicht. Und Hubert Z.? In dem Häftlingskrankenbau, in dem er 1943 und 1944 tätig war, führten die SS-Ärzte Mengele, Bruno Kitt, Werner Rohde, Wilhelm König, Fritz Klein und Rudolf Horstmann ihre Selektionen durch. Mengele wurde nie belangt für seine Untaten in Auschwitz. Unbehelligt starb er 1979 in Brasilien.

Sechs Wochen lang war Walter Plywaski in Auschwitz-Birkenau. Gearbeitet hat er in der Zeit nicht. Es hieß nur immer: „Selektion, Selektion, Selektion.“ Die Entscheidung über Tod oder Leben. Die vielen, vielen Appelle wird er nie vergessen. Appelle, die in jedem Fall besser gewesen seien als Selektion. Und der kühle Herbst ist ihm noch in Erinnerung. „Es war kalt. Wir drängten uns zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen.“ Einmal, während eines Appells, sahen die Häftlinge hoch am Himmel amerikanische Flugzeuge. Sie waren auf dem Weg nach Auschwitz III, wo sie eine chemische Fabrik bombardierten. Im Lager Monowitz, sechs Kilometer vom Hauptlager entfernt, produzierte die IG Farben Kautschuk und Benzin. „Wir haben gerufen: Drop him down! Drop him down! Drop him down!“ Werft die Bombe hier ab! „Es war uns egal, ob wir dann tot sind“, sagt Plywaski.

Vater wurde vor den Augen des Sohns erschlagen


Um die entkräfteten Menschen aus den Baracken auf den Appellplatz zu treiben, wurden „die Leute geschlagen. Die ganze Zeit.“ Die Appelle dauerten oft sehr lange, erinnert sich Plywaski. Ein, zwei Stunden. In der Zeit mussten die Toten aus den Baracken geholt werden, damit die Zahl der Gefangenen stimmt und um Platz für neue Häftlinge zu schaffen.

Theoretisch hätten sich Walter Plywaski und Hubert Z. in diesen Wochen im KZ Auschwitz treffen können. Nach einer längeren Auszeit wegen einer Erkrankung an Fleckfieber kehrte Z., damals 23 Jahre alt, Ende März 1944 zurück ins KZ Auschwitz, wo er als Sanitäter im Stab der Kommandantur tätig war. Ab August 1944 war er dann wieder in der SS-Sanitätsdienststaffel in Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Am 26. September wurde Hubert Z. in das Nebenlager Neustadt/Prudnik versetzt, wo 400 weibliche KZ-Häftlinge in einer Weberei arbeiteten.

Einen Tag zuvor wurden Maks, Walter und William Plywaski auf offene Zugwaggons getrieben. Die Konzentrationslager Landsberg (Außenlager des KZ Dachau) und Riederloh waren die nächsten Stationen ihres Leidenswegs. Walter Plywaski arbeitete erst im Kartoffelkommando, dann schuftete er beim Bau einer Landebahn. In Riederloh war er „Läufer“ des Lagerchefs.

Sein Anwalt Thomas Walther fragt vorsichtig: „Möchten Sie auch über Ihren Vater sprechen?“ Plywaski schaut ihn mit wachen Augen an: „Ja. Ja und nein.“ Dann erinnert er sich an den Tag Anfang Januar 1945 im KZ Riederloh. Sein Vater galt bereits als „Muselmann“, als ein Häftling, der aufgrund seiner Schwäche nur noch wenige Tage zu leben hatte. „Das war auch meinem Vater bewusst.“

Als der Lagerkommandant, SS-Hauptscharführer Edmund Zdrojewski, Anfang Januar 1945 die Appellreihen abschritt, begann Maks Plywaski ihn anzuschreien. Auf Deutsch. Seinem Sohn haben sich die Schimpfwörter ins Gedächtnis gebrannt. „Sau“, „Arschloch“, „Du bist Scheiße!“, schreit er nun in Boulder über 72 Jahre danach. Zdrojewski griff sich einen Spaten und schlug auf den Kopf des Vaters ein. Immer und immer wieder. Walter Plywaski wollte ihm zu Hilfe eilen. Er rief dem Kommandanten zu: „Das ist mein Vater, bitte hören Sie auf.“ Zdrojewski hielt inne und sagte: „In Ordnung. Er hat genug.“

Ein oder zwei Tage später starb der Vater. Kurz vorher konnte Walter Plywaski ihn noch einmal sehen. „Er sagte mir Auf Wiedersehen.“ Und er habe ihn aufgefordert, auf sich und seinen Bruder aufzupassen. Eine „Mission“, die er erfüllt hat. Walter Plywaski ist sich sicher, dass sein Vater den Tod bewusst in Kauf genommen hat. Es war eine Form von Suizid. Sein Leben sollte am Ende nicht sinnlos sein. Er wollte noch einmal Widerstand gegen die verhassten Nazis leisten. Lagerkommandant Zdrojewski wurde 1948 von einem polnischen Gericht in Krakow zum Tode verurteilt und gehängt.

Das Leiden der Plywaski-Brüder war Anfang 1945 längst noch nicht zu Ende. Sie waren in mehreren Außenlagern des KZ Dachau in Bayern interniert: Burgau, Türkheim und in der Luftnachrichten-Kaserne Augsburg. Hier verdankten die Brüder Kapos, die wegen krimineller Delikte einsaßen, die eine oder andere zusätzliche Portion Suppe.

Todesangst erlitten sie auf dem Marsch von Türkheim in das Stammlager Dachau Anfang April. Es gab wenig zu essen, kaum zu trinken. Viele Häftlinge überlebten den Marsch nicht. Entkräftete KZ-Männer wurden von den SS-Wachmannschaften ins Wasser getrieben. Plywaski weiß von deutschen Dorfkindern zu berichten, die die SS-Leute anfeuerten, auf die Häftlinge zu schießen.

Während eines Luftangriffs der Alliierten Mitte April 1945 auf das KZ Dachau nahmen die Plywaski-Brüder all ihren Mut zusammen. Der Elektro-Zaun rund um das KZ war ausgefallen. Sie flohen. Nach einem knappen Monat stießen sie auf eine Patrouille der US-Armee. William und Walter Plywaski waren frei, nach fast sechs Jahren Getto und Konzentrationslager. Am Ende wog Walter gerade mal 40 Kilogramm.

Überlebender berichtet in Schulen über den Holocaust


Die Brüder hatten keine Familie und keine Heimat mehr. Sie gingen in die USA. Walter probierte sich in vielen Jobs aus, begann ein Studium der englischen Literatur, das er wieder abbrach. Schließlich studierte er Elektrotechnik, wurde Ingenieur. Plywaski heiratete, gründete eine Familie. Bis 1981 arbeitete er mehr als 20 Jahre als Ingenieur in dem staatlichen NOAA Labor von Boulder, das sich der Untersuchung der Ozeane und der Atmosphäre widmet. Schon vor seiner Pensionierung war er, solange er gesundheitlich auf dem Damm war, in Schulen unterwegs, um als Zeitzeuge über den Holocaust zu berichten. Ob er den Beteuerungen vieler Deutscher nach dem Krieg glaube, nichts von der Judenvernichtung und den Lagern gewusst zu haben? Plywaski sagt wie aus der Pistole geschossen: „Bullshit!“ – Schwachsinn. „Warum hat keiner etwas dagegen getan?“

Sein Anwalt Thomas Walther zieht ein nachdenkliches Fazit. Die Sichtweise von Plywaski auf das heutige Deutschland und die deutsche Justiz verdiene tiefen Respekt. Am Ende seines Berichts über fünf Jahre seiner Kindheit in den Vorhöfen der Hölle gehe er differenziert mit den Informationen über die zwei vergeudeten Jahre im Verfahren gegen Hubert Z. vor dem Landgericht in Neubrandenburg um – , „so, als ob er in seiner Kindheit nie die eigene Menschenwürde für fünf Jahre durch deutsche Hand verloren hätte“, sagt Walther.

Nur in den Augen von Walter Plywaski zeigen sich Tränen, als er sagt: „Nach Neubrandenburg reisen? – Nein. – Dazu reicht die Kraft nicht.“

 

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Der Autor ist Reporter des in Neubrandenburg erscheinenden „Nordkurier“
 

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