Mobiler Versorger : Der rollende Dorf-Treff

Gerlinde Jahnke (l.) im mobilen Verkaufswagen

Gerlinde Jahnke (l.) im mobilen Verkaufswagen

Ländliche Regionen bluten aus: Menschen gehen, Bankfilialen schließen, es fehlt an Ärzten, die Versorgung schrumpft zusammen. Ein Besuch bei einem mobilen Versorger.

svz.de von
11. März 2016, 11:45 Uhr

Patrick Pasewald und Gerlinde Jahnke haben sich dick eingepackt. Sie reiben sich die Hände, es ist kalt an diesem Morgen, vielleicht ein oder zwei Grad. Ihre Blicke wandern zufrieden über die Theke. Noch ist genug für alle da.

Fünfmal pro Woche fahren Pasewald und Jahnke mit einem Verkaufswagen über die Dörfer südlich von Ludwigslust: Grebs-Niendorf, Neu Kaliß, Malliß, Malk Göhren, Karenz. Dienstags bis samstags, jeden Tag eine andere Route. Sie verkaufen Fleisch und Wurst der Metzgerei Wolf aus Vielank. Und ab und zu, erzählt Jahnke, auch mal eine Tafel Schokolade oder ein Glas Honig. Was sich der Kunde eben wünscht. Viele Menschen auf den Dörfern haben immer weniger Chancen, in der Nähe des eigenen Zuhauses einzukaufen. „Deshalb fahren wir zu ihnen“, sagt sie. Eine Neuheit sei das zwar alles nicht. Schon nach der Wende tingelte Jahnke mit dem mobilen Verkaufsstand über die kleinen Orte, um den Kunden den Weg nach Vielank zu ersparen. Heute aber geht es oftmals nicht mehr um den Geschmack, sondern um die Grundversorgung; häufig der älteren Menschen, die nur schwer vom Dorf wegkommen.

Kaum ein anderes Bundesland ist „älter“ als Mecklenburg-Vorpommern: Der Altersdurchschnitt liegt bei 46,5 Jahren. Noch Anfang der Neunziger war die Bevölkerung in MV die jüngste Deutschlands. Die Jungen sind weggegangen oder leben in Städten wie Rostock, zurückgeblieben sind ländliche Regionen; im wahrsten Sinne – mit dem Ergebnis, dass die Versorgung auf den Dörfer bröckelt: Discounter gibt es nur noch wenige, der Konsum um die Ecke kann sich nicht mehr halten, weil zu wenige Menschen einkaufen. Ein Teufelskreis. Rund die Hälfte der Gemeinden im Land hat nicht mehr die Möglichkeit, sich wohnortnah zu versorgen. Laut Verkehrsministerium gilt als „wohnortnah“ die fußläufige Erreichbarkeit eines Lebensmittelladens, also 500 bis 700 Meter. Ähnlich verhält es sich bei Banken, Ärzten, Bibliotheken und dem Nahverkehr. Und schnell werden zwei, drei oder fünf Kilometer zu einer unüberwindbaren Strecke.

Ingrid Kuy ist mit dem Fahrrad gekommen. Sie wohnt in Malliß. Zweimal die Woche fährt sie zur Bahnhofsstraße. So gegen zehn Uhr. Sie weiß, dass der Verkaufswagen schon wartet. Ein kurzer Plausch mit Pasewald und Jahnke, man kennt sich. Dann bestellt Kuy für das Wochenende: sechs Wiener Würstchen, Leberwurst, Schinkenspeck, Mettwurst, Leberkäse, Blutwurst und Eiersalat; alles für 7,81 Euro. „Der Geschmack ist wichtig, natürlich“, sagt Kuy. Aber es sei eben auch das Bequeme, das Unkomplizierte, das Schöne, innerhalb von ein paar Minuten Fahrradweg eine Möglichkeit zum Einkaufen zu haben. Und sie könne ja noch fahren! Andere schafften das nicht mehr. Nirgendwo in Deutschland ist die Bevölkerungsdichte so gering wie in MV. 69 Einwohner kommen hier auf einen Quadratkilometer. Im vergleichbaren Schleswig-Holstein sind es 178, im Bundesdurchschnitt 226. Zwischen Elbe und Oder gibt es die größten Landkreise Deutschlands mit den größten Entfernungen zwischen den einzelnen Dörfern und Städten. Jahnke erzählt: Wenn Ältere nicht mehr aus dem Haus kommen können oder wollen, hängen sie den blauen Firmenbeutel der Fleischerei Wolf an ihre Tür. Oft liegt darin der Wunschzettel, manchmal sogar schon das Geld. Sonst klingeln sie kurz und nehmen die Bestellung auf. „Wir machen ihnen dann alles fertig und bringen es wieder zurück.“ Zum Abschied winkt Kuy. Am Dienstag komme sie wieder, länger hält ihr Einkauf für sie und ihren Mann nicht. Pasewald und Jahnke warten noch ein paar Minuten, bevor sie in die nächste Straße einbiegen. Vor einem Hauseingang steht eine kleine Menschentraube, als warte sie auf den nächsten Bus. In den Händen halten sie Körbe und Beutel. Einige haben sich Zettel geschrieben, damit sie ja nichts vergessen. Sie unterhalten sich angeregt, bringen sich auf den neuesten Stand. „Hast du schon gehört, nee, sag bloß?“ Dorfschnack eben.

Er kenne alle seine Kunden, sagt Pasewald. 100 sind es pro Tour. Man sieht sich mindestens einmal die Woche, hat mit der Zeit ein kleines soziales Netzwerk geschaffen. Ist einmal jemand krank oder verhindert, melden sich die Leute bei ihm ab oder sagen den Mitkäufern Bescheid, erzählt er. Oft passiert das aber nicht. Der wöchentliche Einkauf samt Unterhaltungsprogramm hat für die Menschen einen festen Platz im Terminkalender. Es mache Pasewald und Jahnke stolz: der Verkaufswagen als sozialer Treffpunkt.

Die Landesregierung sähe es gern, wenn sich in Dörfern häufiger solche neuralgischen Punkte entwickelten. Das Ministerium für Infrastruktur hat die Landesinitiative „Neue Dorfmitte MV“ (NDM) gegründet. Sie unterstützt Vorhaben in Dörfern, die darauf abzielen, die Versorgung in unmittelbarer Nähe zu verbessern; die Fördersummen reichen von 5000 bis 150 000 Euro – und sofern sie nicht in den Wettbewerb eingreifen. Es gehe darum, den klassischen Dorfladen zu stärken oder neu zu beleben und damit dörfliche Lebenskultur zu erhalten, heißt es.

Die Fleischerei Wolf mit ihrem mobilen Verkaufswagen fällt aus dem Raster. Sie wird nicht gefördert, weil sie nur ein spezialisiertes Sortiment anbietet. Der Status einer echten Institution in den Dörfern rund um Vielank aber bleibt ihnen erhalten. Und das nicht nur, weil am Abend fast die ganze Theke ausverkauft ist.

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