25 Jahre Mauerfall : Der Schatz vom Dachboden

Rainer  Lehmann hat   in  jahrelanger  Arbeit 1800 Leserbriefe  aus  acht   Tageszeitungen  der  DDR-Nordbezirke  für  sein  Buchprojekt  ausgewertet.   Das   medienhaus:nord  wird  die  ersten  beiden  Bände    nach  ihrem Erscheinen  im April  präsentieren.
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Rainer Lehmann hat in jahrelanger Arbeit 1800 Leserbriefe aus acht Tageszeitungen der DDR-Nordbezirke für sein Buchprojekt ausgewertet. Das medienhaus:nord wird die ersten beiden Bände nach ihrem Erscheinen im April präsentieren.

Rainer Lehmann hat für ein einmaliges Buchprojekt Leserbriefe aus der Wendezeit analysiert und die Absender um eine Stellungnahme aus heutiger Sicht gebeten

svz.de von
17. März 2014, 21:28 Uhr

Jahrelang hat Rainer Lehmann auf diesen Moment hingearbeitet. Nun hält er endlich die Druckfahnen für die ersten beiden Bände seines Buches in den Händen. Ein weiterer soll noch folgen.

„Momente deutscher Unschuld“ hat Lehmann, der in Stralendorf bei Schwerin zu Hause ist, sein Projekt genannt. Der Stoff dafür fiel ihm eher zufällig in die Hände. 2007 hatte der Diplom-Betriebswirt zwei Herzinfarkte. Als er nach der Reha wieder nach Hause kam, entrümpelte er auf Anraten seiner Ärzte nicht nur sinnbildlich sein Leben, sondern auch tatsächlich seinen Dachboden – und stieß dabei auf Stapel alter Tageszeitungen. Es dauerte einen Moment, bis ihm dämmerte, warum sie dort lagen: „1989/90, also genau über die Wende, war ich in der Sowjetunion an der Trasse. Nachrichten über das, was sich zu Hause gerade tat, erreichten uns dort – wenn überhaupt – immer erst Tage später. Meine Frau hatte deshalb die ,Schweriner Volkszeitung‘ und die ,Norddeutsche Zeitung‘ für mich aufgehoben, damit ich nachlesen konnte, was passiert war.“

Nach seiner Rückkehr gerieten die Zeitungsstapel jedoch erst einmal in Vergessenheit. Als er sie fast 18 Jahre später wiederentdeckte, war Rainer Lehmann aber schnell klar, welchen Schatz er in Händen hielt – weniger wegen der Nachrichten, sondern vielmehr wegen der Leserzuschriften aus der Wendezeit, die damals mehrmals pro Woche ganze Zeitungsseiten füllten. In sie fraß sich Lehmann regelrecht hinein, entdeckte nicht nur Vielschreiber, deren Namen immer wieder vorkamen, sondern auch bestimmte Mechanismen. „In den ersten Wendemonaten folgte auf eine kritische Zuschrift immer eine ganze Flut vermeintlicher Richtigstellungen.“ So hatte ein Leser darüber geschrieben, dass er in Lübeck die hiesige Tageszeitung verkauft und reißenden Absatz gefunden hätte. Kurz darauf meldete sich „sein Kollektiv“ zu Wort: Das sei doch ein Devisenvergehen und also scharf zu verurteilen.

Überhaupt – Kollektive: Was Lehmann besonders an den Leserzuschriften aus dem Wendejahr faszinierte, war die enorme Veränderung der Sprache : „Anfangs wirkte sie fast hölzern, uniformiert. Und es wurde sich meist rückversichert. ,Wir sind der Meinung…‘, war da zu lesen, ,Das ist nicht nur meine Meinung‘ oder ,…auch im Namen meines Kollektives…‘. Erst im Laufe der Monate wurde dann aus dem zaghaften Wir ein selbstbewusstes Ich.“

Und: Im Laufe der Monate änderten sich auch die Themen, mit denen sich die Leserbriefschreiber beschäftigten. „Bis Dezember/Januar standen Bürgerrechte im Vordergrund“, stellte Lehmann fest. „Dann wandelte sich das plötzlich und die Forderung nach einer deutschen Wiedervereinigung wurde zum dominierenden Thema. Nach der Volkskammerwahl im März schließlich nahmen plötzlich Sorgen um die Zukunft einen immer größeren Raum ein: Waren verschwanden aus den Regalen, mit den ersten volkseigenen Betrieben gingen Arbeitsplätze unter, Agrarbetriebe verloren ihre Absatzmärkte… Und zu alldem kam die immer drängender werdende Frage, was die bisherige Lebensleistung wohl künftig noch wert sein würde…“

Je tiefer sich Lehmann in die Zeitungen hereinlas, umso mehr nahmen ihn die Geschichte und die Geschichten gefangen. Schon bald reifte die Idee nachzuforschen, wie es den Leserbriefschreibern von einst ergangen war, wie sie mit knapp 20 Jahren Abstand das sahen, worüber sie in der Wende geschrieben hatten. Im Idealfall sollten alles in ein Buch münden – allerdings ahnte der gebürtige Schweriner damals noch nicht, welche Menge von Informationen er darin unterbringen müsste.

Das war auch dem Umstand geschuldet, dass er nach etwa einem Jahr seine Recherchen auch auf die anderen Tageszeitungen ausweitete, die zur Wende in den damaligen drei Nordbezirken erschienen: die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“, die „Ostseezeitung“, die „Freie Erde“, den „Demokrat“ , die „Kirchenzeitung“ und den „Mecklenburger Aufbruch“ las er in der Landesbibliothek. „Diese Zeitungen, vor allem der ,Aufbruch‘, hatten ja eine ganz andere Leserschaft – und deshalb auch ganz andere Leserbriefe.“ Dazu kam, dass einzelne Blätter ein und dasselbe Thema ganz unterschiedlich aufbereiteten – für Lehmann das beste Beispiel war die Diskussion über die Landeshauptstadtfrage.

Zu mehr als 1800 Leserbriefen, die zwischen Oktober 1989 und 3. Oktober 1990 erschienen, versuchte er schließlich, die Autoren zu ermitteln – vor allem über Internetrecherchen. Relativ einfach war das bei Briefen, die mit genauer Absenderangabe gedruckt worden waren. Doch in einigen Zeitungen erschien lediglich der Name des Schreibers. War das auch noch eine Frau, verlor sich die Spur – begünstigt durch Hochzeiten oder Scheidungen und damit einhergehenden Namensänderungen – oft sehr schnell im Dunkeln. Letztlich gelang es Lehmann aber, zu mehr als 400 Leserbriefschreibern von einst den Kontakt herzustellen. Sie leben – sofern sie nicht bereits verstorben sind – heute über die ganze Bundesrepublik verstreut, selbst in den USA spürte er einen mecklenburgischen Zeitzeugen der Wende auf.

Die meisten reagierten aufgeschlossen auf seine Bitte, sich noch einmal zu äußern – „nur wenige weigerten sich oder gaben vor, den Brief seinerzeit gar nicht verfasst zu haben“, so Lehmann. Die Reaktionen waren zwischen wenige Zeilen und 99 Seiten lang. Wichtig ist ihm, dass sie einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt abbilden, Rentner und Arbeiter schrieben ebenso zurück wie einstige Parteifunktionäre und heutige Politiker, Wissenschaftler, Lehrer, Angestellte, Künstler… Einige wie der Bürgerrechtler Heiko Lietz wurden zu echten Freunden, mit einer Reihe der einstigen Leserbriefschreiber korrespondiert der Autor bis heute.

Dabei geht es auch und immer wieder um sein Buchprojekt. Anfangs hatte Lehmann vor, jeden Leserbrief aus der Wende zusammen mit der heutigen Sicht darauf zu veröffentlichen. „Aber das hätte den Lesefluss und vor allem auch die inhaltliche und zeitliche Zuordnung von Ereignissen erschwert“, ist er mittlerweile überzeugt. Jetzt hat Lehmann sich entschieden, in den ersten beiden Bänden nur die historischen Briefe abzudrucken, eingeordnet durch ein Personen- und ein historisches Ereignisregister. Im dritten Band, der zumindest auf dem Computer ebenfalls schon fertig ist, werden dann die nachträglichen Reflektionen auf die Wendebriefe und -ereignisse zusammengefasst. Wann auch dieser Teil gedruckt wird, steht noch nicht fest. Die ersten beiden Bände sollen auf jeden Fall am 15. April im Mecklenburger Buchverlag erscheinen. Zumindest dann hofft Rainer Lehmann auch auf öffentliches Interesse für sein Projekt. Denn zwar war er 2010 von einem „seiner“ Leserbriefschreiber für den deutschen Einheitspreis vorgeschlagen worden. Seine Bitte um Unterstützung an die Landespolitik aber verhallte bislang ungehört.

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