zur Navigation springen

Archäologen sichern Schwerins Erbe : Der Schatz im Märchenschloss

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Archäologen sichern Schwerins Erbe / Den „Fund des Jahres“ machten sie im Schlosshof: ein über tausendjähriger Burgwall

Sacht nimmt Restauratorin Claudia Köhler eine geflügelte Pfeilspitze zur Hand. Rost macht das winzige Waffenstück bröselig. Auf mindestens eintausend Jahre schätzen die Archäologen das unscheinbare Eisenteil. Vermutlich gehörte es einst zu einem Brandpfeil, den Angreifer entfachten und auf die slawische Wasserburg auf der Insel eines Sees im Herzen Mecklenburgs schossen, meint Landesarchäologe Detlef Jantzen. In jedem Fall sei die kleine korrodierte Spitze Teil einer wissenschaftlichen Sensation. „Das ist der Fund des Jahres, wirklich einmalig und von besonderer historischer Bedeutung“, so der Chefarchäologe.

Beim Bau eines Versorgungskanals durch den Innenhof des Schweriner „Märchenschlosses“ stießen die Bodendenkmalpfleger jetzt auf einen bisher unbekannten, wesentlich älteren Burgwall aus dem Jahr 965 n. Chr., wie Jantzen erklärt. Bisher gingen die Historiker davon aus, dass Schwerin und sein Schloss auf das Jahr 1018 zurückgehen. Auf diese Zeit war der früher entdeckte, größere Burgwall in einer Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg datiert worden. Schriftlich belegt ist auch, dass Obotriten-Fürst Niklot selbst seinen Besitz 1160 niederbrannte, als sich der christliche Sachsen-Herzog Heinrich der Löwe näherte. Dieser besetzte schließlich die Insel mit der Burg und gründete die Stadt Schwerin. Unklar bis heute aber sei, wann genau im See nun die ersten festen Gebäude errichtet worden waren, hieß es.

Der Antwort auf diese Frage könnte die Wissenschaft nun mit der neuesten Entdeckung des kleineren, älteren Burgwalls aus Eichenhölzern, die metertief unter den bisher bekannten Wallanlagen gefunden wurden, ein Stück näher kommen, meinen die Experten. Immerhin handele es sich bei der Ausgrabung um das älteste Bauwerk Schwerins, erklärt ein Sprecher des Landtags.  Der Fund im Schlosshof der Landeshauptstadt könnte die weit mehr als tausendjährige Funktion des Ortes als Herrschaftszentrum bekräftigen, betont Detlef Jantzen. „Eine echte Überraschung, ein Pfund, mit dem Schwerin bei der Bewerbung um Aufnahme seines Residenzensembles in die Welterbe-Liste der Unesco wuchern kann“, sagt er. Die historisch wertvollen Hölzer des alten Burgwalls von 965 sowie sämtliche umliegende Alltags- und Kriegsgegenstände aus Eisen, Glas, Keramik oder Knochen sollen in den kommenden Monaten geborgen und restauriert werden.  

Höchste Zeit wird es aber auch für jene archäologischen Schätze, die vor Jahren und Jahrzehnten aus dem Untergrund im gesamten Nordosten ausgegraben und größtenteils nur notdürftig in teils feuchten Bunkern und Lagerhallen wild übereinander gestapelt aufbewahrt wurden, wie Jantzen betont. 2015 solle die Misere zumindest ein vorübergehendes Ende finden. Ungeeignete Depots wurden auch 2014 wieder Stück für Stück geräumt und die Funde vorerst in einem akzeptableren, wenn auch weiterhin nur provisorischen Lager in Schwerin-Süd untergebracht. Die letzten der vormals übers ganze Bundesland verstreuten Notdepots sollen Mitte 2015 aufgelöst sein, wie Jantzen hofft.

Gerade umgezogen sei das sogenannte Klima-Depot mit speziell zu lagernden sensiblen Funden aus Leder, Glas, Bernstein oder Metall. Beim Putzen solcher Alt-Funde legte Restauratorin Claudia Köhler jetzt unverhofft auch ein Paar mit Silber beschlagene, mehr als tausend Jahre alte Steigbügel eines unbekannten Reiters frei. Die Eisenteile, die vorher nur wie „rostige Klumpen“ aussahen, waren vor sieben Jahren bei Neustrelitz ausgegraben und dann notdürftig im Keller von Schloss Wiligrad in Lübstorf am Schweriner See abgelegt worden, erzählt Jantzen. Erst die professionelle Reinigung brachte nun den eigentlichen Schatz zutage.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen