Der schwimmende Klimawandel

Der Stechlinsee besticht durch seine Klarheit und seine idyllische Lage. Er ist beliebtes Ausflugsziel und Forschungslabor zugleich.
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Der Stechlinsee besticht durch seine Klarheit und seine idyllische Lage. Er ist beliebtes Ausflugsziel und Forschungslabor zugleich.

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08. Juni 2012, 04:36 Uhr

Stechlin | Hier könnte die Welt aufhören. Einfach so. Schluss. Aus. Finito. Wäre die Welt hier wirklich zu Ende, dann präsentierte sie sich von ihrer Schokoladenseite. "Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefasst, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren." Poetisch fasst Theodor Fontane in seinem Roman "Der Stechlin" in Worte, was nur eines Wortes bedarf: Idylle.

Und wirklich: Der Große Stechlinsee ist einer der schönsten Seen Deutschlands. Mit ein bisschen Fantasie lässt sich der Verlauf seiner Uferlinie als Kreuz deuten. Wer einmal drumherum wandern möchte, ist 16 Kilometer unterwegs.

Aber der Stechlin ist noch etwas anderes: Er ist der "Lebendigste See des Jahres 2012" und der größte Klarwassersee Norddeutschlands. An seiner tiefsten Stelle misst er 69,5 Meter. Bis zu zehn Meter tief kann man schauen. Das ist der Stechlin. Er hat sich also das literarische Denkmal, das Theodor Fontane ihm mit seinem Roman setzte, wahrlich verdient.

Ein Atomkraftwerk in der Idylle

Seit 30 Jahren arbeitet Peter Casper am Stechlin. Der promovierte Mikrobiologe erforscht, wie Organismen durch die Beschaffenheit des Wassers beeinflusst werden und anders herum auf die Qualität des Wassers wirken. Aber es war ein Atomkraftwerk, das Casper an den See führte.

1966 ging der erste deutsche Meiler ans Netz - in Rheinsberg am Stechlinsee. Ausgerechnet die Idylle gab den Ausschlag für den Standort. "Die Gegend ist dünn besiedelt. Mehr als 96 Prozent des Ufers sind bewaldet", sagt Peter Casper. Für die Kühlung des Meilers wurde sauberes Wasser benötigt. Dieses Kriterium erfüllte der Stechlin voll und ganz. Zudem ist der See ein geschlossenes System. Im Fall einer Havarie wäre das radioaktiv verseuchte Wasser nicht über ein großes Gebiet verteilt worden.

Um die ökologischen Auswirkungen des AKWs auf das Gewässer zu untersuchen, beschloss die DDR-Regierung, eine Forschungsstelle aufzubauen. Es ging darum, physikalische, chemische und biologische Parameter im See zu messen. Wie verändert sich die Wassertemperatur, die Trübung, der Nährstoffgehalt unter dem Einfluss des Atommeilers? Vermehren sich Algen? "Der wissenschaftliche Beirat hatte erkannt, dass die Temperaturerhöhung Folgen für den See hat", erklärt Casper.

Fast 300 Millionen Liter wurden jeden Tag aus dem benachbarten Nehmitzsee entnommen, durch den Meiler gepumpt und flossen dann zurück in den Stechlin. Das Wasser des Sees wurde so nicht, wie unter normalen Umständen, alle 50 Jahre ausgetauscht, sondern jedes Jahr. Zudem wurde es um zehn Grad wärmer zurückgeleitet. 20 Jahre war der See diesen Strapazen ausgesetzt. Das führte im Laufe der Zeit dazu, dass sich die Wassertemperatur durchschnittlich um ein Grad erhöhte. Nur noch selten war der Stechlin mit Eis bedeckt, die Wasserqualität verschlechterte sich. "Aber obwohl er viel wegstecken musste, ist er immer noch auf Topniveau", sagt Casper.

Heute drängelt sich nur noch der alte Schlot ins Pano rama. Mehr steht vom AKW Rheinsberg nicht. Peter Casper und seine Kollegen sind geblieben. Mittlerweile wird unter dem Dach des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei geforscht. Zudem haben hier das Umweltbundesamt und der Deutsche Wetterdienst Forschungsstätten aufgebaut.

Wenn Peter Casper ins Labor will, muss er das Boot nehmen. Der Biologe startet den Außenborder. Keine zwei Minuten tuckert der alte Kahn über den See. Nur mit Ausnahmegenehmigungen dürfen überhaupt Motorboote hier fahren. Nichts soll das sensible Ökosystem stören. Casper macht das Boot fest. Mitten auf dem Stechlin schwimmt ein wackliger Plastiksteg, dazwischen liegen Aluminiumringe. Hier wird nichts weniger versucht, als den Klimawandel zu simulieren.

Das Seelabor ist ein Fenster in die Zukunft. Peter Casper und seine Kollegen wollen herausfinden, wie der Stechlin und die darin lebenden Organismen auf den Klimawandel reagieren.

In 24 Versuchsbecken können die Forscher Bedingungen wie die Wassertemperatur verändern. Dafür greifen sie auf die Daten zurück, die über Jahrzehnte am und im See gesammelt wurden.

Ein Sprung ins Jahr 2050

In den Becken, so genannten Enclosuren, wird das warme Oberflächenwasser durch Umschichtung in die Tiefe geleitet. Ungefähr drei Wochen läuft dieser Prozess. Dann, so die Annahme, hat in den Becken ein Sprung in das Jahr 2050 stattgefunden. Die Organismen beginnen damit, sich an ihre neue, wärmere Umgebung anzupassen - so wie es im Zuge des Klimawandels wohl stattfinden wird.

Die Cyanobakterien zum Beispiel, besser bekannt als Blaualgen, stehen am Anfang der Nahrungskette und sind daher wichtig, sagt der Mikrobiologe. Was aber passiert mit ihnen, wenn der Klimawandel fortschreitet und die Temperatur im See steigt? "Wir müssen mit mehr Blaualgen rechnen", sagt Casper.

Klingt zunächst einmal nicht schlimm. Aber: Einige Cyanobakterien könnten Toxine bilden. Diese Giftstoffe können für den Menschen gefährlich werden, die betroffenen Seen müssten gesperrt werden. Deshalb ist der Ruf der Blaualge auch nicht der beste. Eine Entwicklung, von der der Stechlin bisher verschont bleibt.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Steigen die Temperaturen, steigen auch die Aktivitäten von Cyanobakterien und Algen. Sie treiben Blüten, die den Badespaß trüben. 20 Jahre soll das Seelabor auf dem Stechlin bleiben. Die Ergebnisse der Großexperimente können in das Gewässermanagement einfließen, sagt Peter Casper.

Doch das letzte Wort soll Fontane haben: "Der alte Stechlin ist gestorben, das Schloss am See steht leer. Es ist nicht nötig, dass die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin."


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