Der soziale Jetlag

Die inneren Uhren ticken nicht immer gleich. Foto: Zapf/TK
Die inneren Uhren ticken nicht immer gleich. Foto: Zapf/TK

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02. November 2010, 06:51 Uhr

Wenn in der Nacht zu Sonntag die Sommerzeit endet, werden nicht nur Wecker, Kirchturm- und Wanduhren umgestellt. Auch an der inneren Uhr der Menschen wird wieder gedreht.
Eine „innere Uhr“ haben viele Lebewesen, wissen Chronobiologen wie Till Roenneberg.
Sie bestimmt, wann Pflanzen ihre Blätter auf- und zuklappen, ob einzellige Meeresalgen sich Richtung Meeresboden oder Wasseroberfläche bewegen oder wie und wann Menschen schlafen. Außerdem reguliert sie die Körpertemperatur und steuert Hormone. Sie legt fest, welche Tageszeiten jeder für Sport, Sex oder Mahlzeiten bevorzugt. Am stärksten wird dieser innere Rhythmus durch den Wechsel zwischen Hell und Dunkel. Allerdings steht die Innenzeit eines Menschen häufig in Spannung zur „sozialen“, von der Gesellschaft gemachten Zeit.
Roenneberg hält darum nicht viel von der Umstellung zwischen Winter- und Sommerzeit. „Viele intelligente Menschen halten die innere Uhr immer noch nicht für besonders wichtig“, kritisiert der Wissenschaftler, der in München am Institut für Medizinische Psychologie forscht. „In modernen Gesellschaften leben wir selten im Einklang mit unserer inneren Uhr. Einige von uns durchqueren auf Reisen in kürzester Zeit mehrere Zeitzonen, andere wiederum – etwa 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in industrialisierten Ländern – arbeiten nach Schichtplänen.“ Viele Menschen litten unter einer Art von „sozialem Jetlag“, so Roenneberg.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein drifteten Sonnen-, soziale und innere Zeit nicht so weit auseinander wie heute, argumentiert Roenneberg: „Mittag war, wenn die Sonne am höchsten stand.“ Doch dann wurde die Eisenbahn erfunden, und die Menschen überwanden in kurzer Zeit große Strecken. Die örtliche Sonnenzeit sei unpraktisch geworden: „Die Reisenden mussten an jedem Bahnhof ihre Uhr neu stellen.“ 1884 wurde die Welt in 24 Zeitzonen eingeteilt.

Fließband- und Schichtarbeit machte den natürlichen Rhythmen vollends den Garaus. Diese sind jedem Menschen angeboren: Langschläfer, sogenannte Eulen, gehen gerne spät ins Bett. Müssen sie unter der Woche früh raus, holen sie am Wochenende den versäumten Schlaf nach. Die Sonne hoch oben am Himmel stört sie dabei nicht. Dagegen leiden die Frühaufsteher, die „Lerchen“, wenn es am Wochenende abends mal spät wird. Das Ausschlafen bleibt ihnen versagt, weil sie auch dann früh wach werden. „Diese Zeittypen, die wir Chronotypen nennen, werden in vielen Kulturen und Sprachen nach verschiedenen Vögeln benannt, nämlich ,frühen’ und ,späten’ Vögeln“, weiß Roenneberg.

Das Alter verändert allerdings die Schlafgewohnheiten: Kleine Kinder werden meist morgens früh wach, ältere finden abends nicht ins Bett. Die Fähigkeit, lange wach zu bleiben, erreicht um das 20. Lebensjahr ihren Höhepunkt. Roenneberg bezeichnet deshalb die Disco als „notwendige Nische“: „Wenn die Innenzeit von Menschen dieses Alters so spät ist, dass sie vor den frühen Morgenstunden nicht einschlafen können, wo sollten sie dann hingehen, um niemanden zu stören?“

Die Forschung beginne erst langsam, die möglichen schädlichen Folgen eines Lebens gegen die innere Uhr zu verstehen, gibt der Chronobiologe zu bedenken. „Wenn wir gemäß unserer Innenzeit schlafen könnten, wären wir tagsüber weniger müde und besser gelaunt, würden bessere Leistungen erbringen und würden seltener krank.“ Er plädiert deshalb für flexiblere Arbeitszeiten – und einen späteren Schulanfang.

Till Roenneberg: „Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben“, DuMont Buchverlag, ISBN: 3832195203, Köln 2010

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