Thüringens Ministerpräsident : Der rote Bodo

Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen betritt Bodo Ramelow den Landtag in Erfurt . Kurze Zeit später wird er zum ersten Ministerpräsidenten der Partei Die Linke gewählt.
Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen betritt Bodo Ramelow den Landtag in Erfurt . Kurze Zeit später wird er zum ersten Ministerpräsidenten der Partei Die Linke gewählt.

Ramelow in der Rolle des ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei – Doch wer ist dieser Mann?

svz.de von
05. Dezember 2014, 22:08 Uhr

Bodo Ramelow atmet tief durch. Schulterklopfen, Gratulationen – geschafft! Der 58-Jährige ist jetzt Deutschlands erster Ministerpräsident der Linkspartei. „Versöhnen statt spalten“ wolle er, sagt Ramelow in seiner kurzen Ansprache nach der Vereidigung und leiht sich damit die Worte von Johannes Rau.

Ramelow, eine schillernde
Persönlichkeit: Karl-Marx-Fan mit geschulter Gewerkschafter-Rhetorik, Sozialist und dennoch Pragmatiker, gestandener Parteipolitiker mit Erfahrung auch in der Bundespolitik, West-Import, gläubiger Christ, Tierfreund und Herrchen eines Jack-Russell-Terriers namens „Attila“. Ramelow zieht jetzt in die thüringische Staatskanzlei in Erfurt ein, die Krönung seiner politischen Laufbahn.

Doch wer ist dieser Mann? Was treibt ihn an? Für die einen ist er ein „Wolf im Schafspelz“, Reizfigur und Hassobjekt, für die anderen Hoffnungsträger, verkappter Sozialdemokrat und Wegbereiter einer möglichen rot-rot-grünen Koalition im Bund. „Sollte jemand unsere Koalition als Signal für irgendetwas sehen, mag er das gerne tun. Ich beteilige mich nicht an solchen Debatten“, hatte Ramelow kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt.

Manchmal gibt der gelernte Einzelhandelskaufmann den politischen Heißsporn und rauflustigen Strategen. Bei der Premiere als Landesvater gestern zeigte er sich dagegen staatsmännisch, überraschte mit einer Entschuldigung bei den Opfern von DDR-Unrecht, wendete sich direkt an seinen guten Freund Andreas Möller auf der Landtagstribüne, einen früheren Stasi-Häftling. Ramelow, ein Mann voller Widersprüche: Mehrfach war er schon im Vatikan. Er glaubt, dass er einen Schutzengel hat, ist ein regelmäßiger Kirchgänger. Doch die Eidesformel „So wahr mir Gott helfe...“ kommt ihm gestern nicht über die Lippen.

Vom Verkäufer, der mit 14 Jahren wegen Legasthenie die Schule abbrach und als Lehrling lernte, in kürzester Zeit Kaninchen auszunehmen, zum Regierungschef in Erfurt – eine steile Karriere.

Nach dem Mauerfall war er nach Thüringen gegangen, als Landesvorsitzender der damaligen Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen. 1999 dann der Einzug in den Erfurter Landtag. 2005 und in den folgenden Jahren managte er die Fusion zwischen der westdeutschen Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) und der PDS, vermittelte immer wieder in den Verhandlungen zwischen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.

2009 entscheidet er sich gegen die Bundespolitik und für Thüringen. Witterte er damals womöglich bereits die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit SPD und Grünen? Ramelow, ein treuer Diener seiner Partei, der sich aus den Auseinandersetzungen und Machtkämpfen an der Bundesspitze zuletzt weitestgehend zurückhielt. Doch setzt er gezielt darauf, in der Traditionalisten-Klientel zu punkten. Kürzlich erst forderte Ramelow die Aufhebung des KPD-Verbots und ein Ende von Gerichtsverfahren wegen des Tragens von FDJ-Hemden. Zudem übte er den Schulterschluss mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in einer parteinahen Immobiliengesellschaft und verteidigte dies in der Öffentlichkeit noch trotzig.

In Thüringen vermittelt er Gesprächspartnern jedoch das Gefühl, ein ernsthaftes Interesse an Aufarbeitung von DDR-Unrecht zu haben. Trotzdem bleibt er in der Kritik, weil in der Erfurter Linksfraktion nicht nur Ex-Stasi-Spitzel sitzen, sondern auch viele frühere SED-Genossen.

Zwei Tage vor seiner Wahl traf er sich in der Weimarer Jacobskirche zum Wortgefecht über die DDR als Unrechtsstaat mit CDU-Kontrahent Mike Mohring. Die Staatskanzlei solle ein offenes Haus sein, offen auch für die Opfer des SED-Staates. „Wir müssen über das Unrecht, die Willkür und die DDR als Diktatur intensiv sprechen. Aufarbeitung hat für diese Koalition höchste Priorität“, verspricht er. Worte, an denen der erste Linken-Ministerpräsident Deutschlands jetzt gemessen wird.

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