zur Navigation springen

Pannenautobahn A20 : Der späte Fluch von Sause-Krause

vom
Aus der Onlineredaktion

Einst sollte sie das Vorzeigeprojekt der neuen Bundesländer sein, inzwischen gilt die A20 als Pannenautobahn

von
erstellt am 10.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Da bröckelt sie dahin, „die Erfolgsgeschichte“ der neuen Bundesländer. Bis zu fünf Meter tief und etwa 40 Meter lang ist der Abgrund, der sich auf der A20 bei Tribsees auftut. Und er wird noch größer. Nur eine von vielen Problem-Zonen der erst zwölf Jahre alten Autobahn.

Die A20: 324 Kilometer lang. Vier Spuren breit. Zwei Milliarden Euro teuer. Der erste Autobahn-Bau nach der Wende und das damals längste Neubau-Projekt Deutschlands nach dem Krieg. Als „Eine Erfolgsgeschichte“, bezeichnete Günther Krause (CDU), früherer Bundesverkehrsminister, die Trasse noch 2015 im Interview. Dabei war damals schon längst klar, dass es sich wenn überhaupt um eine Gruselgeschichte handelte. Ohne Happy End.

Krause war es, der nach der Wende auf ein beschleunigtes Planungsverfahren bei dem Ausbau der Infrastruktur der ehemaligen DDR drang. Statt unbegrenzt lange hatten die Beamten nur noch vier Wochen Zeit, um sich zu Projekten zu äußern. Taten sie das nicht, galt das als Zustimmung. „Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz“ nannte sich das Wortungeheuer aus dem Krause-Ministerium, welches am 16. Dezember 1991 für zehn Bauprojekte der Deutschen Einheit glatt durch den Bundestag ging – und nur für die neuen Länder galt.

Zeitersparnis war das Ziel. Zeit, die die Pendler der A20 in ihren Autos inzwischen längst abgesessen haben dürften. Immer wieder rücken Bautrupps der Trasse zu Leibe. Mit Millionenaufwand müssen immer wieder kilometerlange Abschnitte erneuert werden. Vollsperrungen und Umleitungen sind die Folge.

Die Pannenserie begann schon kurz nach der Verkehrsfreigabe im Jahr 2005. Brüllbeton war das erste Ärgernis: Die durch den sogenannten Besenstrich quer angeraute Betonbahn nahe Schönberg führte zu extremer Lärmbelästigung. Nach nur wenigen Monaten musste sie mit einer Bitumendecke überzogen werden. Kurz darauf dann Hitzepickel. Baupfusch führte, wie auch in den Folgejahren, auf der Fahrbahn zu handtellergroßen Blasen, die kostenaufwändig beseitigt werden mussten.

Dabei sollte die Fahrbahndecke einer Autobahn im Normalfall etwa 20 Jahre halten, meint Christian Hieff, Pressesprecher des Automobilclubs. „Und da sind wir noch weit von entfernt.“ Bei Grimmen musste bereits nach sieben Jahren die Fahrbahn auf einer Länge von sieben Kilometern erneuert und eine Schwarzdecke aufgezogen werden. Der Abschnitt Grevesmühlen wurde nach zwölf Jahren ausgebessert. Der Grund hier: Im Asphalt hätten sich durch die übliche Nutzung kleine Risse gebildet.

 

Derzeit werden voraussichtlich bis Ende November auf einer Länge von 7,5 Kilometern die zweispurigen Fahrbahnen bei Jarmen in beiden Richtungen gefräst und die Binder- und Deckschicht erneuert. Der Fluch von Sause-Krause? „Ein Großteil der Bauarbeiten, die wir unternommen haben und unternehmen, sind völlig planmäßig“, teilte Renate Gundlach gestern auf unsere Anfrage mit. Die Pressesprecherin des Verkehrsministeriums führt den Verschleiß auf die Beanspruchung der Fahrbahn zurück. Und das bei weniger Verkehrsaufkommen, als erwartet.

Doch es gibt nicht nur Probleme bei der Bahnbeschaffenheit. Derzeit ist die von der A 14 aus Richtung Wismar kommende Verbindungsrampe zur A 20 wegen Umbauten voll gesperrt. Die Auffahrt war zu schmal konzipiert worden, wodurch es in der Vergangenheit immer wieder zu Unfällen kam.

 

Der Automobilclub kritisierte schon öfter, dass bei keiner anderen Autobahn im Norden so viele Probleme in so kurzer Zeit auftreten seien, wie bei der A20. Und jetzt rutschen ganze Straßenteile ins Bodenlose. Etwa 1000 Kubikmeter Erde sind laut Verkehrsministerium vor zwei Tagen einfach „versackt“. Zu den Ursachen des Erdrutsches will sich das Ministerium erst heute äußern. Der Sprecher des deutschen Autobahnplaners Deges, Michael Zarth, bekräftigte gestern, dass die Autobahn auf dem Stand der damaligen Technik und des Regelwerks gebaut worden sei.

Christian Hieff ist sich jedoch sicher: „Entweder gab es Schlampereien in der Umsetzung oder in der Planung.“ Der ADAC-Sprecher befürchtet, dass die Sanierung der Trasse viel Zeit kosten wird. „Wir müssen mit Monaten oder Jahren rechnen.“ Er geht schon jetzt davon aus, dass es spätestens bei der nächsten Reisewelle nach Rügen zu massiven Behinderungen kommen wird.

Doch warten, das sind die Pendler der A20 ja inzwischen gewohnt. Dem „Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz“ sei Dank.

 „Das müssen wir tapfer ertragen“

Der Bau der Autobahn war im Dezember 2005 nach elf Jahren Bauzeit abgeschlossen worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schnitt nahe des nun abgebrochenen Teilstücks das Band durch. Vor allem in Vorpommern haben sich Erwartungen an die Schnellbahn indes nicht wie gewünscht erfüllt. So hatten sich Regionalpolitiker und die Wirtschaft mit der Erschließung der Region entlang der Küstenautobahn eine Reihe von neuen Unternehmensansiedlungen versprochen – gebaut wurde deutlich weniger als gehofft. So glänzt beispielsweise das unmittelbar an der A 20 gelegene Großgewerbegebiet Pommerndreieck nahe Grimmen vor allem mit Leer. Nur wenige Firmen haben sich angesiedelt. Auch der Verkehr blieb hinter der Prognose zurück.

Indes nimmt die Zahl der Fahrzeuge an der jetzt wegen des abgesackten Autobahnabschnittes an der A20 eingerichteten Umleitungsstrecke deutlich zu. Anke Haß vom Amt Recknitz-Trebeltal in Bad Sülze berichtete von einer gefühlten Verfünffachung des Verkehrsaufkommens in den Ortschaften. Bad Sülze hat eine Umgehungsstraße und bekomme darum weniger mit. Das große Problem entstehe nun für die Fußgänger und Radfahrer, die in diesen Dörfern die Straße queren müssen. Für sie müssten dringend Ampeln aufgestellt werden, sagte Haß. Sie ist sich mit dem Vize-Bürgermeister von Sanitz, Ralf Höring, einig, dass sich an der Mehrbelastung für die Einwohner wenig machen lasse. „Was sollen wir dagegen tun? Das müssen wir tapfer ertragen“, sagte Höring. Der zusätzliche Verkehr bedeute mehr an Toleranz und an Zeit.

Ein Sprecher des Landkreises Rostock sagte, dass mit dem Landesstraßenbauamt Stralsund die Optimierung des Verkehrsflusses abgestimmt werde. Dazu sollen Ampelschaltungen entlang der Umleitungsstrecke angepasst werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen